Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

"Nett, höflich, glücklich"

Wie Ehrenamtliche in Hardheim für eine warmherzige Aufnahme Schutzsuchender sorgen

Der Leitfaden für Flüchtlinge ist nach negativem Medienecho in der Versenkung verschwunden. Trotzdem funktioniert in Hardheim das Zusammenleben von Einheimischen und Fremden. Klagen sind nicht zu hören.

01.02.2016

Von HANS GEORG FRANK

Mit "Guten Tag" beginnen Helga Jekosch, Rezvan Merker und Margit Eirich den Deutschkurs. Foto: Hans Georg Frank

Hardheim. "Sie sind sehr nett, sehr höflich, sie lächeln immer und sind glücklich", sagt Elmar Günther. Der Chef eines Autohauses in Hardheim spricht nicht über liebste Kunden oder beste Mechaniker. Günther, der auch dem örtlichen Bund der Selbstständigen (BdS) vorsteht, beschreibt das Verhalten der Flüchtlinge im Dorf. "Es gibt nichts Negatives, wir haben keine schlechten Erfahrungen gemacht", fasst er für die 60 Mitgliedsfirmen zusammen.

Auch in der Imbissbude an der Hauptstraße ist kein böses Wort zu hören. "Es gibt überhaupt keine Probleme", erzählt die Würstchenbraterin und lobt auch gleich regelmäßige Putzaktionen: "Zweimal in der Woche klauben sie den Müll auf." Auch als Kunden weiß sie die Fremden zu schätzen, kaufen doch manche Hähnchen und Pommes.

Im Rathaus gibt es keine Auskunft. Bürgermeister Volker Rohm hat das Landespressegesetz außer Kraft gesetzt. Nachdem Journalisten seinen gut gemeinten "Leitfaden" bespöttelten, bekommen auswärtige Reporter keine Antworten. Schriftliche Anfragen werden ignoriert, Terminbitten abgelehnt. Nur die Lokalpresse darf melden: "Hardheim war der Zeit voraus."

Anfang Oktober war bekannt geworden, dass Rohm quasi eine Gebrauchsanweisung für Hardheim formuliert hat. Das Regelwerk sollte als Hilfe verstanden werden, nicht einschränken. Dies, glaubt Rohm nun, war wohl "eine Initialzündung", die vielen Kommunen erst Mut gemacht habe, "entsprechendes Verhalten und die Akzeptanz unserer Werte und Wertvorstellungen einzufordern". Dies sei genau richtig, meint die Frau vom Grill, in einem Mehrfamilienhaus hänge ja auch eine Hausordnung aus.

Dass sich die Asylsuchenden den örtlichen Verhältnissen angepasst haben, dürfte vor allem am Engagement vieler Ehrenamtlicher liegen. Willkommenskultur praktizieren hier der Verein "Dienst am Nächsten", die Kirchen, der "Helferkreis GU" und das Rote Kreuz. Beim Netzwerk "Hardheim hilft" stehen 209 Namen auf der Liste von Alexandra Graf-Bürschgens, die die Einsätze koordiniert.

Für die "Bedarfsorientierte Erstaufnahmestelle" (BEA) auf dem Gelände der früheren Carl-Schurz-Kaserne und für eine Gemeinschaftsunterkunft haben die Helfer einen Stundenplan von Montags bis Samstags ausgetüftelt. Sprachkurse nehmen den meisten Raum ein, aber auch Fahrrad-Werkstatt, Inliner fahren, Fußball, Gesellschaftsspiele, Sticken, Weben für Kinder, Kochen, physikalische Experimente, Musik ("Rock + Orientalisch") werden angeboten. An fünf Tagen hat ein Kindergarten geöffnet.

Montags und mittwochs stehen die Flüchtlinge vor der Kleiderkammer an. Sie bekommen gespendete Schuhe, Hosen, Pullover, Schlafanzüge, Strümpfe. Um eine geordnete Verteilung zu gewährleisten, muss vor dem Raum hinter einem Tisch gewartet werden. Ausgegeben wird nur, wenn der Bedarf schriftlich festgehalten worden ist.

Auf dem früheren Militärgelände gelten die "Grundsätze des Zusammenlebens" des BEA-Betreiber Ciborius. "Alle Menschen sind in Deutschland gleichberechtigt", steht ganz oben. Weiter heißt es auf Deutsch, Arabisch und Englisch: "Es gibt kein Züchtigungsrecht und keine Selbstjustiz in unserer Gesellschaft." Und: "Wir bringen unseren Mitmenschen Höflichkeit und Respekt entgegen. Auch wenn wir Meinungsverschiedenheiten haben. So solltest du dich auch verhalten."

Ein großer Unterschied zur Ethik-Charta des Bürgermeisters ist nicht erkennbar. Rohm habe die Anregungen von seinem ersten Fünf-Punkte-Programm bekommen und "ein bisschen aufgepimpt", erklärt Ciborius-Schichtführer Bernhard Ogiejko: "Kein Streit, kein Alkohol, keine Drogen, deutsche Gesetze befolgen, Rücksicht nehmen."

Das negative Medienecho habe Hardheim nicht geschadet, meint Alexandra Graf-Bürschgens: "Damit wurde erst bekannt, wie schwierig es ist, wenn eine kleine Gemeinde so viele Flüchtlinge aufnehmen muss." Hardheim hat 6831 Einwohner, davon 4800 im Hauptort, wo in der Gemeinschaftsunterkunft 350 Menschen leben.

Auf dem einstigen Armeeareal haben bis zu 650 Personen Platz, derzeit sind dort 370 aus 22 Ländern. "Im Vergleich zu allen anderen Unterkünften läuft Hardheim bestens", sagt Manfred Beuchert, als Referatsleiter beim Regierungspräsidium Karlsruhe zuständig für 20 000 Flüchtlinge. Wegen der Überschaubarkeit stimme die Kommunikation, "das macht zwei Drittel des Wohlbefindens aus".

Kurze Wege, direkte Ansprache - jedes Anliegen kann sofort besprochen werden. Standortleiter Günther Felleisen nimmt sich auf dem Flur einer mit Zwillingen schwangeren Frau an, die andere Kost benötigt. Fehlt im Zimmer ein Tisch, weil der "Ausstattungsschlüssel" diesen nicht vorsieht, kümmert sich der Helferkreis. "Wir setzen uns einfach über bürokratische Hürden hinweg", sagt Pensionär Karl Kohout, der als Logistikoffizier im Bundeswehrkrankenhaus Ulm Erfahrung als Beschaffer gesammelt hat.

Der Helferkreis reagiert auf Wünsche der Flüchtlinge. Ein junger Syrer bittet Alexandra Graf-Bürschgens um eine Aufklärung über deutsche Sitten und Gepflogenheiten. "Das spricht mir aus der Seele", freut sich die Idealistin. Kommt das Seminar zustande, könnte auch erklärt werden, warum über Hardheims Straßen derzeit Leinen gespannt sind mit Unterhosen und großen Büstenhaltern. Dieser Karneval, örtlich "Faschenacht" geheißen, dürfte in den meisten Fluchtländern eher unbekannt sein.

Ruth Busch und Gudrun Zeller ordnen die üppige Kleiderkammer. Foto: Hans Georg Frank

Karl Kohout hilft einem Afghanen, der gerade ankam. Foto: Hans Georg Frank

Hinweise des Bürgermeisters

Benimmregeln Hardheim erlangte im Oktober bundesweite Bekanntheit mit seinem „Leitfaden“ für Flüchtlinge. Die Reaktionen darauf waren zwiespältig. Hier Auszüge des Schreibens, das Bürgermeister Volker Rohm an die Flüchtlinge adressiert hatte:

„Liebe fremde Frau, lieber fremder Mann! Willkommen in Deutschland, willkommen in Hardheim. Viele von Ihnen haben Schreckliches durchgemacht. Krieg, Lebensgefahr, eine gefährliche Flucht durch die halbe Welt. Das ist vorbei. (...)

Eine Bitte zu Beginn: Lernen sie so schnell wie möglich die deutsche Sprache, damit wir uns verständigen können und auch sie ihre Bedürfnisse zum Ausdruck bringen können.

In Deutschland leben die Menschen mit vielen Freiheiten nebeneinander und miteinander: Es gilt Religionsfreiheit für alle. Frauen dürfen ein selbstbestimmtes Leben führen und haben dieselben Rechte wie die Männer. Man behandelt Frauen mit Respekt. (...)

Deutschland ist ein sauberes Land und das soll es bleiben! Den Müll oder Abfall entsorgt man in dafür vorgesehenen Mülltonnen oder Abfalleimer. (...)

In Deutschland wird Wasser zum Kochen, Waschen, Putzen verwendet. Auch wird es hier für die Toilettenspülungen benutzt. Es gibt bei uns öffentliche Toiletten, die für jeden zugänglich sind. Wenn man solche Toiletten benutzt, ist es hier zu Lande üblich, diese sauber zu hinterlassen.

In Deutschland gilt ab 22 Uhr die Nachtruhe. Nach 22 Uhr verhält man sich dementsprechend ruhig, um seine Mitmenschen nicht zu stören. (...)

Mädchen und junge Frauen fühlen sich durch Ansprache und Erbitten von Handynummer und Facebook-Kontakt belästigt. Bitte dieses deshalb nicht tun! (...)“

Zum Artikel

Erstellt:
1. Februar 2016, 08:30 Uhr
Aktualisiert:
1. Februar 2016, 08:30 Uhr
zuletzt aktualisiert: 1. Februar 2016, 08:30 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen?
Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung.
Das Tagblatt bei Whatsapp & Co.
Wir liefern die wichtigsten Neuigkeiten aus der Region immer aktuell aufs Smartphone: per Whatsapp & Co.

Um diesen Service zu nutzen, öffnen Sie tagblatt.de/whatsapp  mit einem entsprechenden Mobilgerät.

Newsletter

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder als Benutzer kostenlos neu registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter verwendet - nur falls Sie auch weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese.
Das Tagblatt in den Sozialen Netzen

Faceboook      Instagram      Twitter           Google+      Google+      Google+