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Gesundheit

Wenn jede Minute zählt

Spätestens eine Viertelstunde nach einem Notruf soll der Rettungsdienst vor Ort sein. Das ist im Südwesten oft, aber nicht immer der Fall.

03.02.2018

Von SANDRA GALLBRONNER

Rettungseinsatz in Waiblingen. Entscheidend ist, dass der Patient schnell in die geeignete Klinik gebracht wird. Foto: Bernd Weißbrod/dpa

Stuttgart. Piep.“ Der Piepser des Notfallsanitäters schlägt Alarm. Er eilt mit einem Kollegen zum Rettungswagen. Dort erscheint auf einem Display das Einsatzstichwort der Rettungsleitstelle: „Kardiologischer Notfall. Verdacht auf Infarkt.“ Im Navi ist bereits der Einsatzort eingegeben. Auch der Notarzt wurde schon alarmiert. Unter dem lauten Getöse des Martinshorns brausen die Retter davon. Die Zeit drängt.

Maximal 15 Minuten nach einem Notruf sollte der Rettungsdienst am Einsatzort eintreffen. Aus notfallmedizinischer Sicht sind sogar zehn Minuten erstrebenswert. So steht es im Landesrettungsdienstgesetz Baden-Württembergs. Diese Hilfsfrist fällt je nach Bundesland unterschiedlich aus – manche haben gar keine.

Rechtzeitig in der Klinik

Doch wie so oft, sieht es in der Realität ganz anders aus: 900 Gemeinden in Baden-Württemberg sind bei medizinischen Notfällen unterversorgt. Das ist zumindest das Ergebnis einer Analyse des Südwestrundfunks (SWR), bei dem alle Rettungsdienst-Einsätze Baden-Württembergs aus dem Jahr 2016 ausgewertet wurden. Heraus kam: Jeder fünfte Notfallpatient musste länger als zehn Minuten auf professionelle Hilfe warten, jeder Dritte sogar mehr als eine Viertelstunde.

„Ja, die 15 Minuten können nicht immer eingehalten werden“, sagt Matthias Helm, Leitender Arzt der Sektion Notfallmedizin am Bundeswehr-Krankenhaus (BWK) in Ulm, „aber die Hilfsfrist ist nicht das Maß aller Dinge.“ Entscheidend sei vielmehr, dass der Patient rechtzeitig in die geeignete Klinik eingeliefert werde.

Außerdem gibt es Erkrankungen, beispielsweise den Kreislaufstillstand, bei denen auch zehn Minuten zu lang sein können. Wichtig seien deshalb ehrenamtliche Ersthelfer, die notfallmedizinisch ausgebildet sind, so Helm. Insbesondere für ländliche Regionen sei das eine gute Lösung. Denn die Ersthelfer sind in der Regel deutlich schneller vor Ort. Dafür müsste aber auch die Ersthelferquote unter der Bevölkerung steigen.

Fest steht: Je nach Gegend schwankt die Versorgung stark. So sind die Transportzeiten in ländlichen Gebieten häufig länger. Vor allem in dünn besiedelten Regionen könne es schon mal zu Engpässen der Rettungsmittel kommen, sagt auch ein Notfallsanitäter aus dem südlichen Alb-Donau-Kreis, der nicht namentlich genannt werden will. Dann müssen Kranken- oder Rettungswagen von weiter weg angefordert werden. Das kostet Zeit. Auch weil Kliniken schließen, müssen die Helfer weitere Strecken zurücklegen.

In der Theorie bräuchte es mehr Rettungswachen, um schneller an den Unfallorten zu sein. Doch dafür fehlt das Personal. „Wir sind bereits am Limit und der Markt ist relativ leer“, sagt der Notfallsanitäter. Daher müsste es mehr Anreize für junge Menschen geben, beispielsweise eine bessere Bezahlung.

Engpässe bei der Verfügbarkeit von Rettungsfahrzeugen gibt es auch aufgrund des stark gestiegenen Einsatzaufkommens. Nicht zuletzt auch wegen der gestiegenen Anspruchshaltung der Bevölkerung. In Baden-Württemberg mussten 2016 die Rettungswagen 1?063?000 Mal ausrücken. Fünf Jahre zuvor waren es noch 909?000 Einsätze. Ein Zuwachs von rund 17 Prozent.

Bessere Aufklärung nötig

„Manchmal ist es ärgerlich. Da hätte auch ein Hausarzt aufgesucht werden können“, berichtet der Notfallsanitäter. Doch für Laien ist es oft schwierig zu entscheiden, wann der Rettungsdienst alarmiert werden muss. „Im Zweifel lieber den Notruf tätigen“, sagt Notfallmediziner Helm. Dennoch müsste die Bevölkerung besser aufgeklärt werden.

Für den Rettungsdienst zuständig ist das Innenministerium. Was unternimmt man dort, um eine bessere Versorgung zu gewährleisten? „Ende 2015 wurden die gesetzliche Grundlage geschaffen, damit die Rechtsaufsicht ihre Aufgaben wirkungsvoller wahrnehmen kann“, heißt es auf Nachfrage. So werden beispielsweise mithilfe eines Navigationssystems die Einsatzzeiten erfasst.

Martin Jäger, Staatssekretär im Innenministerium Baden-Württembergs beruhigt. Er ist sich sicher, dass das Rettungswesen in Baden-Württemberg zu den besten in Deutschland zählt. Und er fügt hinzu: „Wenn ich verunglücken sollte, dann hoffentlich in Baden-Württemberg.“

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Erstellt:
3. Februar 2018, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
3. Februar 2018, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 3. Februar 2018, 06:00 Uhr

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