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Fluchtpunkt Olympia

Wie sich DDR-Rodlerin Ute Gähler bei den Spielen 1964 in Innsbruck absetzte und in Ulm landete

Olympia und Politik. Das ist und bleibt eine unselige Kombination. Siehe Sotschi. Vor 50 Jahren wagte Ute Gähler, heute Scheiffele, in Innsbruck die Flucht. Das DDR-Überwachungsdiktat zermürbte die Rodlerin.

06.02.2014
  • WOLFGANG SCHEERER

Ulm "Die schwerste Kurve! 8. Februar 1964" - ihr knapper Eintrag im privaten Album mit Zeitungsausschnitten, Fotos und anderen Erinnerungsstücken einer Sportkarriere lässt wenig erahnen von der großen Dramatik der Tage in Innsbruck.

Die schwerste Kurve, das war die radikale Wende im Leben der Olympia-Rodlerin Ute Gähler aus Oybin bei Zittau. In der "Sowjetzone", wie es damals offiziell hieß.

Vor der Schlussfeier der IX. Olympischen Winterspiele vom 29. Januar bis 9. Februar 1964 in Innsbruck beschloss die DDR-Athletin, sich abzusetzen. "Es war nicht geplant. Das war eine spontane Tat", sagt Ute Scheiffele fast auf den Tag genau 50 Jahre danach.

Mut brauchte man, um sich auf dem hölzernen Schlitten mit Stahlkufen in den Eiskanal zu wagen. Auf der schwierigen Olympia-Strecke hatte es unzählige Stürze gegeben. Im Training war sogar ein englischer Rodler tödlich verunglückt.

Mut zeichnet Ute Gähler aus - nicht nur als Rennrodlerin. Und sie vertraute mutigen Helfern. Unbekannte Bekannte waren es, die mit ihr am Rand der Bahn ins Gespräch kamen: Rodel-Begeisterte aus Herrlingen bei Ulm, die als Fans viele Wettkämpfe besuchten. Natürlich auch die Olympia-Wettbewerbe in Innsbruck-Igls. Irgendwann dann die Frage: "Hast du nicht den Drang wegzugehen?" Da machte es Klick.

So impulsiv die Entscheidung im Nachklang des Moments vielleicht war, eine Vorgeschichte hatte die "Republikflucht" doch. Schon seit längerem beschlich Ute Gähler das Gefühl, ihre Post werde geöffnet. Sicher war sie sich spätestens, seit ein Freund aus Dänemark ein Paket geschickt hatte. Außerdem sahen die Funktionäre mit Widerwillen ihren Kontakt zur West-Verwandtschaft: Bei der Weltmeisterschaft 1963 in Imst hatte Ute Gähler überraschend an der Strecke Besuch bekommen von ihrer älteren Schwester Eva aus West-Berlin, die ihr zudem Briefe sandte. Das tat auch Kurt Gähler aus Nürnberg, der Cousin ihres Vaters Hans. Selbst ins Olympische Dorf nach Innsbruck schrieb er.

Was dazu führte, dass Ute Gähler zu einem hohen Funktionär zitiert und zur Rede gestellt wurde. "Er behauptete, ich belüge meine Trainer, weil dieser Mann in Nürnberg in Wirklichkeit mein Vater sei. Was völliger Unsinn war. Er und meine Mutter Else lebten wie eh und je daheim in Sachsen im Zittauer Gebirge."

Innsbruck war die eigentliche Scheinwelt. Dort trat trotz des Berliner Mauerbaus 1961 eine gesamtdeutsche Mannschaft an. Es sollte für lange das letzte Mal bleiben. Allerdings war diese Konstellation bei den ersten Rodel-Rennen der Olympia-Geschichte für Ute Gähler auch sportlich von Nachteil. Sie wurde nur als Ersatz-Starterin akkreditiert.

Denn neben ihren Zimmerkolleginnen Ortrun Enderlein und Ilse Geisler aus Oberwiesenthal, die mit Gold und Silber das Plansoll voll erfüllten, wurde Minna Blüml vom RSC Schliersee nominiert. Der West-Quote wegen. Sie war fast 44, wurde Zehnte. Ute Gähler, 1963 immerhin WM-Vierte, musste also zuschauen und fühlte dabei immer unerträglicher eine "totale Überwachung. Es war fürchterlich. Weil ich im Kader war, habe ich zum Beispiel auch meine eigene Schwester im Westen verleugnen sollen". Es war wie ein olympischer Albtraum.

Da gab sie den Herrlingern ein Zeichen: Ja, ich bin bereit! Über Nacht wurde alles eingefädelt. Entscheidender Fluchthelfer war Max Leo, der 2012 verstorbene einstige Rennrodler vom Tegernsee. Er selbst hatte die Olympia-Qualifikation knapp verpasst. Ute Gähler sollte nach einem Einkaufsbummel mit einem Teammitglied in Innsbruck zum ausgemachten Zeitpunkt in der Nähe des Athletendorfs warten. Nur mit olympischem Ausweis kam man da hinein und heraus. Sie war rechtzeitig zurück aus der Innenstadt, packte im Zimmer eilig nur ihre kleine Handtasche, nahm aber unter anderem die Zahnbürste mit, was sie fast verraten hätte. Ilse Geisler, die amtierende Weltmeisterin, soll es wenig später als Erste bemerkt haben: "Die Zahnbürste fehlt! Ute ist abgehauen. . ."

Sie lag zu dem Zeitpunkt bereits versteckt unter einer Decke auf der Rückbank des VW Käfer, den Max Leo in Richtung Achensee steuerte.

Leo arbeitete selbst beim Zoll, er kannte dort oben am Grenzposten die Kollegen. Ute Gähler hörte, wie er gefragt wurde, was er da hinten im Wagen transportiere. Die Antwort: "Weißt, die ersten reisen drunten in Innsbruck scho ab. Und I muss des Gepäck mitnehmen." Der Käfer wurde durchgewunken.

Nach der ersten Nacht bei einem Trainer in Schliersee ging es weiter Richtung Ulm. Am 12. Februar feierte Ute Gähler in Herrlingen ihren 23. Geburtstag. Um überhaupt etwas West-Geld zu haben, hatte sie jene 50-Schilling-Sondermünze umgetauscht, die ihr die Rodel-Fans in Innsbruck geschenkt hatten. Heute noch gerührt, erzählt sie: "Zum Geburtstag hab ich dann noch einmal diese Olympia-Münze bekommen."

Schöne und schlimme Erinnerungen haben sich vermischt. Zu den guten zählt, dass Ute Gähler in Ulm durch Vermittlung der Freunde gleich Arbeit als Sekretärin fand. Wie sie vom ersten Lohn neue Kleidung kaufen, die blaue Olympia-Kluft von Bogner weghängen konnte. Und: Wie sie nach einem Spiel des TSV Herrlingen einen netten Fußballer kennen lernte - ihren späteren Mann Manfred. Waldläufe und Kraftübungen machten sie zusammen. Fürs Stützpunkttraining in Rottach-Egern nahm Ute Gähler Urlaub. 1968 schaffte sie erneut den Sprung zu Olympia, wurde Achte in Grenoble. Im westdeutschen Team. Bald danach folgte die Hochzeit.

Die DDR-Rodlerinnen übrigens wurden in Grenoble disqualifiziert. Sie hatten die Kufen auf unlautere Art erhitzt. Hinter dem "Skandal" stecke der Westen, hieß es mit eisigen Grüßen aus dem Osten.

Auch Ute Scheiffele persönlich wurde lange angefeindet, der Kontakt mit der einstigen Freundin Ortrun Enderlein strikt untersagt. "Ein Funktionär drohte mir: ,Wir sehen uns in der DDR wieder", erzählt sie. "Da bekam ich zum ersten Mal wirklich richtig Angst. Man hatte ja sogar schon von Entführungen zurück in den Osten gehört."

Zehn Jahre sollten vergehen, ehe Ute Scheiffele die Eltern wiedersah. Es kam ein Telegramm der Polizei, der Vater liege im Sterben. Sie fuhr mit ihrem Mann nach Oybin. Man ließ sie wieder zurück in den Westen. Hier beobachtete sie zunächst der Bundesnachrichtendienst: Spitzel-Verdacht. Der Kontakt zu den einstigen Rodlerkolleginnen riss völlig ab. Die schwerste Kurve - Ute Scheiffele hat viel trainieren müssen, um sie endgültig zu meistern.

Rodeln steht, wie in Sotschi, stets zu Olympia-Beginn auf dem Programm. Ute Scheiffele schaut gerne die Rennen, sie sieht aber auch hinter die Kulissen: "Ich bedauere, dass Sport oft unter der Politik zu leiden hat", sagt sie. "Auch Putin mit seiner Politik der Stärke missbraucht ihn." Die eigene Geschichte hat Ute Gähler für olympische Macht-Spiele besonders sensibel gemacht.

Wie sich DDR-Rodlerin Ute Gähler bei den Spielen 1964 in Innsbruck absetzte und in Ulm landete
Eisige Zeiten: Mit dem Athletenpass (oben) kam Ute Gähler 1964 in Innsbruck hinein ins Olympische Dorf und im entscheidenden Moment wieder heraus. 1968 startete sie in Grenoble als westdeutsche Olympia-Rodlerin 1968 (links). Unten: Ute Scheiffele diese Woche beim Redaktionsbesuch. Fotos: Lars Schwerdtfeger/privat

Wie sich DDR-Rodlerin Ute Gähler bei den Spielen 1964 in Innsbruck absetzte und in Ulm landete

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06.02.2014, 12:00 Uhr
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