Reutlingen · Ausbildung

„Wer nicht ausbildet, soll nicht über den Fachkräftemangel klagen!“

Die IHK verzeichnet deutlichen Rückgang bei neu abgeschlossenen Ausbildungsverträgen. Reaktionen der Gewerkschaften.

07.09.2020

Von fzm/dem

Zum Start ins Ausbildungsjahr am 1. September hat die IHK Reutlingen 1945 neu abgeschlossene Ausbildungsverträge aus Industrie, Handel und Dienstleistungsgewerbe registriert. Im Vergleich zum Vorjahr ist dies ein Minus von 18,4 Prozent oder 439 Verträgen. In der IHK-Börse gibt es aktuell 543 freie Lehrstellen.

Der Rückgang der Ausbildungsverträge komme nicht überraschend, heißt es in einer Mitteilung der IHK. Denn Corona habe den Ausbildungsmarkt gleich in zweifacher Hinsicht getroffen: Die Auswahlprozesse während der Bewerbungsphase mussten von vielen Unternehmen unterbrochen werden. Zudem entfielen die für Schülerinnen und Schüler wichtigen Angebote zur Berufsorientierung wie Praktika oder Berufsberatung.

Der Kreis Reutlingen verzeichnet zum Stichtag 31. August ein Minus von 21 Prozent (235 Ausbildungsverträge weniger). Im Kreis Tübingen wurden 430 Ausbildungsverträge abgeschlossen, ein Minus von 19,3 Prozent oder 103 Verträgen.

Die am stärksten betroffenen Branchen sind Versicherungen (minus 45,9 Prozent), Verkehrs- und Transportwesen (minus 36,8), Bankensektor (minus 28,3) sowie Hotellerie und Gastronomie (minus 24,7). Zum Vergleich: Kaufmännische Ausbildungen registrieren nur ein Minus von 18,3 Prozent, die technisch und gewerblichen um 18,6 Prozent. IHK-Präsident Christian Erbe appelliert an die Betriebe, ihre Ausbildungsbereitschaft aufrecht zu erhalten. „Der nächste Aufschwung kommt bestimmt, und da werden gut ausgebildete Fachkräfte dringend gebraucht.“

Damit spricht der IHK-Chef den Gewerkschaften aus der Seele. „Wer heute nicht ausbildet, darf sich später nicht über fehlende Fachkräfte beklagen!“, sagte Gewerkschaftssekretär Ludwig Joos von der IG Metall bei einer Pressekonferenz, die sich vor allem mit den Zahlen der IHK befasste. Die Metall- und Elektrobranche habe ohnehin Probleme durch den gravierenden Wandel der Industrie, der vor allem in Baden-Württemberg weitreichende Folgen habe. „Corona wirkt da wie ein Beschleuniger. Gerade jetzt brauchen wir aber mehr und starke Ausbildung“, betont Joos.

Vor allem an der 2012 tariflich festgelegten unbefristeten Übernahme von jungen Menschen nach deren Ausbildung werde derzeit geschraubt. „Doch diesen Meilenstein werden wir verteidigen. Nicht mit dem Holzhammer, aber wir fordern, dass auch angeschlagene Betriebe die Ausgebildeten wenigstens für zwölf Monate weiterbeschäftigen.“

Junge Menschen würden auch in vielen Dienstleistungsbranchen fehlen, erklärt Jonas Weber, Gewerkschaftssekretär bei Verdi für den Bereich Jugend. „Besonders prekär ist es im Bereich Pflege. Qualität und Bezahlung der Ausbildung sind Voraussetzung für das Interesse von jungen Leuten.“ Und da würden interessierte Jugendliche zumal in den Gastronomie-Berufen häufig ausgebeutet und müssten ausbildungsferne Tätigkeiten ausführen.

„Die Branche ist bei einem Minus von rund 24 Prozent mit am härtesten von den Rückgängen der Ausbildungsverträge betroffen und muss gegenhalten“, fordert Moritz Stiepert, DGB-Regionssekretär Südwürttemberg. Ohnehin seien auch die Zahlen der Ausbildungsabbrüche in Gastronomie und Hotellerie hoch.

Stiepert weist auch darauf hin, dass den Auszubildenden häufig das Gehalt nicht ausreiche, um sich eigenen Wohnraum leisten zu können. Weber von Verdi fordert deshalb, dass die Arbeitgeber die Kosten für ein ÖPNV-Ticket übernehmen. Wie aber sollen etwa im Öffentlichen Dienst, für den die Gewerkschaft 4,8 Prozent mehr Gehalt verlangt, bei der aktuellen Krisenlage mit dramatisch zurückgehenden Steuereinnahmen diese Forderungen überhaupt umzusetzen sein? „Wir teilen die Prognosen der Arbeitgeberverbände nicht und haben einen optimistischeren Ansatz“, betont Stiepert. Er beklagt zudem, dass die duale Ausbildung im Vergleich zur universitären immer weniger wertgeschätzt werde.

Neuer IHK-Ausbildungsatlas erscheint demnächst

40 offene Lehrstellen bietet aktuell die IHK-Lehrstellenbörse unter www.ihk-lehrstellenboerse.de. In Abstimmung mit dem Lehrbetrieb und der Berufsschule kann die Ausbildung zu jedem Zeitpunkt begonnen werden. Unterstützung während der Ausbildung bieten die Angebote des IHK-Azubis-Kollegs. Die IHK führt zudem eine Azubi-Card ein und schafft zusätzliche Anreize in Form von Preisnachlässen und Zusatzangeboten. Wer für nächstes Jahr einen Ausbildungsplatz sucht, kann unter www.ihk-ausbildungsatlas.de den neuen IHK-Ausbildungsatlas vorbestellen oder Unternehmen gleich online checken. Im Atlas präsentieren sich 144 Unternehmen aus der Region mit ihren Ausbildungsangeboten. Die neue Ausgabe erscheint in wenigen Wochen.

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Erstellt:
7. September 2020, 19:53 Uhr
Aktualisiert:
7. September 2020, 19:53 Uhr
zuletzt aktualisiert: 7. September 2020, 19:53 Uhr

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