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Wie konnte es bis zum Dettenhauser Wärmekraftwerksverkauf an die Russen kommen?
2011 war noch alles gut: Genossenschafts-Aufsichtsrat Markus Milley führt den Dettenhäuser Gemeinderat durch das Biomasse Heizkraftwerk Zimmermann GmbH. Links von ihm sein Vater Franz, ganz links außen der damalige Bürgermeister Hans-Joachim Raich. Archivbild: Sommer
Genossenschaft in Schieflage: Jetzt ist der Ofen aus

Wie konnte es bis zum Dettenhauser Wärmekraftwerksverkauf an die Russen kommen?

Die Wärmegenossenschaft in Dettenhausen hat finanzielle Probleme. Das Konzept soll aber fortgeführt werden – mit steigenden Preisen.

09.08.2018
  • Moritz Hagemann

In Dettenhausen wird seit Wochen emotional diskutiert. Das lässt sich schon daran erkennen, dass der eigentlich redselige ehemalige Bürgermeister Hans-Joachim Raich erklärt: „Ich sage dazu momentan gar nichts.“

Raich ist Vorstandsvorsitzender der Bürgergenossenschaft Dettenhäuser Wärme (DWeG), die nach TAGBLATT-Informationen in eine finanzielle Schieflage geraten ist. Auch Finanzvorstand Udo Rieker wollte sich auf Nachfrage nicht äußern. Nur der Technische Vorstand Franz Milley spricht – obwohl er zunächst sagt, er möchte sich auch nicht äußern.

Schuldfrage offen

Milleys Doppelrolle ist ein wichtiger Faktor in einem komplizierten Puzzle: Er ist nicht nur das dritte Vorstandsmitglied der Genossenschaft, sondern auch Geschäftsführer der Dettenhäuser Holzwerke Zimmermann, die Ende 2009 ein Kraftwerk für 5 Millionen Euro fertiggestellt hatten. Das versorgte die Firma mit Energie und – über die Genossenschaft – Teile des Ortes mit Wärme. Auch sitzt Milleys Sohn im Aufsichtsrat der Genossenschaft. Die soll dem Lieferanten Milley nun über 120.000 Euro schulden, worauf dieser den Vertrag kündigte. Durch eine Stundung wird offenbar die Insolvenz der Genossenschaft vermieden.

Die Schuldfrage ist für Außenstehende offen, dafür ist der Fall zu undurchsichtig. Klar ist, dass die Betroffenen erst vor wenigen Wochen über die Probleme informiert worden sind. „Das war zu spät“, sagt Dettenhausens Bürgermeister Thomas Engesser. Die Gemeinde ist der größte Wärmeabnehmer, am Netz hängen Kindergarten, Schule sowie Sport- und Festhalle. Ende 2016 hatte die DWeG 104 Mitglieder mit 275 Anteilen zu je 500 Euro.

Doch kein Selbstläufer

„Wenn das mal anläuft, wird das ein Selbstläufer“, hatte der damalige Schultes Raich noch Ende 2011 gesagt, als das Projekt startete. Doch sechseinhalb Jahre später läuft gar nichts mehr. Milley bestätigt, dass er das Kraftwerk bereits veräußert habe. „An Russen“, sagt er nur. Momentan kühle es ab, was mehrere Wochen dauert. Nebenbei werden kleinere Teile bereits abgebaut. Der Käufer will das Kraftwerk andernorts wieder aufbauen. „Wir haben damit einen Millionen-Schaden eingefahren“, erklärt Milley. Das mehrere Hektar große Gelände direkt neben dem Bahnhof sei auch so gut wie verkauft. „Der Kaufvertrag ist fertig“, sagt Milley. Das habe er schon lange loswerden wollen. Die Frage war immer: mit Kraftwerk oder ohne?

Nun stellt sich eine neue Frage, die viele beschäftigt: Warum hat die Genossenschaft offenbar kaum mehr Geld? Milley macht das vor allem am Wärmemischpreis fest, der laut Preisblatt zwischen 59 und 64 Euro pro Megawattstunde (MWh) pendelte. Auf die Frage, ob die Probleme nicht schon länger absehbar gewesen seien, antwortet er nicht. „Die Preise waren einfach viel zu billig“, klagt Milley und hält die Formel, die zur Preisänderung vertraglich verankert ist, für nicht zielführend. Völlig unklar ist, warum es außerdem zu einem erheblichen Wärmeverlust kam, der weit über dem Normalniveau gelegen haben soll. Künftig müsse man mit neuem Partner fast das Doppelte pro MWh verlangen, fordert Milley. Immerhin: Die Versorgung ist gesichert (siehe Infobox).

Kleine Haushalte mehr betroffen

Geschädigter wird vor allem der Endkunde sein. „Die Gemeinde wird das nicht an die Existenznot bringen“, sagt Engesser. Die kleinen Haushalte seien da sicherlich viel mehr betroffen. Der Bürgermeister hält sich zurück in der vorschnellen Beurteilung der Sache. Tatsache sei aber, „dass die ganze Situation für den Ort unbefriedigend und unschön ist“.

Die DWeG tilgte in der letzten zugänglichen Bilanz von 2016 noch insgesamt vier Darlehen bei der Kreissparkasse, die vor einigen Jahren vor allem zur Errichtung der Infrastruktur benötigt worden waren. 390.875 Euro waren davon vor knapp eineinhalb Jahren noch zurückzuzahlen. Im Zeitraum zwischen 2013 und 2016 wies jede Bilanz der DWeG ein Jahresdefizit zwischen 2243 und 35.006 Euro aus.

Versammlung angesetzt

Zu Einzelfällen will sich der zuständige baden-württembergische Genossenschaftsverband auf Nachfrage ebenfalls nicht äußern. Ein Sprecher sagt aber allgemein, dass eine Zahlungsunfähigkeit bei einer Genossenschaft „nur ganz, ganz selten“ vorkomme.

Der Dettenhäuser Gemeinderat steckte seine Position bereits in einer Sondersitzung am 24. Juli ab. Engesser will „das grundsätzlich gute Modell auf den Prüfstein stellen“, er werde die Entwicklung genau verfolgen. Für den heutigen Donnerstagabend ist eine nicht-öffentliche Versammlung der Beteiligten angesetzt. Danach will sich auch Raich ausführlich zur Sache äußern.

Wie die Versorgung gesichert ist

Hinter den Kulissen wird seit Wochen überlegt, wie die Nahwärmeversorgung in Dettenhausen fortgeführt werden kann. Voraussichtlich am kommenden Montag, 13. August, soll eine mobile Heizanlage in Containern installiert sein. Die wird von der EnBW-Tochter Erdgas Südwest betrieben und über die Genossenschaft in die Haushalte gebracht. Wie lange diese Lösung bleibt? „Das ist noch nicht ersichtlich“, sagt Erdgas Südwest-Sprecherin Susanne Freitag. Rechtliche Fragen, etwa die benötige Baugenehmigung, seien geklärt. Laut Freitag sei angedacht, dass „wir perspektiv die Versorgung übernehmen möchten und derzeit gerade ein neues Konzept erarbeiten“.

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09.08.2018, 01:00 Uhr
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