Viel Hirnschmalz gefragt

Wie eine Genossenschaft eine kleine Gemeinde auf Bioenergie umstellt

Bei fast einem Viertel der Einwohner des Bioenergiedorfs Pfalzgrafenweiler kommt die Wärme per Leitung ins Haus. Geliefert wird sie von der örtlichen Bürger-Genossenschaft "Weiler Wärme" .

21.05.2011

Von RAIMUND WEIBLE

Pfalzgrafenweiler Bauer Eberhard Braun hat Handwerker auf dem Hof. Sie montieren an einem seiner beiden Großmotoren, die Gas aus seiner Biogasanlage antreibt. "Wir wollen die Abwärme noch besser ausnützen", sagt der 46-jährige Landwirt. Hauptsächlich erzeugt er mit den Motoren Strom. Dabei fällt ziemlich viel Abwärme an. Diese Wärme speist Braun ins Leitungsnetz der "Weiler Wärme" - eines genossenschaftlichen Betriebes. Doch Braun zeigt sich bescheiden. "Gegenüber dem Holzkraftwerk ist mein Beitrag ziemlich klein", sagt der Herr über die 250 Stück Vieh, mit deren Fäkalien (zuzüglich Mais- und Gras-Silage) er seine Biogasanlage beschickt.

Das Holzkraftwerk steht am anderen Ende von Pfalzgrafenweiler, ganz draußen im Osten. Es ist das Herz des Wärmeversorgungssystems von Weiler, wie die Einheimischen Pfalzgrafenweiler nennen. Seit 2008 ist es in Betrieb, und es basiert vollkommen auf erneuerbaren Rohstoffen. Werkschef Siegfried Neub befeuert den Ofen mit Restholz aus dem Wald und mit Gehölzschnitt von der Landschaftspflege - 40 000 Kubikmeter Hackschnitzel im Jahr. Das Werk und die Weiler Wärme sind damit unabhängig von fossilen Energieträgern und von fremden Konzernen. Zudem setzen Holzkraftwerk und Biogasanlage nur Materialien ein, die in der Region entstehen. "Mit dem Bezug der Heizenergie tragen die Bürger zum Klimaschutz der Gemeinde bei", sagen die Genossenschafter.

Das Nahwärmenetz ist ein Paradebeispiel dafür, was kleinere Kommunen leisten können - und wenn es nach der Bundesregierung geht, soll es viele Nachahmer finden (siehe nebenstehender Artikel). Es ist auch ein Beispiel dafür, wie bei der Energiewende Strom und Wärme zusammenhängen: Ebenso wie Braun mit seinem Biogas erzeugt Neubs Kraftwerk in der Hauptsache Strom. Für die Abwärme hat er die Genossenschaft gefunden, an deren Gründung er selbst beteiligt war. Im Winter 2008/2009 belieferte das Kraftwerk nur ein paar umliegende Gewerbebetriebe mit Wärme.

Inzwischen ist bereits ein Viertel der 4000 Einwohner der Kerngemeinde angeschlossen. Vom Holzkraftwerk läuft eine Leitung mit 200 Millimetern Durchmesser mitten ins Dorf hinein und verzweigt sich dort. Nicht nur Wohnungen hält die Weiler Wärme warm: Auch öffentliche Gebäude wie das Rathaus, die Festhalle, den Kindergarten, das Schulzentrum und das Altenheim. Künftig auch die Sporthalle, die in Bau ist. Im Winter bringt die Weiler Wärme das Wasser im Hallenbad auf Temperatur, im Sommer das kommunale Freibad. "Das ist eine ganz tolle Lösung", sagt Bürgermeister Manfred Bischoff. Jährlich will die Weiler Wärme 100 weitere Haushalte anschließen, in zwei bis drei Jahren soll die ganze Kerngemeinde am "Nahwärme"-Netz hängen. Die Kapazität reicht dafür völlig aus.

Wenn Vorstand Heinz Weiß durchs Dorf geht, um neue Kunden zu gewinnen, schlägt ihm Sympathie entgegen. "Das ist leichter, als Staubsauger an der Haustür zu verkaufen", sagt der Ex-Bankmanager. Hauptargument sind die Kosten. 20 bis 30 Prozent günstiger komme die Wärme von der Genossenschaft gegenüber individuellen Heizungen mit Öl- oder Gasbrenner. Im Haus benötigen die Abnehmer nur eine kleine Übergabestation. Voraussetzung für den Wärmebezug ist die Mitgliedschaft in der Genossenschaft und der Erwerb von zwei Geschäftsanteilen zu je 500 Euro.

Das System ist ganz auf Weiler zugeschnitten. Und die Genossenschafts-Chefs haben auch einige Probleme lösen müssen. So hätten sie viel Hirnschmalz benötigt, um sicherzustellen, dass überall die Druckverhältnisse stimmen, wenn von verschiedenen Seiten heißes Wasser eingespeist wird. Außerdem haben die Verantwortlichen vorgesorgt, dass im Winter die Stuben warm bleiben, auch wenn einer der beiden großen Wärmelieferanten ausfallen sollte. Schaltet das Heizkraftwerk ab, kann die Genossenschaft von der Zentrale aus gasbetriebene Kessel im Schulzentrum und in Betrieben aktivieren. Fünf solcher zusätzlicher Heizungen stehen im Notfall zur Verfügung.

Heinz Weiß hatte sich anfangs alles viel einfacher vorgestellt. "Wenn ich gewusst hätte, was das Arbeit macht und wie viel nervenaufreibende Verhandlungen das mit sich bringt, würde ich es nicht mehr machen", sagt Weiß. "Ich habe aber immer an die künftigen Generationen gedacht. Das hielt mich bei Laune."

Bauer Braun in seiner Biogasanlage. Die Genossenschaft hat Wärme fürs ganze Dorf. Foto: Raimund Weible

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Erstellt:
21. Mai 2011, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
21. Mai 2011, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 21. Mai 2011, 12:00 Uhr

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