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Ausstellung

Wie aus einem Bausatz

Im Essener Museum Folkwang zeigt „Der montierte Mensch“ die künstlerischen Interpretationen technischer Errungenschaften seit der Industrialisierung.

19.11.2019

Von Ulrich Traub

Fortunato Depero: „Motociclista (solido in velocità)“ aus dem Jahr 1927. Foto: VG Bild-Kunst, Bonn/ Vittorio Calore

Der Mensch und die Maschine – das ist ein ambivalentes Verhältnis. Zwischen Abschreckung und Faszination, zwischen Zweifel und Fortschrittsgläubigkeit, ja zwischen Krieg und Frieden lagen die Positionen diametral auseinander. Das gilt gerade auch für die heutige Zeit, in der man beim Thema Künstliche Intelligenz erlebt, wie scheinbar kompromisslos sich Pro und Contra gegenüberstehen.

Ein Blick in die Kunstgeschichte zeigt, dass sich auch die Künstler immer wieder mit dieser Thematik beschäftigt haben – mit gegensätzlichen Ergebnissen. Die ambitionierte Ausstellung „Der montierte Mensch“, die das Museum Folkwang in Essen präsentiert, versucht sich an einer Antwort auf die Frage: In welcher Weise haben Künstler auf die gesellschaftlichen Umbrüche reagiert, die sich seit der Industrialisierung im späten 19. Jahrhundert in schneller Folge ereignet haben?

Der montierte Mensch hat schon früh bildnerische Gestalt angenommen. Während Fernand Légers muskulöser „Mechaniker“ noch durchaus menschliche Züge aufweist, wirkt Fortunato Deperos „Motorradfahrer“ wie aus einem Bausatz konstruiert. Gleiches gilt für die an einen menschlichen Kopf erinnernde Skulptur von Rudolf Belling. Von René Magritte ist eine leicht verhüllte Dame mit Räderwerk-Unterleib zu sehen, während Willi Baumeisters „Maschinenmensch mit Schraubenwindung“ nur als Umriss überlebt hat.

Folgen der technischen Entwicklung

Eine explizit kritische Haltung sucht man in diesen Werken vergebens. Neben dem italienischen Futurismus mit seiner Verherrlichung von Technik (und Krieg) waren es vor allem russische Künstler, die den so genannten neuen Menschen als Produkt der technischen Errungenschaften verstehen wollten. El Lissitzkys „Konstrukteur“ ist ein fotografisches Selbstporträt vor Millimeterpapier mit einer überblendeten Hand, die einen Zirkel schlägt. Als abstrahierte Menschengestalten hat Alexander Rodtschenko seine „White Robots“ ins Bild gesetzt. Ob von ihnen Gefahr ausgeht, bleibt offen. Auch Oskar Schlemmers „Radio-Zauberer“, ein Entwurf für eine Ganzkörpermaske, die den Träger zu roboterhaften Bewegungen zwingen sollte, weist dem Menschen eine dienende Rolle zu.

Ganz anders sah dagegen Otto Dix die Folgen der technischen Entwicklung, die zu den Verheerungen des Ersten Weltkriegs ursächlich beigetragen hat. In seinem expressiv-chaotischen Tableau „Der Krieg“ aus dem Jahr 1914 ist der Mensch den Kanonen zum Opfer gefallen.

Aus Sicht der Dadaisten George Grosz und John Heartfield steht er – oder besser das, was von ihm übriggeblieben ist – auf einem Podest. Doch „Der Wildgewordene Spießer Heartfield“ ist ein Krüppel, an Stelle des Kopfes leuchtet eine Glühbirne. Den „Arbeitsmännern“ hat Franz Wilhelm Seiwert 1925 ein Bild gewidmet. Im Gegensatz zu frühen Arbeiten wie Heinrich Kleys „Tiefstahlguss bei Krupp“ (1909) hat Seiwerts Werk nichts Heroisierendes: Seine Protagonisten bilden eine uniforme Masse, hohle Augen inklusive.

In 24 offenen Kabinetten, in denen rund 200 Exponate aufgeboten werden, orientiert sich die Schau weniger an der Chronologie als an diversen Themensträngen. „Megamaschine Staat“ ist einer überschrieben. Foto- und Plakatdokumente erzählen von der Unterdrückung des Individuums im Totalitarismus. Eine andere Sektion nimmt sich der Kybernetik an, die Organismen und Maschinen als sich selbst regulierende Systeme verstand und eine Kunst verursacht hat, die eher wissenschaftlichen Experimenten gleicht.

Fokus auf Künstlerinnen

Stärkere Trümpfe spielt die Schau aus, wenn sie die Rolle der Künstlerinnen fokussiert. Da Maschinen männlich konnotiert sind, führt ihre gewachsene Bedeutung zu neuerlicher Unterdrückung der Frau. Helen Chadwicks und Lynn Hershman Leesons Fotos thematisieren diesen Kontext, in dem sie Frauen in Küchengeräten oder mit Fernsehbildschirm statt Kopf, aber mit verführerischem Blick inszenierten. Bilder von Kiki Kogelnik und Maria Lassnig sowie Installationen von Roni Horn und Anna Uddenberg lassen sich als deutliche Widersprüche gegen Fremdbestimmung und die Einstellung, sein Heil ausschließlich in technischen Lösungen zu finden, verstehen.

War das Eigenleben der Malmaschine von Jean Tinguely noch ein absurder Kommentar auf die Welt nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs, so fehlt dem endlos kritzelnden Zeichenroboter von Goshka Macuga und Patrick Tresset die individuelle Handschrift völlig. Die Künstler reüssieren als Programmierer.

Es scheint, als hätten die menschenähnlichen Maschinen, die Konrad Klapheck und Thomas Ruff schon vor vielen Jahren festhielten, die Macht übernommen. Am Ende des Rundgangs verstört der in seine Einzelteile zerlegte Körper von Josh Kline und einem 3D-Drucker. Mit dem Gefühl der Verunsicherung und mehr Fragen als Antworten verlässt der Besucher die Ausstellung.

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Erstellt:
19. November 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
19. November 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 19. November 2019, 06:00 Uhr

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