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Wie weit kann Mann gehen?
Anfassen kann bereits als Belästigung empfunden werden. Das zeigt die Sexismus-Debatte deutlich. Foto: © Microgen/Shutterstock.com
Sexismus

Wie weit kann Mann gehen?

Anstarren, blöde Sprüche, unerwünschtes Berühren – wo verlaufen die Grenzen zur Anmache? Expertinnen sagen, wie man sich etwa gegenüber Kolleginnen verhält.

27.11.2017
  • THOMAS BLOCK UND MICHAEL GABEL

Berlin. Bettina Feller ist als gelernte Kommunikationswirtin selten um Worte verlegen. Aber als sie einen Fachvortrag hielt und ihr ein Kollege danach einfach nur sagte, sie sei „ein schöner Anblick“ gewesen, machte sie das sprachlos. „Er sagte nichts zu Inhalten, nur etwas über mein Äußeres.“ Feller ärgert sich noch heute. Damals nahm sie die Bemerkung kommentarlos hin. Heute, so sagt sie, würde sie mit einer Frage kontern. „Ein einfaches ,Wie meinen Sie das?‘ würde schon reichen. Die meisten Männer kommen dann ins Nachdenken.“

Was Feller schildert, ist ein typisches Beispiel für Alltagssexismus. Durch seine Bemerkung hat ihr Kollege deutlich gemacht, dass er Fellers optische Reize mehr schätzt als ihre Fachkompetenz. Was sie zu sagen hat, interessiert ihn nicht. Und genau über solche Fälle wird seit Wochen heftig diskutiert.

In Deutschland, in den USA, ja sogar in Indien und in Russland tobt eine Sexismus-Debatte. Nachdem bekannt wurde, dass der Hollywood-Produzent Harvey Weinstein über Jahre seine Mitarbeiterinnen sexuell belästigt hat, haben Frauen im Internet ihre Erfahrungen mit Alltagssexismus geteilt. Und sie teilen sie noch immer. Vier Jahre nach der Aufschrei-Debatte ist so eine Welle losgetreten worden, die die Definition dessen, was Sexismus ist, neu festlegt. Unter #MeToo sagen auf Twitter Frauen: Hier verläuft die Grenze, und Ihr habt sie überschritten.

Die Debatte ist das Ergebnis einer Entwicklung, die vor vielen Jahren eingesetzt hat. Waren in den 1980er-Jahren noch manche der Ansicht, dass es in Ordnung sei, wenn ein Chef seiner Angestellten zur Begrüßung einen Klapps auf den Po gibt, denkt das heute niemand mehr – ein Erfolg der Emanzipationsbewegung und der Debatten, die sie geführt hat. Die Frage ist nun: Wo stehen wir? Was geht als flotter Spruch durch, was überschreitet die Grenze? Wo endet das Kompliment, und wo beginnt die Herabwürdigung?

Für die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi fallen unter sexuelle Belästigung: „Hinterherpfeifen, Anstarren, anzügliche Bemerkungen, unerwünschte Berührungen wie an den Po zu greifen, an die Brust zu fassen, aufgedrängte Küsse, Androhung beruflicher Nachteile bei sexueller Verweigerung.“ Doch allein die Tatsache, dass sich in den vergangenen Monaten ein richtiger Ratgeber-Markt zu dem Thema entwickelt hat, zeigt das Ausmaß der Verunsicherung: Verdi schult vor allem Betriebsräte, Regine Rossel bietet Seminare für Mitarbeiter und Führungskräfte an.

Beratungsbedarf besteht aber anscheinend auch in höchsten politischen Kreisen. So wurden in den USA alle Abgeordneten des Repräsentantenhauses sowie die Senatoren dazu verpflichtet, Schulungen zur Prävention von sexuellen Belästigungen zu besuchen. Vorausgegangen waren Enthüllungen über einen US-Politiker, der sich vor einer Mitarbeiterin entblößt haben soll.

„Den meisten Männern ist sehr bewusst, wo die Grenze ist“, sagt Birte Rohles von der Frauenrechts-Organisation Terre de Femmes. Jeder Chef weiß, dass es nicht in Ordnung ist, sich vor einer Mitarbeiterin zu entblößen. Sexismus-Debatten machen klar, dass Fehlverhalten nicht toleriert wird. „Diese Männer“, sagt Rohles und meint jene, die sich nicht benehmen, „sollen merken, dass ihr Verhalten gesellschaftlich nicht mehr akzeptiert wird“. Sie hofft auf eine „Bewusstseinswende“ und nimmt wahr, dass mehr Männer einsichtig sind. „Das ist eine neue Qualität.“

Dass Sexismus weiterhin ein Problem in der deutschen Gesellschaft ist, lässt sich kaum leugnen. Eine Umfrage der Antidiskriminierungsstelle des Bundes hat ergeben, dass die Hälfte aller Beschäftigten Erfahrungen mit sexueller Belästigung gemacht haben. Damit diese Vorkommnisse künftig weniger werden, muss die Gesellschaft, müssen Männer und Frauen festlegen, wo Belästigung beginnt.

Ruth Hochgürtel, Seminarleiterin bei Verdi, wird in ihren Schulungen oft auf Grenzfälle angesprochen. „Darf ein Mitarbeiter eine Kollegin zum Abendessen einladen?“ Ja, er darf, sagt sie. „Aber nur, wenn die Frau frei darin ist, auch Nein sagen zu können.“ Also sollte sich ein Vorgesetzter besser zurückhalten? „Nicht unbedingt. Aber er sollte sich sicher sein können, dass die Frau ein Interesse hat.“ Am Arbeitsplatz sei mit sexueller Belästigung noch sensibler umzugehen als im Privaten, da es dort zum Beispiel viel häufiger Abhängigkeiten gibt, sich die Betroffenen nach dem Vorfall aber auch nicht aus dem Weg gehen können. „Die Grenzen dessen, was als unangenehm und unangemessen empfunden wird, liegen bei jedem anders, daher sollte jeder am Arbeitsplatz alles vermeiden, was unangemessene Intimität berühren könnte“, sagt Hochgürtel.

Doch es gibt immer wieder Fälle, in denen eine Beurteilung schwerfällt. Bei Verdi schildert man das Beispiel eines Betriebsrats, bei dem sich eine Frau ausweinte, weil sie in der Firma Probleme hatte. Der Mann wollte sie trösten. Wie er das tat, darüber gehen die Darstellungen auseinander. Streichelte er nur ihren Arm, wie er betont. Oder küsste er sie auf die Stirn, was die Frau ihm vorwirft? Der Betriebsrat wurde entlassen. „Er war für den Arbeitgeber immer unangenehm, vielleicht hatte das auch damit etwas zu tun“, heißt es seitens der Gewerkschaft. Der Fall liegt nun vor Gericht, Ausgang offen.

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27.11.2017, 06:00 Uhr
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