Kommentar

Weniger schmutzige, mehr faire Schokolade

„Genuss ohne Reue“ lautet das Motto der Tübinger Chocolart. Damit ist nicht der individuelle Kampf gegen zu viele Kalorien gemeint, sondern der globale für faire Arbeitsbedingungen und Löhne, gegen Kinderarbeit und sklavereiähnliche Verhältnisse auf mancher Kakao-Plantage in Westafrika.

03.12.2011

Vor allem die Elfenbeinküste steht am Pranger, seit der dänische Regisseur Miki Mistrati 2010 in seinem Film „Schmutzige Schokolade“ die Arbeit von Kindersklaven auf Plantagen dokumentierte. Der Film wurde am Donnerstag im Begleitprogramm der Chocolart gezeigt, anschließend gab?s eine Diskussion mit Filmemacher Mistrati.

Das ist begrüßenswert. Aber leider längst nicht ausreichend.

Zwar bieten mittlerweile zehn von mehr als 50 Chocolart-Händlern und -Herstellern fair gehandelte Schokolade oder Pralinen an. Und etliche der nicht mit Fairtrade-Siegel gekennzeichneten Schleckereien kommen aus Ländern, in denen die Arbeitsbedingungen nicht so elend sind wie an der Elfenbeinküste.

Allerdings ist das westafrikanische Land, in dem noch vor kurzem ein langjähriger Bürgerkrieg wieder aufflammte, der mit Abstand wichtigste Kakaoproduzent: Gut 40 Prozent der Welternte stammen von hier. Und der Kakao aus dem gespaltenen Land – die Rebellen kontrollieren den Norden – ist meist deutlich billiger als jener aus Asien, Süd- und Mittelamerika. Auch deshalb, weil auf den Plantagen nach Unicef-Schätzungen über 200 000 Kindersklaven aus verschiedenen afrikanischen Ländern arbeiten. Schon Sieben-, Achtjährige werden hier ausgebeutet, bekommen keinen Lohn für oft schwere körperliche Arbeit.

Auch der schwäbische Mittelständler Ritter Sport bezieht einen Gutteil seines Kakaos von der Elfenbeinküste. Etwa von Plantagen, auf denen Kinder illegal arbeiten? „Wir können das nicht ausschließen“, sagt Firmensprecher Thomas Seeger: „Das treibt uns auch um.“ Direkte Kontakte zu Plantagenbesitzern gebe es nicht. Den Kakao für ihre Schoko-Quadrate kaufen die Waldenbucher dort über Lebensmittel-Giganten wie Cargill oder ADM.

Nun hat Ritter Sport mit seinem Nicaragua-Projekt bereits seit 1990 Erfahrungen mit fair gehandelten Kakaobohnen: Bei 18 Kooperativen kauft man dort ein – und es könnten noch viel mehr werden. „Wir diskutieren gerade, ob wir nach der Bio- nun auch eine Fairtrade-Linie einführen“, sagt Seeger.

Ein lobenswerter Vorsatz – der hoffentlich rasch Realität wird. Ritter Sport ist schließlich nicht irgendwer. Die Marke ist sehr bekannt, die Firma hat in Deutschland bei Schokolade einen Marktanteil von rund 18 Prozent.

Noch beträgt hierzulande der Anteil fairer Schoko-Produkte am Gesamtumsatz weniger als ein Prozent. Doch es liegt nicht nur an den Konsumenten, ob immer weniger „schmutzige“ und immer mehr faire Schokolade gekauft wird. Auch Hersteller wie Ritter Sport sind in der Verantwortung. Das wäre ein schönes Geburtstagsgeschenk an die Kunden: 2012 soll „100 Jahre Ritter“ gefeiert werden. Volker Rekittke

In erster Linie Journalist: Miki Mistrati stellte seinen Film „Schmutzige Schokolade“ vor 03.12.2011 Kommentar: Weniger schmutzige, mehr faire Schokolade 03.12.2011 Faire Bohnen haben ihren Preis: Chocolart-Händler über Herkunft des Kakaos und Arbeitsbedingungen auf Plantagen 03.12.2011

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Erstellt:
3. Dezember 2011, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
3. Dezember 2011, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 3. Dezember 2011, 12:00 Uhr

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