Stuttgart

Jens Söring: „Wichtig ist es, Nein zu sagen“

Mit 19 Jahren wurde er wegen Mordes an den Eltern seiner Freundin in den USA verurteilt – es begann eine jahrzehntelange Haftgeschichte. Heute lebt Jens Söring als freier Mann in Deutschland – und lässt sich nicht einmal durch Corona beeindrucken.

30.10.2021

Von Caroline Strang

Stuttgart. Der Mann mit den wachen Augen hinter einer randlosen Brille isst seinen Salat mit großem Genuss. „Bestimmt kann man den Kartoffelsalat weglassen und dafür einen gemischten Salat nehmen“, sagt er gleich, als er die Speisekarte sieht. Salat ist seine Lieblingsspeise. 33 Jahre, sechs Monate und 27 Tage verbrachte Jens Söring zuerst in britischen und dann lange in US-Gefängnissen. In den ersten Jahren gab es dort noch gelegentlich frisches Gemüse und Obst. Dann wurde zunehmend gespart. Jahrelang bekamen die Häftlinge nichts Grünes mehr auf die Teller, sondern vor allem gepresste Fleischreste, Kartoffeln und Nudeln. Nun isst er Salat. Und Obst. Und guten Käse. Er staune immer noch über den Geschmack, die Gerüche der freien Welt, sagt er.

Seit gut eineinhalb Jahren ist der 55-Jährige nun frei. Er wurde auf Bewährung entlassen und nach Deutschland abgeschoben. Im Alter von 19 Jahren war er wegen Mordes an den Eltern seiner damaligen Freundin festgenommen worden. Das Ehepaar Haysom war in ihrem eigenen Haus grausam ermordet worden. Als die Polizei Söring und deren Tochter Elizabeth Haysom damals befragen wollte, flüchteten die beiden nach Europa. Sie wurden in Großbritannien festgenommen, Söring gestand die Tat mehrfach. In der Gerichtsverhandlung widerrief er die Geständnisse. Er habe den Helden spielen und seine Freundin schützen wollen und außerdem an seine Immunität als Diplomatensohn geglaubt, sagt er seither.

Der Schuldspruch bleibt

Die Jury hielt ihn für schuldig und verurteilte ihn zu zweimal lebenslang. Söring beteuerte weiterhin seine Unschuld, stellte 15 Anträge auf Entlassung, lange vergeblich. Sein Schuldspruch wurde mit seiner Freilassung Ende 2019 allerdings nicht aufgehoben. „Freiheit hab ich erhalten, Gerechtigkeit nicht“, sagt Söring auch heute noch. Am Anfang habe ihn das sehr gestört, aber das Gefühl verblasse nach und nach.

Der Mann mit der drahtigen und fast jugendlich wirkenden Figur kann sich ereifern, wenn er über die aktuelle Verfassung der CDU oder den Klimawandel spricht. Dann gestikuliert er, redet schneller und lauter, fährt seinen Zeigefinger aus. Aber er wirkt ruhig, fast mechanisch, wenn er von extremen Erlebnissen aus dem Gefängnis erzählt.

Der Geruch der freien Welt: Jens Söring ist seit gut eineinhalb Jahren wieder in Freiheit. Foto: Ferdinando Iannone

Beim Spaziergang durch einen Park erzählt er von den schlimmsten Erlebnissen dort mit einer Stimme, der keine Emotion anzuhören ist: „Ein Zellengenosse hat sich mal an meinem Bett erhängt und ich hab ihn gefunden. Das war nicht schön. Und ich habe bei einer Vergewaltigung zugesehen.“ Fast wäre ihm dasselbe angetan worden, wie er erzählt. Ein Alteingesessener habe ihn nach dem Duschen abgepasst, gepackt und gegen ein Geländer gedrückt. „Was würdest du tun, wenn ich dich jetzt mit in meine Zelle nehme“, habe er drohend gefragt. „Ich habe sehr laut geschrien, no, no, no – nein, nein, nein“, sagt Söring. Daraufhin habe ihn der Mann los- und auch danach in Ruhe gelassen. Kurz darauf habe er ihn alleine im Hof beim Sport wiedergetroffen. „Die normale Vorgehensweise wäre gewesen, da rauszugehen und ihm mit der Hantel den Schädel einzuschlagen. Das wollte ich aber nicht“, sagt Söring lakonisch. Er habe mit ihm trainiert und ihn dann gefragt, warum er Neulingen das antue. Die Antwort des Anderen: Er frage sie ja immer zuerst, er sei schließlich kein Vergewaltiger.

Wie eine Zeitreise in die Zukunft

Von den Gefängnisgeschichten lenkt Söring aber immer schnell wieder ab. Er erzählt lieber von seinem neuen Leben, von der Freiheit. Die ihm schon wenige Woche nach seiner Ankunft in Deutschland wieder genommen wurde – durch den ersten, harten Corona-Lockdown im Februar 2020. Oder etwa nicht? Er lacht auf diese Frage. „Das war nicht eingesperrt, schließlich konnte ich zum Joggen und zum Einkaufen gehen, einfach so“, sagt er. Er habe das eher als Atempause empfunden, als Chance, sich etwas langsamer in diese schnelle, laute neue Welt einfinden zu können. „Wenn einem so lange jegliches Leben verwehrt war, kann die plötzliche Freiheit einen immensen Druck mit sich bringen, all die entgangenen Erfahrungen schnellstmöglich nachzuholen“, schreibt er in seinem neuen Buch.

Söring wurde 1986 weggesperrt, da gab es noch die DDR. Einen Computer beispielsweise hatte noch niemand zu dieser Zeit. Nach seiner Freilassung hatte er plötzlich Zugang zu Informationen, er besaß ein Handy, wohnte bei einer Unterstützerfamilie in einer schönen Wohnung in Hamburg. Fast schon eine Zeitreise, 33 Jahre in die Zukunft.

33 Jahre hinter Gittern: Jens Söring im Juli 2003 in der Justizvollzugsanstalt Brunswick Co. Er soll 1985 einen Doppelmord begangen haben. Foto: Carlos Santos/dpa

Psychologische Hilfe nahm Söring nach seiner Haftzeit nicht in Anspruch. Er nehme keinerlei Anzeichen einer Psychose oder Traumatisierung bei sich wahr, sagt er. „Ich schlafe gut, habe keine Alpträume, kein zwanghaftes Verhalten entwickelt.“ Und die Erinnerungen an das Gefängnis? „Ich denke immer seltener dran und wenn, dann sind das keine verstörenden, belastenden Gedanken.“ Er klingt wie sein eigener Analytiker, wenn er das sagt, klar und rational. So klar und rational hat er auch entschieden, dass er nach der Überstellung nach Deutschland nicht seinen Namen ändern und abtauchen will. „Ein Freund hatte die Idee, ich könnte mit neuem Namen auf Island als Fischer arbeiten“, sagt er und grinst. Schließlich sei er in guter körperlicher Verfassung durch das Krafttraining im Gefängnis, auch wenn er inzwischen an der Schulter operiert werden musste. Aber er will nicht, dass die 33 Jahre in Haft umsonst gewesen sind, wie er sagt.

Später Start als Coach

Er will die Stärke nutzen, die er daraus gewonnen hat, die Strategien weitergeben, die ihm geholfen haben zu überleben. Deshalb hat er sich zum Redner ausbilden lassen und will als Resilienz-Coach auftreten. Stolz erzählt er, dass er schon ein paar Termine hat. Der Begriff Resilienz umschreibt die psychische Widerstandskraft oder auch die Fähigkeit, schwierige Lebenssituationen ohne anhaltende Beeinträchtigung zu überstehen – und klingt damit, als sei er für Söring erfunden worden. Der 55-Jährige kann aus dem Stand erklären, welche Strategien ihm im Gefängnis besonders geholfen haben. Besonders wichtig sei, ein Ziel vor Augen zu haben, Haltung zu zeigen, Verantwortung zu übernehmen, sich nicht in der Opferrolle zu sehen und klar Nein zu sagen, sagt er.

Söring will von seinen Erfahrungen erzählen. Schon in der Haft hat er mehrere Bücher geschrieben, sein neues Werk „Rückkehr ins Leben“ allerdings handelt vor allem von der Zeit nach der Entlassung, von den ersten kleinen und großen Schritten in Freiheit. Wie er anfangs ständig stolperte, wenn er auf einem unebenen Gehweg ging.

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Erstellt:
30. Oktober 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
30. Oktober 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 30. Oktober 2021, 06:00 Uhr

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