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Wie die Dschihadisten Jungen indoktrinieren und als Angreifer missbrauchen
Rettung in letzter Sekunde: Kurdische Sicherheitskräfte in Kirkuk fanden bei einem Jungen einen Sprengstoffgürtel. Foto: Imago
Die Kinder-Attentäter des „Islamischen Staates“

Wie die Dschihadisten Jungen indoktrinieren und als Angreifer missbrauchen

Noch ist unklar, wer den jüngsten Anschlag in der Türkei verübt hat. Spekuliert wird, dass es ein Minderjähriger war. Der IS rekrutiert zunehmend Kinder.

23.08.2016
  • MARTIN GEHLEN

Die irakische Stadt Kirkuk erlebte am Sonntagabend dramatische Momente. Ein schlaksiger Halbwüchsiger im Trikot des Fußballstars Lionel Messi war kurdischen Polizisten aufgefallen, weil er bei einer Kontrolle plötzlich anfing zu schluchzen. Unter seinem T-Shirt steckte ein Sprengstoffgürtel. Zwei Uniformierte hielten den Jungen sofort an den Armen fest, andere holten Peschmerga-Spezialisten zu Hilfe. Die schnitten mit einer Zange Kabel und Halterungen durch. Als der Gürtel zu Boden fiel, zerrten die Männer den Jungen weg von dem Mordinstrument, Schaulustige und Ladenbesitzer applaudierten erleichtert.

Mit verstörtem Blick starrte der Teenager in die Nacht, sein Barcelona-Trikot mit der gelben Nummer 10 lag zerrissen auf dem Asphalt. Dann schoben ihn die Beamten in einen Polizeiwagen, wo der Kleine mit bloßem Oberkörper erneut anfing zu weinen, und fuhren davon. Knapp entging die Stadt einem Blutbad.

Bislang hüllen sich die kurdischen Behörden in Schweigen. Wer der verhinderte Attentäter ist, wer ihn präpariert und geschickt hat und wo genau er sich in die Luft sprengen sollte – all das ist noch unklar. Anwohner vermuten, dass er die Bombe während des Abendgebetes in einer nahegelegenen schiitischen Moschee zünden wollte. Vieles deutet darauf hin, dass in Kirkuk der „Islamische Staat“ (IS) dahinter steckt.

Beim Anschlag am Samstagabend auf eine kurdische Hochzeitsgesellschaft in Gaziantep im Südosten der Türkei wurden 54 Menschen getötet, und Präsident Recep Tayyip Erdogan sprach am Sonntag zunächst auch von einem zwischen 12 und 14 Jahre alten Selbstmordattentäter, der vermutlich im Auftrag der IS gehandelt habe. Erst gestern Abend gab Ankara zu, dass dies nur Gerüchte seien und man noch nichts mit Sicherheit wisse.

Sicher ist aber, dass vieles darauf hindeutet, dass der IS zunehmend auf sehr junge Kämpfer setzt. „Der Islamische Staat mobilisiert Kinder und Jugendliche in einem wachsenden und beispiellosen Maße“, urteilt die bisher einzige Studie zum Thema, die an der „Georgia State University“ in Atlanta erarbeitet wurde. Dazu werteten drei Forscher 89 Twitterfotos und -videos aus, auf denen zwischen Januar 2015 und Januar 2016 Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 8 und 18 Jahren als sogenannte IS-Märtyrer gefeiert werden.

Etwa 40 Prozent ihrer Gewalttaten sind Selbstmordattentate mit Dynamit-gefüllten Autos. 33 Prozent der Halbwüchsigen starben als Kämpfer auf dem Schlachtfeld, 18 Prozent nahmen an sogenannten Inghimasis-Operationen teil, bei denen Gruppen von Kämpfern mit leichten Waffen hinter feindliche Linien einsickern und sich dann gemeinsam in die Luft sprengen. Die weit überwiegende Zahl der dokumentierten Kinder-Attentate richtete sich gegen Polizisten, Soldaten oder Milizionäre. Lediglich in drei Prozent der Fälle sprengten sich Jugendliche inmitten von Zivilisten in die Luft. Solche Aktionen sind „eine sehr effektive Form von psychologischer Kriegsführung“, urteilen die Wissenschaftler, die mit zunehmenden IS-Einsätzen von Minderjährigen rechnen.

Zehntausende Heranwachsende werden seit Mitte 2014 in Schulen des „Islamischen Kalifates“ indoktriniert. Die Schulbücher, die Hass und Verachtung für Andersgläubige lehren, stammen fast alle aus Saudi-Arabien. Obendrein entwickelte der IS eine spezielle Lern-App für „die Jungen des Kalifats“, die den Kleinen das arabische Alphabet auf Dschihadistenmanier beibringen soll: Jeder Buchstabe ist als Merkhilfe verknüpft mit dem Bild von Panzern, Gewehren, Granaten, Minen oder Schwertern.

Auch setzt keine der Terrororganisationen des Nahen Ostens Kinder und Jugendliche so schockierend und bewusst zu Propagandazwecken ein wie der „Islamische Staat“. So zeigt inzwischen eine Fülle von Videos maskierte Kinder oder Teenager, die vor ihnen kniende Soldaten oder angeblich enttarnte Spione per Kopfschuss hinrichten.

Um den Schrecken noch zu steigern, wurden kürzlich in einem neuen IS-Propagandastreifen 1400 jesidische Kinder vorgeführt, die angeblich zu Selbstmordattentätern ausgebildet werden sollen, das Jüngste gerade einmal fünf Jahre alt. Immer noch befinden sich rund 3800 Jesiden in der Hand der Gotteskrieger, lediglich 2600 konnten bisher freigekauft werden. Täglich kommen Menschen aus der IS-Sklaverei zurück, berichtet Baba Cawis, der religiöse Wächter des jesidischen Heiligtums im nordirakischen Lalisch.

Der gefangene Nachwuchs seiner religiösen Minderheit ist jetzt bereits seit zwei Jahren der IS-Gehirnwäsche ausgesetzt. „Die Leute hier haben inzwischen Angst vor den eigenen Kindern, dass sie genauso gewalttätig werden wie der IS“, sagt er. „Denn Kinder – die sind wie ein weißes Buch.“

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23.08.2016, 06:00 Uhr
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