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Extremismus

Wie weit gehst du unter Gruppendruck?

Manipulation und sozialer Druck: Das Projekt „X-Games“ soll Schülern zeigen, wie Radikalisierung funktioniert. Ein Experiment, das es in sich hat.

26.01.2018

Von SANDRA GALLBRONNER

Stuttgart. Bombenalarm. Am Abend soll in der Schleyer-Halle in Stuttgart eine Katastrophe passieren. Die Polizei hat den Terroristen bereits gefasst. Doch der verweigert die Aussage. Ein Ass haben die Beamten noch im Ärmel: den 10-jährigen Sohn des Verdächtigen. Nun gibt es zwei Möglichkeiten: Das Verhör fortführen oder dem Sohn des Terroristen die Finger brechen, um den Vater zum Sprechen zu bewegen. Ein Dilemma?

„Wir haben keine Garantie, dass er auspackt, wenn wir dem Sohn die Finger brechen“, bringt ein Schüler des Berufskollegs der Stuttgarter Johann-Friedrich-von-Cotta-Schule in die Gruppendiskussion ein. „Dann sterben aber tausende Unschuldige“, erwidert ein Mitschüler.

Das Szenario ist fiktiv. Dennoch sollen sich 20 Schüler im Alter von 17 und 18 Jahren in die Polizeibeamten hineinversetzen.

„X-Games“ heißt das Projekt: ein Spiel zur Radikalisierungsprävention an Schulen, das sich an 16- bis 22-Jährige richtet. Entwickelt haben es die Fach- und Beratungsstelle Extremismus „Inside Out“ und die Polizei Stuttgart. Das Ziel: junge Menschen frühzeitig über Extremismus aufklären. „Es ist unser Bildungsauftrag, die Schüler zur kritischen Reflexion, zum Abwägen und Hinterfragen zu erziehen“, sagte Schulleiterin Birgit Jaeger-Gollwitzer.

Und das Spiel hat es in sich. Die Schule im Osten Stuttgarts ist die erste, die das Programm ausprobiert. In Kleingruppen müssen die Schüler fünf Stationen bewältigen. Dabei leitet jeweils ein Spielführer von Inside out ein Team. Das Knackpunkt: Die Schüler haben keinen blassen Schimmer, dass es um ein Präventionsprojekt geht. Stattdessen wird ihnen vorgegaukelt, dass sie an einem Experiment teilnehmen. Das sei wie in der Realität, sagt Ludwig Haupt von der Polizei Stuttgart. Dort können sie auch in radikale Kreise „hineinstolpern“.

Ein „Spitzel“ als Scharfmacher

Das ist nicht alles. „Wir möchten die Schüler in eine Situation bringen, der man nicht entrinnen kann“, sagt Projektleiter Tilman Weinig. Soll heißen, sie werden manipuliert, instrumentalisiert und zu menschenverachtenden „Lösungen“ von Gewalt bis hin zur Mord angestiftet. Diese Aufgabe übernimmt ein Spielleiter, aber auch ein Teil der Schüler selbst. Denn in die Gruppen werden „Spitzel“ eingeschleust: Schüler, die vorab angewiesen wurden, jede Entscheidung ihrer Gruppe zu boykottieren – und zu versuchen, sie umzustimmen. „Wenn ihr das schafft, gibt es Bonuspunkte“, erklärt Spielleiter Alexej Boris. Und dieser Anreiz gelingt, denn es geht um 500 Euro, wie Boris den Spitzeln erzählt.

Und wie fiel nun die Entscheidung im Fall des Terrorverdächtigen aus? Gruppe A ist zunächst sicher: Der Junge kann nichts für das Verbrechen seines Vaters und solle nicht leiden. Der Spielleiter macht Druck: „Wollt ihr warten, bis die Bombe hochgeht?“ „Damit müssen wir dann halt leben“, sagt ein Schüler und erntet zustimmendes Nicken. Schon klinkt sich der Spitzel energisch ein: „Weiter verhören? Ganz gewiss nicht.“ Es gehe schließlich um tausende Menschenleben. Tatsächlich rückt die Gruppe von der Entscheidung ab – und würde dem Jungen doch die Finger brechen.

Das ist nur ein Szenario, das die Macht der Beeinflussug zeigen soll. In einem anderen geht es darum, fünf Bahngleisarbeiter vor einem heranfahrendem Zug zu retten, indem ein Kinderschänder vor den Zug gestoßen wird. „Klar, dann hätten wir zwei Probleme gelöst“, heißt es da. Und: „Anstelle des Kinderschänders haben die Bauarbeiter sicherlich Familie.“

Im Anschluss tauschen sich die Schüler über das Erlebte aus. Gemeinsam reflektierten die Beteiligten die Entscheidungen. Und Boris weiß: „Vieles war gar nicht gewollt.“ Ein Schüler trifft es auf den Punkt: „Keiner hat das Recht, ein anderes Leben zu nehmen.“

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Erstellt:
26. Januar 2018, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
26. Januar 2018, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 26. Januar 2018, 06:00 Uhr

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