Wie Handy-Apps im Kampf gegen das Virus helfen könnten

27.03.2020

Von IGOR STEINLE

Berlin. In Fachkreisen wird bereits seit längerem darüber diskutiert: Wenn die Ausgangsbeschränkungen nach Ostern voraussichtlich wieder aufgehoben werden, wie kann man dann dafür sorgen, dass die Menschen trotzdem vorsichtig bleiben und die Neuansteckungen mit dem Coronavirus gering bleiben? Eine Möglichkeit wäre, die Ortungsdaten von Mobiltelefonen für diesen Zweck zu nutzen.

Vorbild Südkorea. Im Ausland hat man damit bereits gute Erfahrungen gemacht. Nicht nur in China, wo Persönlichkeitsrechte eher wenig gelten, sondern auch in demokratischen Staaten wie Südkorea und Taiwan. In Südkorea etwa erlaubt es das Gesetz zur Kontrolle und Prävention von Infektionskrankheiten dem Gesundheitsministerium, private Daten von nachweislich sowie möglicherweise Erkrankten zu sammeln. Das können Standortdaten des Smartphones oder des Mobilfunkanbieters sein, aber auch Bilder von Überwachungskameras und Kreditkartenprofile. Mit diesen Daten können dann präzise Bewegungsprofile erstellt werden.

Erfolge durch Tracking. Ziel ist es, Infektionsketten so exakt wie möglich zu rekonstruieren und die betroffenen Menschen gezielt unter Quarantäne zu stellen. Überwachte Personen müssen informiert und die Daten nach der Überwachung gelöscht werden. Als Gegenleistung für diesen Eingriff in die Privatsphäre verzichtet der Staat weitgehend auf Ausgangssperren und viele Verbote. Bei insgesamt rund 9200 südkoreanischen Infizierten liegt die Neuinfektionsrate damit bei zuletzt zwischen 75 und 100 Fällen – zwischenzeitlich waren es 850.

Datenschutz bremst. In Deutschland wäre ein solches Vorgehen dennoch undenkbar. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) scheiterte diese Woche schon mit dem Vorhaben, eher grobkörnige Funkzellendaten im Kampf gegen das Coronavirus zu verwenden. Vom Tisch sind die Pläne damit allerdings noch nicht. „Wer nach Wegen sucht, wie man aus all den aktuell notwendigen Einschränkungen der Freiheit wieder herausfindet, der kommt um die digitale Nachverfolgung von Kontakten, also um das Handy-Tracking, nicht herum – zeitlich auf den absoluten Krisenfall einer internationalen Pandemie begrenzt und nur unter strikten Bedingungen natürlich“, sagte er der Wochenzeitung „Die Zeit“. Als Vorbild nannte er explizit Südkorea.

RKI entwickelt App. So arbeitet das Robert-Koch-Institut (RKI) gemeinsam mit dem Fraunhofer-Institut an einer App, mit der Smartphone-Nutzer herausfinden könnten, ob sie Kontakt mit Infizierten hatten. „Wenn Sie sich vorstellen, dass es möglich wäre, anhand einer bestimmten Applikation herauszufinden, wer denn in den letzten Wochen in einer bestimmten Entfernung und einer bestimmten Zeit in dieser Entfernung gewesen wäre, dann wäre das natürlich zielgenauer, diese Person direkt zu kontaktieren“, sagte RKI-Chef Lothar Wieler kürzlich. Gesundheitsämter, die momentan versuchen solche Infektionsketten altmodisch und ungenau per Fragebogen zu rekonstruieren, könnten so entlastet werden. Denn bei wie zuletzt über 4000 Neuinfektionen pro Tag kommen die Behörden schnell an ihre Grenzen. Das RKI hält sich jedoch mit Informationen über die geplante App zurück. Es sei noch nichts spruchreif, sagte eine Sprecherin auf Anfrage.

Wettrennen um die beste Lösung. Allerdings ist das RKI nicht die einzige Einrichtung, die an einer solcher Anwendung forscht. Außer in Berlin wird etwa auch in Kliniken in Chemnitz, wo Mediziner eine App weiterentwickeln, die ursprünglich für den Kampf gegen Ebola gedacht war, sowie in Hannover an digitalen Tools getüftelt. „Es gibt einen sportlichen Wettbewerb um die beste Lösung“, sagt Gernot Beutel. Beutel ist Oberarzt am Zentrum für Innere Medizin der Medizinischen Hochschule in Hannover. Er beobachtet momentan, wie immer mehr Covid-19-Patienten auf der Intensivstation landen. Nach Feierabend widmet er sich einer Datenanalyseplattform, mit der er das Coronavirus eindämmen will.

Das Prinzip ist simpel: Wer sich mit Sars-CoV-2 infiziert hat, kann die Ortungsdaten seines Smartphones als „Datenspende“ zur Verfügung stellen. Damit der Datenschutz gewahrt bleibt, erfolgt dies anonym. Diese Geodaten landen dann auf einer Plattform, die Beutel gemeinsam mit der Softwarefirma „Ubilabs“ entwickelt hat. Das Unternehmen hat bereits Geomapping-Dienstleistungen für die Telekom, Red Bull und den LKW-Maut-Betreiber Toll Collect entwickelt.

Elektronische Impfung. Besorgte Bürger könnten dann anhand ihrer eigenen Standorthistorie, die sie hochladen, feststellen, ob sie sich über eine längere Zeit am selben Ort wie eine infizierte Person aufgehalten haben. Sollten sie Krankheitssymptome aufweisen, könnte Beutels Anwendung ihnen empfehlen, sich testen zu lassen. „So könnte man das Virus zielgenau eindämmen.“ Beutel vergleicht das Konzept mit einer Impfung, nur in elektronisch: „Auch bei einer Impfung muss eine Vielzahl von Personen einbezogen werden, um für die Gesamtheit einen Kohortenschutz zu erlangen.“ Er ist überzeugt, dass die Bereitschaft zu einer Datenspende in der Bevölkerung groß ist. Laut einer Umfrage hätten sich 65 bis 75 Prozent von 4000 Befragten bereit erklärt. Igor Steinle

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Erstellt:
27. März 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
27. März 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 27. März 2020, 06:00 Uhr

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