Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Natur

Wenn der Frühling den Klang verliert

Das Vogelzwitschern und Bienensummen nimmt ab. Biologen warnen vor einer insektenfreien Landschaft.

21.03.2017

Von MARTIN HOFMANN

Rekordhalter: Seit 1980 ist der Bestand des Rebhuhns in Europa um 95 Prozent geschrumpft. Foto: fotolia Foto: © Erni - fotolia.com © Erni - fo

Stuttgart. Von 22 000 Völkern haben 8800 den Winter nicht überlebt, erklärt Brandenburgs Imkerverband. Normal sei ein Verlust von 10 bis 15 Prozent. Da sich viele Völker im Mai und Juni teilten, könnten solche Ausfälle kompensiert werden. Bei 40 Prozent sei jedoch der Bestand gefährdet. Bis zu 170 000 Bienenvölker haben den Winter nicht überlebt, prognostiziert das Fachzentrum Bienen in Mayen. Im Schnitt lägen die Verluste bei 20, in manchen Regionen aber bei bis zu 50 Prozent. Landwirte müssten bei Raps, Obstbauern mit Ernteeinbußen rechnen, so der Deutsche Imkerbund.

Ums Überleben kämpfen die wilden Verwandten der Honigbiene. Hans R. Schwenninger hat in einem der größten Naturschutzgebiete Baden-Württembergs – Kaltes Feld, 634 Hektar – den Bestand einer bisher weit verbreiteten Schmalbiene untersucht. Am Eierberg bei Schwäbisch Gmünd ging ihre Population in 40 Jahren um mehr als 95 Prozent zurück. Dieser Verlust hat sich bei wiederholten Tests am gleichen Ort bestätigt. Der Insektenforscher: „Auch in den Isarauen bei Dingolfing ist ein drastischer Rückgang dieser Bestäuber belegt. Die Zahl der Arten schrumpfte in zehn Jahren um 75 Prozent.“ Die Schwarze Mörtelbiene verlor dort trotz Fördermaßnahmen mehr als die Hälfte ihrer Völker. In den Leipziger Auwäldern brummt und summt noch ein Zehntel der Honigbienenverwandtschaft. Der Stuttgarter Entomologe Schenninger: „Die Hälfte der 585 Wildbienenarten steht in Deutschland bereits auf der Roten Liste.“ Das heißt: Ihr Bestand ist gefährdet.

Krefelder Insektenforscher haben im 100 Hektar großen Naturschutzgebiet Orbroicher Bruch 1989 und 2013 alle flugaktiven Insekten in zwei Fallen gesammelt und gewogen. Ihre Biomasse hat sich in dieser Zeit auf ein Viertel reduziert. Es handelt sich um Blütenbestäuber, aber auch um Insekten, die für das „Ökosystem von besonderer Bedeutung sind“, wie es in dem Forschungsbericht heißt. Bei diesen Arten verzeichneten die Experten „unerwartete, geradezu erschreckende“ Verluste auf ein Fünftel innerhalb der vergangenen 25 Jahre.

Im Oktober haben 77 Wissenschaftler bei einer Tagung an der Universität Hohenheim zu diesen Vorgängen eine Resolution und einen Brandbrief an Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) verfasst. Ihr Fazit: „Forschungsergebnisse lassen befürchten, dass unsere Landschaften bereits in weniger als zehn Jahren weitgehend insektenfrei sein werden.“ Sie verweisen auf den ökonomischen Wert der Bestäubung durch Honig- und Wildbienen. Die Landesanstalt für Bienenkunde an der Hohenheimer Uni schätzt ihn auf 2,5 Milliarden Euro pro Jahr. Schwieriger sei die Leistung der bestäubenden Insekten auf Wildpflanzen zu taxieren. Er übertreffe die genannte Summe jedoch bei weitem. Räuberische und parasitische Insekten, die Schädlinge in Schach halten, sowie Mikroorganismen, die Stickstoff für Pflanzen verfügbar machen, erbrächten allein für den Anbau von Weizen, Hafer und Leguminosen in Europa eine in Geld umgerechnete Leistung von 1,7 bis 2,1 Milliarden Euro.

Lars Krogmann vom staatlichen Museum für Naturkunde in Stuttgart, erklärt: Unter Insekten gibt es ein sensibles Gleichgewicht, das sich meist im Verborgenen abspielt.“ Jede Art habe mit ihren Gegenspielern zu tun. Parasitische Wespen, zwischen einem und zehn Millimeter groß, legen dutzende Eier in Wirtstieren ab. Das können zum Beispiel Raupen oder auch ausgewachsene Tiere sein – Schaben, Blattläuse oder Fliegen. Die Puppen ernähren sich von ihrem Wirt und vernichten ihn.

Der Stieglitz, auch Distelfink genannt, wandert zunehmend in die Städte. In der Agrarlandschaft findet er nicht mehr genug Nahrung. Foto: fotolia Foto: © Soru Epotok - fotolia.com © So

Feldlerchen: In Hessen ging die Zahl in zwölf Jahren um 45 Prozent zurück. Foto: dpa

Zum Artikel

Erstellt:
21. März 2017, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
21. März 2017, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 21. März 2017, 06:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen?
Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung.
Das Tagblatt bei Whatsapp & Co.
Wir liefern die wichtigsten Neuigkeiten aus der Region immer aktuell aufs Smartphone: per Whatsapp & Co.

Um diesen Service zu nutzen, öffnen Sie tagblatt.de/whatsapp  mit einem entsprechenden Mobilgerät.

Newsletter

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder als Benutzer kostenlos neu registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter verwendet - nur falls Sie auch weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese.
Das Tagblatt in den Sozialen Netzen

Faceboook      Instagram      Twitter           Google+      Google+      Google+