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Jordanische Flüchtlingshelfer/innen berichten in Tübingen über ihre Erfahrungen aus den Lagern in der Wüste

Wenn platzende Luftballons zur Bedrohung werden

Jordanische Flüchtlingshelfer und Pädagogen absolvieren derzeit bei der Tübinger Berghof Foundation im Georg-Zundel-Haus einen Kurs in gewaltfreier Erziehung. Im Gespräch mit dem TAGBLATT berichten drei von ihnen über ihre Erfahrungen in den überfüllten Lagern in der Wüste.

05.10.2015
  • Matthias Reichert

Tübingen. Alaa Alqaisi arbeitet in dem Flüchtlingslager Zaatari in der jordanischen Wüste, dem zweitgrößten der Welt. 85 000 syrische Bürgerkriegsflüchtlinge leben dort in Containern, wahrscheinlich sogar mehr. Doch der Jordanier spricht weniger über die alltäglichen Probleme mit fehlender Nahrung, knappem Strom und Wasser, vielmehr über politische Kontroversen.

Viele Projekte seien von der UNO-Flüchtlingshilfeorganisation und internationalen Geldgebern finanziert, würden aber vom jordanischen Planungsministerium nicht genehmigt. Angefangen bei Geldern für tägliche Mahlzeiten. Internationale Essensrationen würden nicht weiterverteilt. Offenbar befürchte das Ministerium bei den reichlich eingegangenen Spendengeldern Geldwäsche, berichtet Alqaisi. Und sobald Flüchtlinge gegen jordanisches Recht verstoßen, würden sie ohne Anhörung oder einen Gerichtsprozess zurück nach Syrien abgeschoben, kritisiert der Helfer.

Ein weiteres Problem ist der Neid der einheimischen Bevölkerung auf die Hilfen für Flüchtlinge, weiß Dolmetscher und Friedenspädagoge Musa Al Munaizel. Im vorigen Winter hätten Hilfsorganisationen Öfen an die syrischen Flüchtlinge verteilt – und die Jordanier waren sauer, weil sie selbst keine solchen Öfen hatten.

Sechs Millionen Einwohner hat Jordanien, inzwischen sind eineinhalb Millionen Flüchtlinge ins Land gekommen. Vor anderthalb Jahren entstand, ebenfalls in der jordanischen Wüste, das Flüchtlingslager Azraq. 12 000 Menschen sind dort registriert. Aber viele verlassen das Camp illegal – deshalb sind vielleicht noch halb so viele dort, berichtet Asma Abu Jafar. Sie arbeitet dort mit Frauen, die Gewalt erfahren haben. Es seien auch viele verheiratete Mädchen zwischen 13 und 17 Jahren unter den Flüchtlingen. Abu Jafar betreut die jungen Frauen psychologisch. „Die meisten haben sexuelle oder psychische Gewalt erfahren“, sagt sie. Sie tun sich lange schwer, über ihre traumatischen Erfahrungen zu reden.

Das größte Problem sei die psychologische Barriere, wenn die Flüchtlinge keine Arbeit finden und sich als Hilfeempfänger fühlen, sagt Abu Jafar: „Sie sitzen passiv da.“ Mona Loubani, die im gleichen Lager für die Organisation „Save the children“ 120 Kinder in Mathematik und arabischer Sprache unterrichtet, berichtet, die Schulen in Jordanien seien überfordert. Sie seien jetzt schon überfüllt und wüssten nicht, wie sie weitere Kinder aus Syrien unterbringen sollen. Zudem hätten viele Flüchtlingskinder seit drei Jahren oder mehr keinen Unterricht mehr gehabt. „Das ist eine verlorene Generation“, sagt Loubani. Alle drei Monate kommen neue Kinder in das Programm und die bisherigen ziehen weiter – das sei ein Riesenproblem für alle Mitarbeiter.

Die Gewalterfahrungen der Kinder im Krieg spiegelten sich in der Klasse, berichtet die Jordanierin. „Sie sind gewalttätig gegen uns und gegen andere Kinder.“ Zudem seien oft schon 13-Jährige verheiratet und hätten selbst Kinder. Die Helfer haben den Kindern Luftballons gebracht. „Aber wenn einer platzt, machen sie sich in die Hose oder flüchten unter den Tisch. Jeder Knall ist eine Bedrohung“, so Loubani,

Viele Mädchen würden sexuell missbraucht, auch in der eigenen Familie. Oft trauen sie sich nicht, darüber zu reden. Die Essensmarken der Flüchtlinge reichen nur den halben Monat. Es fehle an passenden Kleidern, an ganz einfachen Sachen. Fünf Personen teilen sich einen Container, sagt Abu Jafar. Es gebe keine Privatsphäre. Für zwölf Container gibt es eine Toilette und eine – getrenntgeschlechtliche – Dusche, oft mit Löchern in den Wänden. Der Weg dorthin ist gefährlich, so richten viele Flüchtlinge eigene Toiletten im Container ein. „Das ist völlig unhygienisch.“ Es brechen viele Krankheiten unter den Flüchtlingen aus, die Syrer werden deshalb diskriminiert. Das mache die Arbeitssuche noch schwieriger.

Wer eine Möglichkeit findet, macht sich auf den Weg nach Europa, berichten die Helfer/innen. Aber viele wollen auch in Jordanien bleiben. Manche haben in den Flüchtlingslagern schon kleine Läden oder Geschäfte eröffnet und sich so eine Existenz aufgebaut. „Die sagen: Wir bleiben hier“, berichtet Alqaisi.

Ein zusätzliches Problem sei es, sicherzustellen, dass keine eingeschleusten Anhänger der Terror-Organisation „Islamischer Staat“ unter den Flüchtlingen sind. Mittlerweile hat Jordanien die Grenzen nach Syrien geschlossen. Deshalb kommen Flüchtlinge nur noch illegal ins Land. Dennoch wollen die Helfern den Menschen in den Lagern zeigen, dass sie willkommen und in Sicherheit sind, dass der Krieg für sie hier vorüber ist. Mona Loubani gibt den deutschen Flüchtlingshelfern angesichts des aktuell großen Zustroms von Hilfesuchenden den Rat: „Das allererste ist ein Dach über dem Kopf. Alles andere, auch die Bildung, kommt erst später.“

Wenn platzende Luftballons zur Bedrohung werden

Wenn platzende Luftballons zur Bedrohung werden
Tristesse im jordanischen Flüchtlingslager Azraq. Privatbild

Seit drei Jahren organisiert die Tübinger Berghof Foundation unter der Leitung von Uli Jäger ein Projekt in Jordanien über gewaltfreie Erziehung, Friedenserziehung und globales Lernen im Schulsystem, an Hochschulen und außerhalb davon. 20 Pädagogen und Flüchtlingshelfer haben diesen Juni zunächst in der jordanischen Hauptstadt Amman fünf Tage lang die entsprechenden Inhalte und Methoden kennengelernt. Danach haben sie von Juni bis September die Anwendung praktisch erprobt. Jetzt sind sie neun Tage lang zum Erfahrungsaustausch im Georg-Zundel-Haus in der Tübinger Corrensstraße.

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05.10.2015, 12:00 Uhr
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