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Wahlkampf

Wettstreit auf Augenhöhe

Der SPD-Herausforderer startet forsch in das TV-Duell. Martin Schulz bringt die Kanzlerin bei Themen Flüchtlingskrise und Türkei in die Defensive. Angela Merkel muss sich rechtfertigen.

04.09.2017
  • GUNTHER HARTWIG

Berlin. Da schau her: Eine „Talkshow-Sendung“ würde Angela Merkel gern mal moderieren. Das hat die Bundeskanzlerin jetzt im persönlichen Fragebogen einer Regionalzeitung verraten. So bald wird sie sich diesen Wunsch wohl nicht erfüllen können. Vorerst ist sie auf ihre Rolle als Talkshow-Gast oder Interviewpartnerin verwiesen – oder als TV-Zweikämpferin gegen wechselnde Wettbewerber um das Amt, das die CDU-Chefin seit 2005 innehat. So wie gestern Abend: „Merkel vs. Schulz“. Der televisionäre Wahlkampf wird zeitgleich von vier Sendern live in die deutschen Wohnzimmer übertragen.

Bevor um 20.15 Uhr der Gong im Studio B ertönt, steigt bei allen Beteiligten der Spannungspegel. Die Sicherheitsvorkehrungen rund um die Produktionshallen von Adlershof sind im Vergleich zu 2013 noch einmal erheblich verstärkt worden. Mehr Polizei auf den Zufahrtsstraßen, viel privates Security-Personal im Einsatz, abgesperrte Parkbuchten, Hamburger Gitter. Eine Stunde vor Sendebeginn treffen die Matadore und ihre Begleiter ein, erst Martin Schulz, gleich darauf Angela Merkel.

Immerhin kommt der Genosse endlich in den rhetorischen Infight mit „Mutti“ – es ist der von Schulz lange ersehnte Clinch auf Augenhöhe. Der Herausforderer weiß, dass er viel falsch machen kann an diesem Abend – rückt er der populären Kanzlerin zu aggressiv auf die Pelle, kann der Schuss nach hinten losgehen. Andererseits muss er angreifen, um die gewiefte Amtsinhaberin aus der Reserve zu locken. Schwer genug ist das, wie Peer Steinbrück prophezeit hat: „Nagel mal n‘ Pudding an die Wand.“

Eine Weile kursiert im Netz bereits eine vorlaute SPD-Anzeige: „Merkel verliert. Schulz hat gewonnen.“ Eine Panne, lässt die Partei erklären. Auch das noch. Gut ausgeschlafen sind beide Rivalen – kein Wahlkampfeinsatz mehr seit Freitag. Den ersten Aufschlag muss Schulz parieren. Erst Umfragehype, dann Absturz auf Normalmaß – warum? „Drei bittere Niederlagen bei Landtagswahlen haben uns wehgetan“, sagt der SPD-Boss, „aber jetzt ist noch fast die Hälfte der Wähler unentschieden. Das ist Ansporn genug, alle wichtigen Fragen zu diskutieren.“ Die Kanzlerin im blauen Blazer (aber ohne die schwarz-rot-goldene Halskette von 2014) muss nicht nur auf die Moderatoren reagieren, sondern auch auf einen Vorhalt von Schulz: „Warum hat Horst Seehofer Herrn Orban auf den CSU-Parteitag eingeladen?“

Der Sozi – blauer Anzug, blauer Schlips - ist angriffslustig und hakt ein. Die Kanzlerin wirkt angespannt und ein bisschen überrascht von der offensiven Taktik des Herausforderers, beim Thema Flüchtlingspolitik gerät Merkel in die Defensive. Ihre Augen sind leicht gerötet, die Stimme klingt etwas heiser. Immer wieder sucht Schulz den Blickkontakt zur Kanzlerin, will sie in die direkte Auseinandersetzung zwingen. Das gelingt beim Thema Türkei. „Wenn ich Kanzler bin, werde ich die Beitrittsverhandlungen der EU mit der Türkei abbrechen“, sagt der Herausforderer. Ein erstes Ausrufezeichen. Die Kanzlerin legt sich nicht fest. Sie will mit Erdogan „im Gespräch bleiben“ und verweist auf „viel Erfahrung“ beim Umgang mit dem kratzborstigen Autokraten aus Ankara.

Streitpunkt sichere Herkunftsländer. Merkel kritisiert Rot-Grün. Schulz kontert: „Abschiebungen müssen im Einzelfall entschieden werden. Auch in Bayern. Ich halte nichts vom Schwarzer-Peter-Spiel.“ Zahlen gehen hin und her. Zwischenstand zur Halbzeit des Duells: Unentschieden, leichte Feldvorteile für Schulz, der klare Kante zeigt. Merkel wartet noch auf ihre Chance. Sie setzt auf ihr Schlusswort. Vorher aber wird noch die Gerechtigkeitsfrage aufgerufen, das zentrale Anliegen der SPD. Schulz behauptet: „Die Union will, dass die Menschen bis 70 arbeiten müssen.“ Merkel: „Nein!“ Lob vom Gegner: „Finde ich ganz toll: Frau Merkel bezieht Position.“ So wie bei der Maut, stichelt der SPD-Chef.

„Stocksauer“ ist die Kanzlerin über die Autoindustrie und ihren Diesel-Betrug. Sie schwimmt. Schulz ist zupackender. Dankbar nimmt er das Angebot Merkels an, sofort mit Justizminister Heiko Maas (SPD) über dessen Klagegesetzentwurf zu reden, der ihr bisher zu bürokratisch ist. Kommt doch noch Bewegung in den festgefahrenen Koalitionsstreit?

Schulz nutzt sein Schlusswort – 60 Sekunden – für einen Appell zu Mut und Aufbruch und gegen das bloße Verwalten des Landes. Merkel sagt nicht wie beim letzten Mal: „Sie kennen mich.“ Sondern: „Ich habe genug Erfahrung und Neugier für weitere vier Jahre.“ Dann ertönt der Schlussgong – jetzt kommen die Deuter und Interpreten zu ihrem Recht.

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04.09.2017, 06:00 Uhr
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