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Bühne

Wenn der Applaus gewunken wird

Der normale Theaterbetrieb grenzt Gehörlose aus. Und so gibt es in München ein spezielles Schauspiel-Ensemble, das erfolgreich auf Tour geht.

07.02.2018

Von ULI LANDTHALER

Es darf gelacht werden, wenn das Deutsche Gehörlosen-Theater mit Goldonis „Diener zweier Herren“ auf Tour geht. Foto: Fabian Spillner

Ulm. Theater ohne Ton? Das funktioniert. Alles andere hätte ja auch die Folge, gehörlose Menschen vom Bühnenleben auszugrenzen. Und das geht gar nicht, sagen die Gehörlosen – und haben ihre eigenen Theatergruppen gegründet. Zum Beispiel das Deutsche Gehörlosen-Theater in München – ein Verein, der Profi- und Amateurdarsteller mit Schauspielproduktionen auf Tour schickt. Aktuell unterwegs: „Diener zweier Herren“, Carlo Goldonis Komödien-Klassiker.

Die Hände fliegen, die Arme rotieren, die Finger tanzen: Truffaldino, der Diener im doppelten Dienst, hat viel zu erklären in seiner verzwickten Situation und buchstäblich alle Hände voll zu tun, um nicht aufzufliegen. Schauspieler Rafael-Evitan Grombelka reiht in rasendem Tempo die Gesten aneinander. Für Unbedarfte ein hektisches, undurchschaubares Bewegungs-Stakkato. Für Eingeweihte das pure Vergnügen: Kichern im Saal, die Schwindler-Komödie ist in vollem Gang. Gehörlose können zwar sprechen, aber weil sie das Gesagte nicht mithören und kontrollieren können, fehlt ihnen eine Grundlage, komplexe Sprache zu entwickeln. Hierzu steigen sie auf die Gebärdensprache um. Und die taugt auch für die Comedia dell'arte.

Die Truppe ist nicht als Selbsthilfegruppe mit Therapiebühne zu verstehen. Sie ist eine professionelle Theatertruppe mit Amateurdarstellern und gelernten Schauspielern. Die gibt es auch für Gebärdensprache.

Und Musik gibt es auch

So wie Athina Lange, Darstellerin der Beatrice. Sie verlor als Kind durch eine Entzündung ihr Hörvermögen, hatte an der Schauspielschule in Leipzig mit ihrem Gehörlosenzug eine Ausbildungsmöglichkeit gefunden. Eyk Kauly, der den Florindo spielt, hat einen dreimonatigen Schauspiel-Workshop in Hamburg hinter sich. Er ist in einer hörenden Familie als einziges Kind bereits ohne Gehör zur Welt gekommen: „Warum, weiß man nicht“, und er vermisst es auch nicht. „Ich bin glücklich, gehörlos zu sein“, lässt er mit einem strahlenden Blick, der keinen Zweifel zulässt, über Gebärdendolmetscherin Lea Behne ausrichten. Sie ist für den Brückenschlag zum hörenden Publikum verantwortlich, übersetzt die Ansage zu Beginn der Vorstellung, und sie schreibt die Untertitel, die auf der Projektionswand mitlaufen.

Die Bühne ist eine offene Szenerie und immer in Bewegung – wer gerade keinen Auftritt hat, verfolgt das Geschehen von der Requisiten-Treppe. Und weiß so, wann er seine nächste Szene hat: Ohne Sprache läuft alle Wahrnehmung über das Sehen. Wer die Gebärden nicht entschlüsseln kann, muss mitlesen: Für die Zuschauer ist höchste Konzentration angesagt.

Musik aber gibt es. Im Stile eines versierten Jazz-Drummers liefert Martin Kolb einen differenzierten Geräuschteppich über die kompletten zwei Stunden – mit einer treibenden Basstrommel und einem Überbau aus perlenden Synthie-Klängen. Für Hörende eine wichtige Ergänzung, um Struktur in das Geschehen zu bringen, die Dramaturgie zu untermauern – und die Stille fernzuhalten, die sich sonst wie Blei über das stumme Geschehen legen würde. Aber für die Gehörlosen? „Ich liebe Musik“, erläutert Eyk Kauly. Musik kommt über die Schwingungen und Vibrationen rüber. Vor allem bei den Basstönen, die jeder als Impuls in der Bauchgegend wahrnimmt. Deswegen gehen Gehörlose auch in die Disco. Und tanzen so, wie sie im Kopf die Schwingungen interpretieren. Im Gehörlosen-Theater sorgen schon die Bewegungen des Trommlers am Bühnenrand für die Assoziation.

Was die Gehörlosen nicht wollen: unter sich bleiben und die Hörenden ausschließen. Sie treten im Normaltheater auf, wo dann ein anderer Schauspieler parallel ihren Text spricht. Oder es gibt die Mischform mit Gebärdensprache und Untertiteln wie beim Münchner Gehörlosen-Theater. Es existiert aber auch die kompromisslose Variante. Im Ballhaus Ost in Berlin wird gerade der „Sommernachtstraum“ einstudiert. Shakespeares märchenhafter Beziehungsreigen nur aus Musik, Bewegung, Gesten, Mimik und Körpersprache. Eine Herausforderung für alle, Vorstellungen sind Mitte März.

Bleibt noch die Frage nach dem Applaus. Gehörlose klatschen nicht. Nach der Vorstellung im Alten Theater in Ulm heben sich hunderte Händepaare und winken zur Bühne. Kein Geräusch. Aber ein wunderschönes Bild.

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Erstellt:
7. Februar 2018, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
7. Februar 2018, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 7. Februar 2018, 06:00 Uhr

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