Wie sich der Albtraum Praktikum in eine Tür zu ungeahnten Möglichkeiten verwandelt

Der Begriff „Generation Praktikum“ hängt mittlerweile so gut wie allen Studenten und Berufsanfängern zum Halse heraus. Dennoch ist es immer noch ein topaktuelles Thema, welches besonders nach der Verabschiedung des Mindestlohngesetzes (MiLoG) 2015 eine wirtschaftliche interessante Wende genommen hat.

13.07.2020

Bild: Pixabay

In den 90er/00er Jahren war es Gang und Gebe für Praktikanten ohne Vergütung bzw. mit viel Glück bei einem Gehalt von 400-500 Euro im Monat zu arbeiten, denn die guten Praktikumsstellen waren hart umkämpft und wer nicht so wollte wie der potentielle Praktikumsanbieter, wurde schnell durch einen Konkurrenten – der „billig“ zu haben war - ersetzt. Also galt: Besser ohne Vergütung arbeiten und lernen und bei Mutti wohnen bleiben, als selbstständig zu sein und später kein brauchbares Praktikum bei einer renommierten Firma vorzuweisen zu können. Denn viele Arbeitgeber gucken ganz genau wie viele Praktika absolviert und vor allen Dingen, wo diese gemacht wurden – ob man dabei anständig bezahlt wurde, fragt keiner. Und so nahm das Dilemma seinen Lauf... Aber dem wurde jetzt mit dem MiLoG ein jähes Ende gesetzt, ab jetzt gilt: Wer einen Praktikanten mehr als drei Monate beschäftigt, muss ihm/ihr den Mindestlohn zahlen.Also liegt die durchschnittliche Vergütung eines 39-Stunde-pro-Woche-Praktikums nun bei 950,00 € im Monat. Die Idee ist, dass gut ausgebildete junge Arbeitskräfte nicht mehr länger ausgebeutet werden sollen, denn laut des CLEVIS-Praktikantenspiegels befinden sich knapp 80% der Praktikanten im Studium und der Rest sind sogar Absolventen und „Young Professionals“.

Welche Möglichkeiten gibt es auf EU-Ebene?

Ein Praktikum zu absolvierten hat also viele Gründe, sei es, dass die spätere Berufswahl noch nicht ganz klar ist, der Studiengang es fordert oder man ein paar gute Namen, sowie Erfahrungen für den Lebenslauf sammeln will, denn so sagt die CLEVIS-Studie, dass die Top-Drei: Lernen, der Lebenslauf und die Branche kennenlernen sind.

Aber durch das MiLoG hat sich die Praktikumslandschaft deutlich verändert. Viele Praktika werden in den wirtschaftsnahen Branchen gemacht, da 51% der Studenten im Praktikum Wirtschaftswissenschaften studiert. Durch die gestiegenen Kosten in der Vergütung der Praktikanten, hält sich aber eben diese Branche nun stark zurück und vergibt weniger Praktika beziehungsweise nur noch solche, die bis zu drei Monate dauern und somit nicht unter das Mindestlohngesetz fallen. Das bringt die zukünftigen Praktikanten sowie die Unternehmen in eine schlechte Position, dienen Praktika nicht nur zum Lernen, sondern auch zum Kennenzulernen, denn viele Firmen rekrutieren so ihre künftigen Mitarbeiter. Dadurch gerät unsere „Generation Praktikum“ in ein neues Dilemma, zwar bekommen die Praktikanten jetzt mehr Geld, wenn sie ein langfristiges Praktikum machen, aber an dieses müssen sie erstmal rankommen, da es weniger Plätze, als Folge der höheren Kosten gibt. Die zukünftigen Praktikanten müssen also umdenken, entweder sie weiten ihre Suche auch auf das Ausland aus, unter der Nutzung von Portalen wie zum Beispiel jenes der Europäischen Union, welches seinen Schwerpunkt auf Auslandspraktika legt oder sie schauen, ob vielleicht auch andere Branchen Angebote haben, die interessant klingen und ihnen in ihrer weiteren Berufslaufbahn hilfreich sein können.

Nischen der Privatwirtschaft als Chance

Zum Glück studieren aber nicht alle Wirtschaftswissenschaften und somit gibt es auch noch ein paar andere sehr interessante Berufszweige, die weder für Praktika noch für den späteren Job solch immense Hürden bereithalten. Einer dieser Zweige ist bestimmt die Ausbildung zum und der Beruf als Fachübersetzer. Eine spannende Sparte und ein Beruf der nie obsolet wird oder von Maschinen ersetzt werden könnte, da unsere Sprachen einfach (noch) viel zu komplex sind, als dass eine Maschine sie komplett erfassen und uns Menschen den Job wegnehmen könnte. Die Ausbildungsmöglichkeiten sind zahlreich, denn man kann diesen Beruf an Universitäten und Fachhochschulen als Diplom-, Bachelor- und Masterstudiengang erlernen oder auch auf dem Ausbildungsweg um dann nach einer bestandenen Prüfung bei der IHK einen Übersetzer- und Dolmetscher-Abschluss in den Händen zu halten. Danach wird sich ins Berufsleben gestürzt oder noch ein Jahr drangehangen und die Aufbauausbildung zum Fremdsprachenkorrespondenten gemacht.

Mit oder ohne Aufbauausbildung sind einem in diesem Berufsfeld fast keine Grenzen gesetzt, ob als vereidigter Übersetzer, Dolmetscher, Fremdenführer, Simultanübersetzer oder Fachübersetzer in einem Übersetzungsbüro, um nur ein paar Optionen zu nennen, die Vielfalt ist gegeben. Und somit auch die Möglichkeit, seinen Talenten und Vorlieben ganz buchstäblich eine Stimme zu verleihen. Denn in all diesen verschiedenen Berufen wird die Liebe zur Sprache mit purem Fachwissen kombiniert. Ob als Dolmetscher bei Konferenzen oder in Verhandlungen, der sich in der Wirtschaft sehr gut auskennen muss oder als beeidigter Übersetzer, der in Sachen Recht die Nase vorn hat, um eine Spezialisierung kommt man fast nicht umhin. Und so ist es auch keine Seltenheit, dass die professionellen Übersetzer in Übersetzungsagenturen neben ihrem Studium zum Fachübersetzer oft auch noch ein weiteres Studium absolviert haben und mitunter komplett ausgebildete Anwälte, Ingenieure oder Ärzte sind. Dank dieses Zusatzwissens können sie so zum Beispiel komplexe medizinische Texte übersetzen und mit höchster Qualität überzeugen. Kurzum, eine etwas spannendere Arbeit ausführen, als viele gerichtlich vereidigte Übersetzer, welche vornehmlich beglaubigte Übersetzungen ausführen und Zeugnisse, Urkunden und Testamente übersetzen. Aber es ist wohl auch keine Überraschung: je umfangreiche die eigene Bildung, desto spannender -in der Regel- der Beruf.

Falls man also als Student oder als junger Mensch in der Orientierungsphase noch nach Optionen sucht, um sein sozioökonomisches Interesse oder technisches Fachwissen kreativer anzuwenden, als in den klassischen Assistenz-Berufen, so ist ein Praktikum im Bereich Übersetzen/Dolmetschen ganz sicher eine lohnende zeitliche Investition um, wenn auf den Geschmack gekommen, mit einer Zusatzausbildung ganz andere Horizonte zu öffnen, als es die Meisten in Selbstständigkeit zu träumen wagen.

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Erstellt:
13. Juli 2020, 15:57 Uhr
Aktualisiert:
13. Juli 2020, 15:57 Uhr
zuletzt aktualisiert: 13. Juli 2020, 15:57 Uhr

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