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Wenn die Seele brennt
Svetlana Sozdateleva (Renata), Evgeny Nikitin (Ruprecht), Goran Juric (Inquisitor), Kevin Conners (Mephistopheles) und der Chor der Bayerischen Staatsoper. Foto: Wolfgang Hösl
"Der feurige Engel" von Sergej Prokofjew an der Bayerischen Staatsoper München

Wenn die Seele brennt

Komplett obskur das alles. Eine wahnbesessene Frau mischt ihre Umwelt auf - und endet vor der Inquisition. Prokofjews Opern-Rarität "Der feurige Engel" wird in München zu einem Seelen- und Klang-Inferno.

01.12.2015
  • OTTO PAUL BURKHARDT

München. Die Musik, sie brodelt und peitscht, kreischt und wütet. Zwei Stunden lang fast ununterbrochen. Selten haben wir von dem vermeintlich coolen Rationalisten Sergej Prokofjew so ausgerastete Musik gehört - ein tönendes Flammenmeer! Auf dem Höhepunkt lässt es die Regie auch optisch losknattern, wenn ein Grotesk-Ballett tätowierter Männer in rauschenden Ballkleidern über die Bühne wirbelt - mit stummen Schreien und konvulsivischen Zuckungen. Höllenkarneval? Irgendwie ja. Gut, das Dauer-Inferno, das Regisseur Barrie Kosky da anheizt, wirkt oft angestrengt, aber es packt dann doch - und gewaltig: als fesselndes Ineinander von Seelenfeuer und Weltenbrand.

Mag sein, dass wir in Zeiten des Terrors sensibler auf Geschichten reagieren, die von religiösem Wahn und inneren Dämonen erzählen: Jedenfalls erlebt "Der feurige Engel" (1919-23 komponiert), ein gescheitertes, erst posthum 1955 szenisch uraufgeführtes Opernprojekt von Sergej Prokofjew, derzeit eine Art Renaissance.

Nach der Komischen Oper Berlin bringt nun knapp zwei Jahre später auch die Bayerische Staatsoper dieses Werk heraus. Regie in München führt ausgerechnet Barrie Kosky, Chef der Komischen Oper Berlin, und beides Mal verkörpert Svetlana Sozdateleva die weibliche Hauptrolle - weil die gebuchte Bayreuth-Heroine Evelyn Herlitzius während der Proben erkrankt ist.

Im Grunde geht es um ein Erweckungserlebnis. Renata, die Hauptfigur, schwärmt von einem "feurigen Engel", der ihr als Kind erschien und der später, als sie körperliche Liebe einforderte, auf Nimmerwiedersehen verschwand. Dieser Engel, der in der Oper nie auftaucht, verfolgt sie nun lebenslang als sexuelle Obsession. Die in Moskau ausgebildete Sopranistin Svetlana Sozdateleva zeigt diese Renata in beklemmender Intensität als Getriebene, die sich selbst geißelt oder wild um sich schlägt, um das imaginäre Böse zu verscheuchen - und das alles mit schöner, runder, weicher, schlanker Stimme, die selbst in höchsten Lagen nie zu schrillen beginnt. Nur selten offenbart sie den überwucherten, liebenswerten Kern dieser Renata, zum Vorschein kommt dann eine spielerisch-quirlige, unternehmungslustige junge Frau.

Ihr Begleiter ist Ruprecht: Der ist bei Evgeny Nikitin, dem Bayreuth 2012 wegen eines angeblichen Hakenkreuz-Tattoos die Holländer-Rolle entzogen hat, ein schwieriger Charakter. Ein wuchtiges Mannsbild, das sich vom Sex-Rambo zu einem schier engelsgeduldigen Renata-Versteher entwickelt - und dies mit starkem, glühendem, ja flammendem Bariton. Die beiden Solisten prägen die Inszenierung und punkten auch schauspielerisch - als Paar, das sich mit dem Revolver bedroht und nur noch um Renatas Wahnvorstellungen kreist.

Prokofjew, der in den 20ern zeitweise mit der US-Glaubensgemeinschaft Christian Science sympathisierte, sah in der Oper "wenig Göttliches, aber eine Unmenge Orgiastisches". Dennoch wollte er auf der Bühne "keinen einzigen Teufel und keine einzige Vision zeigen". Regisseur Barrie Kosky tut genau das Gegenteil, führt das Dämonische in grandios-bizarrer Opulenz vor Augen. Dabei setzt er auch manchmal auf kalten Grusel, etwa, wenn ein Klavier wie von Geisterhand gelenkt über die Bühne kurvt.

Meist aber bevölkert er die Szene mit Abbildern innerer Dämonen, inszeniert einen bilderprallen, phantastisch-surrealen Hexensabbat mit nacktem Mephisto, gespenstischen Männer-Ballerinen und blutüberströmten Dornenkönigen. Zuviel der Optikflut? Vielleicht, denn schon die Musik lodert unter Vladimir Jurowski am Pult wie ein Dauerinferno: hämmernde Loops, schrilles Holz, stampfendes Blech. Wie auch immer, dieser "Feurige Engel" zeigt, welche Zerrbilder der Wahn erzeugen kann - ein Seelen-Brand, der alles entzündet und den, zumindest in dieser Oper, keine Liebe heilen kann. Großer, einhelliger Jubel.

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01.12.2015, 08:30 Uhr
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