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Comics

Weltstadt mit Herz und Kotze

Frank Schmolke zeigt den Taxifahrer-Alltag zur Oktoberfestzeit in München in ungeschönten Episoden und expressiv-grobem Schwarz-Weiß-Strich.

23.08.2019

Von CLAUDIA REICHERTER

Im Taxler-Comic „Nachts im Paradies“ wird die Kehrseite der bunten Wiesn-Welt vorgestellt. Foto: Illustration: ©Frank Schmolke/Edition Moderne

Zürich/München. Eine wahre „Legende“ hat neben Literatur- und Comic-Fans, Autoren- und Zeichner-Kollegen, jüngst bei seiner Lesung im Literaturhaus München vorbeigeschaut. Frank Schmolke freut sich ganz besonders über die Anwesenheit von „Hans Meißner, Präsident a. D. der Taxivereinigung München“, wie er den schnauzbärtigen Mann mit dem weißen Haarkranz in seinem Blog bezeichnet. Denn das ist sein ehemaliger Chef. Schmolke, gebürtiger Münchner und seit 20 Jahren freiberuflicher Illustrator, hat „keine Künstler-Vita“. Der 51-Jährige war keineswegs von Anfang an so erfolgreich wie heute, da er zu Bully Herbigs Kinofilm „Lissi und der wilde Kaiser“ und für 3sat-Dokus animierte Illustrationen kreiert; da sein zweiter Comic-Roman „Nachts im Paradies“ nicht mehr in einem der von ihm mitgegründeten Comicmagazine Tentakel und Comicaze oder im eigenen Spaceboy-Verlag erscheint, sondern in der angesehenen Schweizer Edition Moderne – und gut zwei Monate nach Erscheinen schon in die zweite Auflage geht.

Nach einer Maler-Lehre, in der er als kränklicher, allergiegeplagter Junge „total unglücklich“ war, und der Umschulung zum Technischen Zeichner, hat der heute mit Frau, zwei Kindern und einem „wunderschönen Atelier“ in Markt Indersdorf im Landkreis Dachau lebende Zeichner und Autor 1989 in München seinen Taxischein gemacht. „Das war ein aufregendes, freies Leben“, erzählt er. „Es hat mir gut gefallen.“ Seinen Zeichenblock hatte er immer dabei, um „markante Fahrgäste“ in Skizzen festzuhalten.

Schon vor 10 bis 15 Jahren habe er mal überlegt, daraus ein Buch zu machen. Dass sich seine zweite Graphic Novel, nach „Trabanten“ über das München seiner Jugend in den 80ern, nun – samt unappetitlichem Oktoberfest-Irrsinn – mit dem Taxler-Alltag in der bayerischen Metropole auseinandersetzt, dafür gab es erst 2014 die Initialzündung. Schmolke kehrte nach einem finanziellen Engpass aufgrund einer Steuernachzahlung zum Taxifahren zurück – „obwohl ich die Straßen und Klubs gar nicht mehr so kannte“. Da hatte der Mann, der schon mit fünf die vom Vater mitgebrachten „Lucky Luke“, „Tim & Struppi“ und Edelwestern-Comics verschlang und seitdem das „Feuer“ fürs Illustrieren in sich spürte, dem zum Umsetzen aber lange die entsprechende „Führung“ fehlte, „ganz bizarre Begegnungen“: geizige, zynische Business-Jet-Setter, vom Alkohol nicht nur halb weggetretene Party-Girls, gewissenlos brutale junge Männer, Halbwelt-Typen, die das Taxi mit einem Beichtstuhl verwechseln. „Da hab' ich fast mal einen Mord gestanden bekommen“, erzählt er. Dabei sei er keiner, der ein Gespräch anfängt.

In seinem 560 Seiten starken, fesselnden, teils expressionistisch anmutenden Schwarz-Weiß-Comic wollte er „auch das Negative zeigen, das Kotzen und so“. Statt wie in „Trabanten“ in Feder und Tusche setzt er die raue, illusionslose Welt seines Alter Egos Vincent, ein wortkarger Noir-Held, der in der Parkstraße in Schmolkes tatsächlicher ehemaliger Altbaubude lebt, nun in groben Brushpaint-Strichen um. So behält er das Unmittelbare seiner vor Ort entstandenen Skizzen auch in der Reinzeichnung bei.

Cover von Frank Schmolkes Münchner Taxler-Comic "Nachts im Paradies", Edition Moderne Foto: Edition Moderne

Illustrator und Taxifahrer Frank Schmolke vor Originalen seiner Zeichnungen beim Comicfestival München. Foto: Claudia Reicherter

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Erstellt:
23. August 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
23. August 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 23. August 2019, 06:00 Uhr

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