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Die Kandidatinnen (von links): Iska Dürr, Daniela Harsch und Isabel Lavadinho, eingerahmt von Jürgen Bein und Ulrike Pfeil, die das Podium moderierten. Bilder: Franke

Bürgermeisterin-Wahl: Wer wird die starke Frau im Rathaus?

Erstmals präsentierten sich die drei Bürgermeister-Kandidatinnen öffentlich in Tübingen

Keine 48 Stunden vor der Wahl der Bürgermeisterin für Soziales, Bildung, Kultur, Sport und Ordnung durch den Tübinger Gemeinderat stellten sich die drei Kandidatinnen am Dienstagabend im Tübinger Sudhaus vielen Fragen – entweder durch das Moderatoren-Duo Ulrike Pfeil (Kulturnetz) und Jürgen Bein (Sozialforum) oder die rund 100 Gäste.

25.10.2018

Von Moritz Hagemann

Unter ihnen war nicht einmal ein Viertel der 40 Stadträtinnen und -räte – man könnte es als Zeichen werten, dass sich viele schon entschieden haben. Dafür waren aber Oberbürgermeister Boris Palmer, Kulturamtsleiterin Dagmar Waizenegger oder LTT-Intendant Thorsten Weckherlin da.

Sie hörten die kundige Verwaltungsfachfrau Iska Dürr, 58, die klar und sachlich argumentierte, und zu deren Wahl Tübinger Liste und FDP tendieren. SPD-Kandidatin Daniela Harsch, 35, wirkte bestens vorbereitet, war um lockere Sprüche nicht verlegen und gab sich ideenreich. Isabel Lavadinho, 51, die bislang ohne öffentlichen Rückhalt einer Fraktion ist, ging nur selten in die Tiefe und ließ in ihren Aussagen viel Interpretationsspielraum.

Das begann schon mit der Einstiegsfrage, zu welchem kulturellen Event in Tübingen die drei am vergangenen Wochenende gegangen wären? Hätten Dürr und Harsch die Zimmertheater-Premiere und die „Almost Alive“-Ausstellung gewählt, sagte Lavadinho: „Ich hätte mir ein paar Freunde eingepackt und sie entscheiden lassen.“ Einen Applaus holte sich Harsch für ihre Aussage auf die Frage ab, wie denn die eigene Affinität zur Kultur sei: „Wenn wir die SPD als Theater bezeichnen, dann spiele ich eine Rolle“ – sie ist seit 2007 Mitglied des Landesvorstandes der SPD.

Iska Dürr / Bild: Franke

Wie würden sie die Prioritäten in der Kultur setzen – auch in der Raumdebatte? „Kultur muss zu den Menschen kommen“, sagte Dürr, die sich um die „wunderbaren Förderungen“ der Ministerien kümmern würde und durch Lesungen und Musik in Schulen oder Museen Synergien schaffen möchte. Lavadinho sagte, sie vermisse in Tübingen ein gutes Kulturmarketing: „Ich würde mich an alternativen Konzepten der großen Kulturstädte orientieren.“ Namen wie Berlin oder Göteborg fielen. Bessere Vernetzung und mehr Kooperation sind auch Harschs Ziele. Sie will mehr Transparenz und sogenannte Shared-Space-Konzepte schaffen, so könnten Räume geteilt werden.

Die jüngste Kandidatin sprach sich auch für einen reinen Konzertsaal in Tübingen aus, während sich Dürr „kein abschließendes Urteil“ erlauben wollte und Lavadinho darauf hinwies, dass sie Hallen kenne, die sowohl für Veranstaltungen als auch für Konzerte geeignet seien. Harsch sagte auch, dass ein kommunales Kino das Angebot attraktiver machen könnte.

Viele Initiativen sind auf Schulen oder deren Hallen angewiesen, um Räume zu finden – in den Ferien geht das jedoch nicht. Dürr will das ändern: „Die Stadt ist Hausherrin und ich kann mir vorstellen, da ein Modell zu entwickeln.“ Harsch ist „für pragmatische Lösungen zu haben“, etwa mit einer Karte als Türöffner. Lavadinho sagte, sie wolle generell die Sportmöglichkeiten im öffentlichen Raum fördern – etwa durch eine Intensivierung der bestehenden Datenbank.

Daniela Harsch / Bild: Franke

Alle sahen auch die Notwendigkeit eines Dokumentationszentrums als zentralen Erinnerungsort an die Zeit des Nationalsozialismus am Güterbahnhof an. Eine „Pflichtaufgabe“ (Lavadinho) sei der Bau eines neues Hallenbads. Ob ein 25- oder 50-Meter-Becken, „das wird man dann schauen müssen“, sagte Harsch. Auch Dürr votierte klar für ein neues Hallenbad.

In der Lärmdebatte zeigten alle drei Verständnis für beide Seiten. Lavadinho sprach sich für „klare Regelungen in der Innenstadt“ aus, „aber man muss den Jugendlichen Alternativen bieten“. Harsch regte den „Nachtbürgermeister“ aus Mannheim an: Dort wurde im Sommer ein Student von einer Jury gewählt, der zwischen Anwohnern und Feiernden vermitteln soll. In der Open-Air-Szene möchte Dürr darauf achten, die Veranstalter nicht zu überfordern, da sich kaum noch welche finden, die mit großem, finanziellem Aufwand und vielen Vorschriften Events organisieren. Lavadinho würde „ungern Dinge verdrängen“. Und Harsch will in Sachen Schlosshof-Nutzung „mit der Uni in den Clinch gehen“, aber auch prüfen, ob gewisse Veranstaltungen nur im Zweijahresrhythmus stattfinden sollten, um nicht zu viele Events zu haben.

Der zweite Themenblock befasste sich mit Sozialem. „Wir müssen noch mehr in der stationären und ambulanten Pflege tun“, sagte Lavadinho, die Kenntnislücken in der Tübinger Sozialkonzeption offenbarte. Dürr will sich darum kümmern, „den Verbleib in der eigenen Häuslichkeit so lange wie möglich sicherzustellen“. Und sich an Ideen orientieren, um den Eigenanteil an der Pflege zu reduzieren und so auch die Altersarmut zu verringern: „Jeder muss das Angebot finden, mit dem er am längsten alleine leben kann.“ Harsch sah in der Pflegestrategie „viele, viele Punkte, die man angehen sollte“. In Sachen Altersarmut gehe es auch um Transparenz, „wir müssen die Scham mindern“. Sie sah als zusätzlichen Schwerpunkt an, den runden Tisch Kinderarmut etwa um Beteiligte von psychischen Erkrankungen zu ergänzen, um „den weißen Fleck“ zu schließen.

Isabel Lavadinho / Bild: Franke

Moderator Bein wollte wissen, wie die Kandidatinnen eine Kürzung der Sozialzuschüsse verhindern wollen, sollten mal schlechtere Zeiten für die Stadtkasse anstehen. Nicht kürzen, sondern aufschieben, wäre Harschs Lösung. „Kürzungen werden immer wieder im Raum stehen“, sagte Lavadinho, die betonte, alle Drittmittel abrufen zu wollen. Kürzungen seien das letzte Mittel, ergänzte Dürr. Wenn, dann müsse man den Kürzungsansatz wie eine Blaupause drüberlegen „und gucken, was Sinn macht“.

Linken-Stadtrat Gotthilf Lorch, der im Rollstuhl sitzt, erkundigte sich nach der Barrierefreiheit in der Stadt. „Wir müssen Betroffene einbinden“, sagte Dürr. Die anderen schlossen sich dem an. In Sachen Inklusion und Teilhabe gehöre Tübingen zur Spitze Baden-Württembergs, sagte Dürr. Lavadinho kam auf das Thema Arbeit zu sprechen: „Es gilt, viel mehr Möglichkeiten zu schaffen, Menschen mit Handicaps ins Arbeitsleben zu integrieren.“

Welche Rolle spielt die Gesundheit in der Kommunalpolitik? „Sie ist viel präsenter als es den Anschein macht“, sagte Dürr. Burnout-Erkrankungen oder der „verschreckte Umgang“ mit Depressionen seien etwas, bei dem „die Stadt in der Verantwortung“ steht, so Harsch. Sie pflichtete Dürr bei, dass auch die Ernährung ein Thema sei, auf das die Politik durch Prävention Einfluss nehmen kann. Lavadinho kündigte an, die Zusammenarbeit mit dem Landkreis intensivieren zu wollen und warnte davor, die Menschen nach einem längeren Klinikaufenthalt alleine zu lassen: „Wie finden sie überhaupt eine Eingliederung?“

Alles in allem punkteten Dürr und Harsch durch eine gute Tübingen-spezifische Vorbereitung; Lavadinho versuchte, viel über Stuttgart herzuleiten und mit der Landeshauptstadt zu vergleichen. Welches Konzept aufgeht, entscheidet heute ab 17 Uhr der Gemeinderat.

Neue Bürgermeisterin wird, wer heute Abend die einfache Mehrheit der 41 Gemeinderatsstimmen (einschließlich der Stimme von Oberbürgermeister Boris Palmer) bekommt. Abzusehen ist das Ergebnis nicht. Die SPD (7 Sitze) hat als einzige Fraktion mit Daniela Harsch eine eigene Kandidatin aufgestellt. Also ist davon auszugehen, dass sie geschlossen für ihre Kandidatin stimmt. Bei AL/Grünen (12 Sitze) sei „noch alles offen“, sagte Sprecher Christoph Joachim dem TAGBLATT. Er selbst hatte sich bis gestern noch nicht entschieden – so ginge es auch einigen anderen in der Fraktion. Die Tübinger Liste (5 Sitze) sagte bereits vor zwei Wochen, sie tendiere zu Iska Dürr. Dem schloss sich Dietmar Schöning von der FDP (2 Sitze) an. Und auch die CDU (8 Sitze) tendiert wohl zu Dürr.

Bei den Linken (4 Sitze) sei noch nicht sicher, ob die Fraktion geschlossen abstimmen werde, sagte Gotthilf Lorch am Rande des Podiums. Er habe sich auf eine Kandidatin festgelegt, nachdem sich die drei dem Gemeinderat vorstellten. Der fraktionslose Markus Vogt hat sich ebenfalls schon entschieden, nannte aber keinen Namen. Jürgen Steinhilber war gestern nicht erreichbar.

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Erstellt:
25. Oktober 2018, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
25. Oktober 2018, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 25. Oktober 2018, 01:00 Uhr

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