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Staatsanleihen

Wer Geld anlegt, zahlt drauf

Verkehrte Welt: Eine begehrte Kapitalanlage, bei der es jedoch nichts mehr zu gewinnen gibt.

23.08.2019

Von ROLF OBERTREIS UND HELMUT SCHNEIDER

Bundesfinanzminister Olaf Scholz (vor seinem Ministerium in Berlin) profitiert vom Run auf Bundesanleihen. Foto: Christoph Söder/dpa

Deutschland negativ, Schweiz negativ, Frankreich negativ, Japan negativ. Der Markt für Staatsanleihen steht Kopf. Seit Monaten liegt die Rendite von Bundesanleihen im Minus, bei zehnjährigen wurde Ende letzter Woche ein Rekordtief von minus 0,70 Prozent verbucht. Statt Zinsen zu bekommen, müssen Anleger Zinsen zahlen, wenn sie in Staatsanleihen investieren. Anleger fliehen wegen der Unsicherheiten in vermeintlich sichere Bonds – und zahlen. (siehe nebenstehender Kasten).

Wer zehnjährige Staatspapiere der Schweiz kauft, nimmt aktuell eine Minus-Rendite von mehr als 1 Prozent in Kauf. Zehnjährige französische Staatspapiere kosten knapp minus 0,4 Prozent. Der Bund wird erstmals eine 30jährige Anleihe im Volumen von 2 Mrd. EUR (Laufzeit bis 2050) mit einem Zins von Null emittieren.

„Selbst in Italien sind die Risikoaufschläge im Vergleich zu anderen Regierungskrisen moderat“, sagt Holger Bahr, Leiter Volkswirtschaft bei der DekaBank: „Das ist unfassbar“. Risikoaufschläge ist der Branchenbegriff dafür, dass Kredite für weniger kreditwürdige Staaten eine hohe Rendite abwerfen.

Ein ähnliches Bild bei den Unternehmensanleihen. Wer zum Beispiel sein Geld in Nestlé-Anleihen investiert hat, steckt im Rendite-Minus.

Nur in den USA liegen die Renditen noch deutlich im positiven Bereich. Dort sorgte zuletzt aber die so genannte inverse Zinskurve für Unruhe. Das bedeutet: Ein- oder zweijährige Anleihen bringen eine höhere Rendite/Zins als Zehn-Jahres-Papiere. Etliche Volkswirte sehen das als Indiz für eine bevorstehende Rezession.

Generell gab es so niedrige und negative Renditen in solcher Bandbreite bisher noch nie. Es war ein Irrglaube, dass dies nur vorübergehend der Fall sein würde. „Solange vor allem der Handelskonflikt zwischen den USA und China nicht gelöst ist, wird sich kaum etwas ändern“, sagt Bahr. Auch ein geregelter Brexit würde für Entspannung sorgen. Die Kehrseite: Die Staaten können sich zu historisch niedrigen Zinsen verschulden.

Die Zentralbanken werden die Politik des billigen Geldes aus Sorge um die Konjunktur fortsetzen und damit den Trend bei den Bundesanleihen noch verstärken. Fast 70 Leitzinssenkungen gab es in diesem Jahr bereits weltweit. Die US-Notenbank Fed hat gerade die Zinsen gesenkt, Experten erwarten zwei weitere Schritte nach unten bis Jahresende. Immerhin hat die Fed bei einem Satz von 2,25 Prozent noch Spielraum. Im Gegensatz zur Europäischen Zentralbank (EZB).

Mancher Volkswirt glaubt, dass die EZB den Einlagesatz der Geschäftsbanken bei ihr sogar auf minus 0,7 Prozent drücken und das gestoppte Programm zum Kauf von Staats- und öffentlichen Anleihen der Euroländer wieder aufleben lassen wird. Das würde die Renditen weiter drücken. Zumindest würden sie auf dem aktuellen (Minus-)Niveau verharren. Mindestens drei bis vier Quartale, sagt Deka-Banker Bahr.

Die Probleme für Anleger bleiben vom privaten Sparer über die Banken bis zu Versicherungen, Fonds und Pensionskassen. Letztere können zum Teil nicht auf andere Geldanlagen ausweichen, weil sie verpflichtet sind, in Staatsanleihen zu investieren.

Daraus leiten sich die Risiken ab: Auch kaum mehr kreditwürdige Unternehmen bekommen billiges Geld. Und Regierungen können weiter Schulden machen, ohne notwendige Reformen anzugehen. Immerhin ist ein zu schneller und damit gefährlicher Zinsanstieg kaum zu erwarten.

Bahr rechnet erst in drei bis vier Jahren wieder mit deutlich positiven Renditen. Angesichts steigender Lebenserwartung werde die Sparneigung weiter zunehmen, sagen Ökonomen. Das Geld fließe dabei weiter in solide Staatsanleihen – und drücke damit die Renditen.

Warum der Ertrag negativ sein kann

Staatsanleihen sind am Kapitalmarkt gehandelte Schuldverschreibungen/Bonds. Wenn ein Staat Kredite aufnehmen will, gibt er im Falle Deutschlands Bundesanleihen heraus. Das sind Wertpapiere mit einem festen Zins, den der Anleger jährlich und am Ende der Laufzeit den Anlagebetrag ausgezahlt bekommt.

Neben dem Zins, auch Coupon genannt, ist der Kurs der Anleihe bedeutend. Der Kurs ergibt sich aus der Nachfrage: Werden Staatsanleihen gekauft, steigt ihr Kurs, werden sie verkauft, sinkt der Kurs.

Kurs und Rendite sind sozusagen spiegelverkehrt: Steigt der Kurs, fällt die Rendite im selben Maße. Dies ist der mathematische Hintergrund dafür, dass Staatsanleihen eine negative Rendite haben können.

Ein Beispiel soll diesen Zusammenhang verdeutlichen. Der Bund gibt eine Staatsanleihe mit einem Nominalwert/Kurs von 100 € heraus, für welche der Anleger 1 Prozent Zins bekommt. Steigt die Nachfrage, steigt auch ihr Kurs zum Beispiel auf 110 €, bedeutet dies: Der Anleger zahlt 110 €, bekommt dafür aber am Ende der Laufzeit nur den Nominalwert von 100 € plus 1 Prozent Zins zurück. Ergebnis: Die Gesamtrendite der Anleihe ist negativ.

Investoren kaufen Staatsanleihen trotzdem, weil sie auf Kursgewinne bauen, die die Zinsverluste übersteigen.

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Erstellt:
23. August 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
23. August 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 23. August 2019, 06:00 Uhr

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