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Kommentar · Einwegbecher

Wie konnte das nur passieren?

03.06.2016

Von Angelika Bachmann

Man muss das Rad nicht nur ein zweites Mal neu erfinden. Man muss es wahrscheinlich fünf Mal erfinden. Wenn’s nur reicht. Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Und jede Studentengeneration wird damit beschäftigt sein, gegen Einwegbecher in Cafeterien zu protestieren.

Zu meiner Studienzeit waren die Becher braun und geriffelt. Zumindest im Farbton passten sie in die Ästhetik der 80er-Jahre. Es waren schließlich die Jahre, in denen Wohnzimmer dunkelbraun eingerichtet, Bäder braun-grün gefliest waren. Es wunderte mich überhaupt nicht, als ich zum Studium an den Brechtbau kam, dass dieser braun verkleidet, die Liegewiese grün gefilzt war und aus den Kaffeeautomaten braune Plastikbecher ploppten.

Damals machte Tübingen noch nicht blau. Aber auch ohne oberbürgermeisterliche Umweltschulung war klar: Berge von Plastikbechern jeden Tag – das war ein Skandal! Fanden wir zumindest: Die Fachschaften gründeten eine Initiative und schafften es tatsächlich, die Plastikbecher aus dem Automaten zu verbannen. Im Thekenverkauf der Cafeterien gab es damals ohnehin nur Tassen. Und jetzt das: Irgendwie haben es die Plastikbecher wieder in die Automatenwelt, ja sogar an die Theken der Cafeterien zurückgeschafft. Wie konnte das nur passieren?

Am Dienstag informierten Studierende vor der Uni-Bibliothek: 640000 plastikbeschichtete Pappbecher kauft allein das Studierendenwerk im Jahr für seine Cafeterien in Tübingen, Hohenheim und Rottenburg. Rechnet man den Kaffeeverkauf in Bäckereien und Cafés dazu, komme man in Tübingen auf 1,9 Millionen Becher pro Jahr, so Frederik Schüttler von der Umweltinitiative Tü-go. Die Becher dürfen zwar offiziell in den gelben Sack. Das Verbundmaterial aus Pappe und Plastik ist aber so schwer recycelbar, dass die Becher von der Sortieranlage direkt in die Müllverbrennunganslage wandern.

Die Initiative verteilte am Dienstag rund 800 privat gesammelte Kaffeetassen an Studierende: Diese füllten darin ihren Coffee to go, blieben vielleicht noch auf ein Schwätzchen, nahmen die Tasse mit oder gaben sie zum spülen zurück. Die Initiative fordert vom Studierendenwerk, die Einwegbecher komplett aus den Mensa-Betrieben zu verbannen. Wer seinen Kaffee mitnehmen will, soll künftig einen eigenen Becher mitbringen.

So weit will das Studierendenwerkenwerk als Betreiber der Tübinger Mensen und Cafeterien aber nicht gehen. Auf einem Aktionstag zur Nachhaltigkeitswoche am gestrigen Donnerstag wurde zwar die Kampagne „Becherwisser“ beworben (Studierende sollen Mehrwegbecher mitbringen). Das Studierendenwerk setzt dabei aber auf Einsicht und Freiwilligkeit. Das hat, wie die Erfahrung zeigt, ja in den vergangenen Jahren schon prima funktioniert.

So wie übrigens auch bei einem anderen derzeit mit erheblichem PR-Aufwand beworbenen Thema: der Vermeidung von Plastiktüten. Bangladesch war Vorreiter und Verbot im Jahr 2000 die Plastiktüte landesweit. Die EU dagegen hat mal wieder eine Richtlinie erlassen: Der Pro-Kopf-Verbrauch an Tüten soll bis 2025 gesenkt werden.

Umweltaktivismus ist eine Endlosschleife. Irgendwo in meinem Keller schimmelt noch eine braune Tasche vor sich hin. Jute statt Plastik. Alles schon mal dagewesen.

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Erstellt:
3. Juni 2016, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
3. Juni 2016, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 3. Juni 2016, 01:00 Uhr

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