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Kraus, Bush und die Folgen

Wie Franzen und Kehlmann zu Karl Kraus kamen

Tübingen. „What if we would ask Dan?“ Dozenturleiterin Dorothee Kimmich wusste erst nicht, wer mit „Dan“ gemeint war, traute sich aber nicht gleich, zu fragen. Im weiteren Verlauf des Gesprächs wurde es klar: „Dan“ war Daniel Kehlmann, ihn hatte Jonathan Franzen gemeint. So war das vor vielen Monaten in einem Vorbereitungsgespräch zur Poetikdozentur.

05.12.2009

Von Peter Ertle

Und so war das vor vier Jahren in Wien: Elke Heidenreich besprach an diesem Abend das eben erschienene Buch „Die Vermessung der Welt“ von Daniel Kehlmann. Aber Kehlmann hatte erfahren, dass Jonathan Franzen in der Stadt war. „Wenn man die Wahl hat zwischen Elke Heidenreichs Sendung und Jonathan Franzen fällt die Entscheidung nicht schwer“, dachte sich Kehlmann. Beim gemeinsamen Abendessen sprachen sie über Karl Kraus.

Warum ausgerechnet Karl Kraus? Dazu muss man wissen, wie das vor über neunzig Jahren war, wie das vor gut zehn Jahren war und wie das vor gut 25 Jahren war. Und so war das vor über 90 Jahren: Der erste Weltkrieg tobte und der fundamentalistische Sprachkritiker, Moralist, Schriftsteller, Polemiker, Schwarzweißmaler und hellsichtig-prophetische Katastrophiker Karl Kraus war mit seiner im Alleingang geschriebenen „Fackel“ der puristische Popstar einer Gegenkultur, ein Journalist im einsamen Kampf gegen die „Journaille“.

Vor gut zehn Jahren war das so: Daniel Kehlmann studierte Germanistik und Philosophie. Und finanzierte sich sein Studium unter anderem durch die Mitarbeit am Karl-Kraus-Wörterbuch. Er fraß sich also durch „Die Fackel“.

Vor gut 25 Jahren war das so: Der Germanistikstudent Jonathan Franzen las Karl Kraus, brauchte eine halbe Stunde pro Seite und verstand wenig. Bemerkte aber, dass die deutschen Kommilitonen selbst zwanzig Minuten brauchten und ebenfalls wenig verstanden.

Aber eine Anziehung war da, etwas blieb hängen. Die Sprache, natürlich. Es lag aber auch daran, dass die Politik unter Reagan, vor allem aber später die Politik unter George W. Bush zeigte, dass so vieles, was Kraus geschrieben hatte, virulent geblieben war: Die korrupte Politik, die korrupte Sprache, die „embedded“ Medien. Nein, den Begriff gab es noch nicht bei Kraus, aber es gab Journalisten, die von der Front berichteten und auch mal einen Kanonenböller losschießen durften: Bumm! Toll!

All das brachte Franzen auf die Idee, sich an eine Übersetzung von Karl Kraus zu wagen. Und deshalb unterhielten sich Franzen und Kehlmann vor vier Jahren in Wien über Karl Kraus. Und deshalb sagte Franzen vor einigen Monaten im Vorfeld zur Poetikdozentur: „What if we would ask Dan?“

Am Donnerstag Abend, im übervollen Audimax, berichteten sie dann weniger über die Übersetzung als eben über die Entstehung und Motivation dazu. Was recht schnell zu einer Art Schulfunkstunde, einem Karl-Kraus-Porträt führte, mit vorgelesener Biographie, original-Kraus-Einspielungen und einigen gelesenen Kraus-Texten. Da (leider) davon auszugehen ist, dass der überwiegende Teil des Publikums Kraus nicht besonders gut kannte, war das möglicherweise gar nicht so falsch – theoretisch. Praktisch hatte man den Eindruck, dass die Leute auch an diesem Abend gerne mehr über Kehlmann und Franzen und weniger über Kraus gehört hätten. Für all diejenigen wiederum, die vor allem wegen der angekündigten Übersetzungsarbeit gekommen waren, bot der Abend – nichts: Es gab keine Übersetzungsbeispiele.

Kehlmann und Franzen – ein faszinierend ungleiches Paar. Der eine schnell, druckreif, konzentriert wie ein hochinteressierter Schüler. Der andere zurückgelehnt, mitunter lange nachdenkend, bis er die richtigen Sätze findet, sich zwischendurch eine Banane schälend, über seine eigene Bemerkung, Kraus hätte die Beatles gemocht, fast vor Lachen vom Stuhl fallend. „Hat uns der am Dienstag eigentlich die Wahrheit erzählt oder Legenden aufgetischt?“ flüstert jemand.

Tja, es ist halt so: Selbstäußerungen, erst recht solche von Schriftstellern, haben immer hinführend-erhellende aber auch ablenkend-verdunkelnde Anteile. Wovon? Von der Wahrheit. Vom Buch. Für Schriftsteller ist das tendenziell: Das Gleiche. Nach der hinführenden Ablenkung vom Wesentlichen könnte man nun also wieder Bücher lesen von: Franzen. Kehlmann. Haslett. Kraus.

Kein Platz mehr: Jonathan Franzen (links) und Daniel Kehlmann brachten dem Publikum den Schreiber der „Fackel“ näher. Bild: Sommer

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Erstellt:
5. Dezember 2009, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
5. Dezember 2009, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 5. Dezember 2009, 12:00 Uhr

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