Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Modellversuch

Wenn der Postbote nicht mehr klingelt

In manchen Regionen stellt der gelbe Riese Briefe nur noch ein- bis dreimal die Woche zu. Vorerst ist das ein Experiment. Bald schon könnte es aber Normalität werden.

13.09.2017
  • IGOR STEINLE

Berlin. Montags gibt es viele gute Gründe, sich zu ärgern. Einer davon ist für viele Menschen ein leerer Briefkasten. Am Folgetag kommt dann gleich ein ganzer Stapel. Auch wenn die Deutsche Post beteuert, ihrer gesetzlichen Pflicht nachzukommen, an sechs Tagen die Woche Briefe auszutragen, hat man vielerorts das Gefühl, dass sie dieses Versprechen schon heute nicht einhält.

Dem Ärger machen viele Kunden Luft: Mit 4000 Beschwerden verzeichnete die Bundesnetzagentur im vergangenen Jahr 20 Prozent mehr als im Vorjahr. Bald schon aber könnte unregelmäßige Post Normalfall sein. Denn das ehemalige Kerngeschäft der Deutschen Post wird immer unrentabler.

Haben Briefträger 2006 täglich 70 Millionen Briefe ausgestellt, sind es zehn Jahre später nur noch 59 Millionen, ein Rückgang von 15 Prozent. Diese Zahlen verdeutlichen nicht die ganze Misere: Werbepost etwa, deren Ausmaß stark zugenommen hat, fängt die Abnahme bei privaten Briefsendungen auf. Allerdings erhält die Deutsche Post für Werbung weit weniger als die für Briefe üblichen 70 Cent.

Die Ursache des Rückgangs liegt auf der Hand: Mit E-Mails, SMS und Messengerdiensten hat sich das Kommunikationsverhalten der Menschen in den vergangenen Jahren grundlegend verändert. Um herauszufinden, welche Art der Briefzustellung sich Kunden heute noch wünschen, hat das Unternehmen kürzlich ein Pilotprojekt gestartet. In bundesweit 110 Zustellbezirken erhalten Kunden seit Anfang Juli auf freiwilliger Basis nicht mehr an jedem Werktag ihre Post.

Die Kunden können nicht nur entscheiden, ob sie ihre Briefe an lediglich drei Tagen die Woche erhalten. Sie können sich die Schreiben auch an den Arbeitsplatz schicken lassen oder nur einmal die Woche erhalten, stattdessen aber täglich Kopien der Briefe als E-Postbrief zugesandt bekommen. Die Briefe sollen hierfür geöffnet und eingescannt werden.

Für den Vorstoß hagelt es Kritik von allen Seiten. Die SPD-Fraktion etwa sieht darin einen Verstoß gegen das Postgeheimnis: „Wir können der Post nur raten, diesen Unsinn sofort einzustellen“, sagt etwa der Bundestagsabgeordnete Klaus Barthel. Spätestens aber, wenn auch die deutsche Verwaltung verstärkt auf elektronische Kommunikation umgestellt wird – wozu sich im Grunde alle Parteien in ihren Programmen bekennen – und die Zahlen im Briefversand noch weiter einbrechen, werden Argumente für eine tägliche Zustellungspflicht noch schwieriger zu finden sein.

Unternehmen will Reform

Die Post selbst würde die „Post-Universaldienstleistungsverordnung“ – so heißt das Wortungetüm, in dem die Pflichten des Unternehmens gesetzlich geregelt sind – am liebsten schon heute einer Generalüberholung unterziehen: „Die Verordnung ist im Jahr 1998 in Kraft getreten und seitdem nicht wesentlich verändert worden“, teilt das Unternehmen auf Anfrage mit. Das Postgesetz aber schreibe „ausdrücklich“ vor, dass die Universaldienstvorgaben an technische und gesellschaftliche Entwicklung anzupassen seien.

Anders als die SPD zeigen sich Christdemokraten und Grüne bereit, die Verordnung zu überdenken, bleiben in ihren Aussagen aber unkonkret. „Wir gehen davon aus, dass die Postgesetzgebung überarbeitet wird“, heißt es etwa aus der CDU-Fraktion. Katharina Dröge, wettbewerbspolitische Sprecherin der Grünen, sagte der SÜDWEST PRESSE: „Klar verändert das Internet den Postmarkt.“ Es sei richtig, wenn die Post sich hierauf einstelle. Allerdings stünde dann auch ihre steuerliche Begünstigung zur Debatte. „Denn damit hat sie einen massiven Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Zustellern.“

Gewerkschafter sind von diesen Überlegungen natürlich wenig begeistert. Sie befürchten einen massiven Stellenabbau unter den 80 000 Postzustellern in Deutschland. Nachvollziehbar deswegen die Reaktion der stellvertretenden Verdi-Geschäftsführerin Andrea Kocsis auf das Pilotprojekt der Post: „Bei uns brennt die Hütte“, sagte sie.

Die Post hingegen gerät im Bereich der Paketzustellung ins Schwitzen: Dort sucht das Unternehmen händeringend nach Arbeitskräften. Wie viele Briefträger allerdings fortan Pakete anstatt Briefe zustellen wollen, ist offen.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

13.09.2017, 06:00 Uhr
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden

Newsletter-bestellen

· Samstags verschicken wir die News der Woche, unser Klassiker: Die wichtigsten Themen und Geschichten direkt im E-Mail-Postfach. So bleiben Sie auch in der Ferne immer informiert, was in und rund um Tübingen passiert.
· Werktags versenden wir um 9 Uhr die News am Morgen mit den wichtigsten aktuellen Nachrichten.
· Sonntagabend kommt unser Sport-Newsletter mit den wichtigsten Lokalsport-Berichten und Ergebnissen vom Wochenende.

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder sich neu als Benutzer registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter (nur falls Sie weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese) verwendet. Ihre Daten werden nicht an andere Unternehmen weitergegeben.

Nachrichten aus ...
Reutlingen Wannweil Pliezhausen Walddorfh�slach Ammerbuch T?bingen Dettenhausen Kirchentellinsfurt Kusterdingen Gomaringen Dusslingen Ofterdingen Mössingen Nehren Bodelshausen Hirrlingen Neustetten Rottenburg Starzach Horb
Das Tagblatt bei
Facebook Google+ Twitter Instagram
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesen
Wirtschaft im Profil
Wirtschaft im Profil

Die aktuelle Ausgabe unseres Business-Magazins Wirtschaft im Profil
Neueste Artikel
Anzeige

Themen-Dossiers

Themen-Dossiers
Single des Tages
date-click
Das Tagblatt als E-Paper

Kontakt zum Kundenservice

Abonnement
07071/934-222
vertrieb@tagblatt.de

Anzeigen
07071/934-444
anzeigen@tagblatt.de

Kontakt zu den Redaktionen

Schwäbisches Tagblatt Tübingen
07071/934-0
redaktion@tagblatt.de

Neckar-Chronik Horb
07451/9009-30
nc@neckar-chronik.de

Tagblatt Online         
07071/934-314
online@tagblatt.de

Steinlach-Bote Mössingen
07473/9507-0
sb@tagblatt.de

Rottenburger Post
07472/1606-16
ro@tagblatt.de

Reutlinger Blatt
07121/3259-50
rt@tagblatt.de

Tagblatt Anzeiger
07071/934-344
tagblatt-anzeiger@tagblatt.de

Wirtschaft im Profil
07071/934-166
wip@tagblatt.de


Oder nutzen Sie unser Kontaktformular