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Künstler und der Krieg: Vor 100 Jahren starb Franz Marc in der Nähe von Verdun

"Welcher die Tiere noch reden hörte"

In der Hölle von Verdun fanden vor hundert Jahren im Ersten Weltkrieg mehr als 300 000 Menschen den Tod. Auch Franz Marc, einer der großen Maler des Expressionismus, gehörte zu den Opfern.

03.03.2016
  • JÜRGEN KANOLD

Er war ein Stadtflüchtling aus München und zog 1909 ins Alpenvorland nach Sindelsdorf. Die reine Idylle: "Wenn man auf den Balkon trat, sah man hinunter auf die Pferdekuppeln und die Weiden. Es trappelte und wieherte, brüllte und muhte", erinnerte sich Elisabeth Macke: "Er lebte mitten zwischen seinen Modellen." Der 1880 geborene Franz Marc war der Tiermaler des deutschen Expressionismus. Gewissermaßen der Animalist.

Pferde, Rehe oder Kühe und die Landschaft gehen mit ähnlichen Schwingungen und Rundungen ineinander über, die Körper werden zu einem Farbsymbol. Es war ein malerischer Weg hinein "in die Natur und in die Beseeltheit der Tiere, zum mythischen Anfang", wie Wilfried F. Schoeller in seiner neuen Franz-Marc-Biografie schreibt. Seine "Sehnsucht ist eine durch den Kubismus später ausgekühlte, romantische Versunkenheit, in der Mensch und Natur, Gott und die Welt, Himmel und Erde noch einmal versöhnt erscheinen".

Lange wusste der junge Franz Marc nicht, was er studieren sollte: Theologie, Philologie, Philosophie? Dann ging er an die Kunstakademie, um Maler zu werden, brach aber 1903 ab, nachdem er in Frankreich die Impressionisten entdeckt hatte - und experimentierte für sich weiter. Auch zwischenmenschlich: Mit drei Frauen gleichzeitig hatte er ein Liebesverhältnis, heiratete eine eher unwillig, um sich dann langwierig von ihr scheiden zu lassen, um wiederum Maria Franck heiraten zu können.

1911 entstanden die berühmten Werke wie "Blaues Pferd I", und im Jahre 1911 gab er auch zusammen mit Wassily Kandinsky den kunstwegweisenden Almanach "Der blaue Reiter" heraus. Seine Malerei nahm alles auf, darunter Orphinismus und Futurismus, seine "Kämpfenden Formen" von 1914 waren dann rein abstrakt. Und im März 1916 war Franz Marc schon tot.

Nur ein paar Jahre waren das als Protagonist der Klassischen Moderne. Wie wäre seine künstlerische Entwicklung verlaufen? "Ich bin mit nichts in mir fertig", schrieb Marc im Juni 1914 und glaubte an seine Zukunft und dass er mit 40, 50 Jahren noch seine besten Bilder malen werde. Aber dann kam der Krieg. Nein, nicht als Freiwilliger rückte der Marc ein, das sei eine "deutschfromme Legende" gewesen, "um den Toten in den nationalen Pantheon der Opfer einzupassen", erläutert sein Biograf Schoeller.

Der Künstler wurde am 6. August 1914 vielmehr einberufen, wie Dokumente erläutern. Keine Deutschtümelei also, es ist ein anderer Wahn, in dem Marc bereit ist, sein "Blutopfer" zu leisten: das "gute Europäertum", das seinem Herzen näher liege als das Deutschtum. Es ist ein spannendes Kapitel Künstler und Krieg, das der 1941 geborene Schoeller, lange Jahre Kulturredaktionsleiter beim Hessischen Rundfunk und Literaturprofessor in Bremen, darstellt.

Am 24. Oktober 1914 schreibt Marc an seinen Freund Kandinsky, den Russen, der nun sein Feind sein soll, in die Schweiz: Das traurige Gefühl habe er, "dass dieser Krieg wie eine große Flut zwischen uns beiden strömt, die uns trennt". Und er erklärt: "Ich selbst lebe in diesem Kriege. Ich sehe in ihm sogar den heilsamen, wenn auch grausamen Durchgang zu unseren Zielen; er wird die Menschen nicht zurückwerfen, sondern Europa reinigen, ,bereit machen." Der Weltkrieg als eine Spielart der Französischen Revolution, die alles umwälzt, auch künstlerisch.

Die Ströme des Bluts, kommentiert Schoeller, werden "für eine geradezu infernalische Erneuerung der Zivilisation gerechtfertigt". Marc verklärte den Krieg kunstpriesterlich. Der Tod seinen Freundes August Macke bereits 1914, in dem ersten Gemetzel an der Front, der Marc tief betroffen machte, revidierte den Furor des Künstlers nicht. Marc macht militärische Karriere, verweigert sich dem Dienst in der Etappe; er erhält das Eiserne Kreuz, Ende 1915 befördert man ihn zum Leutnant der Landwehr. Gleichzeitig, so Schoeller, ergreift Marc ein "sektiererischer Untergangsmythos". Man müsse sich "gänzlich opfern", schreibt er aus dem Feld und redet geradezu den Tod herbei.

Aber dann verabschiedet sich Marc doch von seinem unmenschlichen Idealismus, begreift die Vernichtungsmaschinerie, am 9. Januar 1616 schreibt er: "Man weiß ja längst, daß man nicht mehr um den Sieg kämpft, sondern um einen erträglichen Frieden . . ." Jetzt fordert er einen Schlussstrich unter das traurigste europäische Kapitel, man müsse "still von vorn" anfangen "mit dem Begriff und Versuch einer europäischen Kultur". Und im Elend an der Front besinnt er sich wieder auf die Arbeit. Nur Skizzen hatte er gezeichnet, nahm dabei freilich den Schrecken des Krieges, die Toten, die Leidenden, die zerstörte Landschaft, kaum auf. Jetzt heißt es: "In meinen ungemalten Bildern steckt mein ganzer Lebenswille." Oder ist es Fatalismus? "Es ist Krieg, wen das Schicksal fürs Leben aufbewahren will, den bewahrt es auf. Und den andern lässt es fallen."

Der letzte Brief, am 4. März 1916 vormittags, geht an Maria, die Ehefrau, nach Kochel, wo sie eine Villa gekauft hatten. Er macht ihr Hoffnung: "Ja, dieses Jahr werde ich auch zurückkommen in mein unversehrtes liebes Heim, zu Dir und zu meiner Arbeit." Zwischen den "grenzenlosen, schaudervollen Bildern der Zerstörung" habe dieser Heimkehrgedanke einen lieblichen "Glorienschein". Er ist wieder mit der Natur im Reinen, "zur Zwiesprache mit Formen und Farben" bereit.

Aber am Nachmittag dieses 4. März 1916 stirbt Marc, am Kopf getroffen von einem Granatsplitter beim Ausritt nahe Château Gussainville bei Verdun, wo die furchtbare Schlacht tobt. Else Lasker-Schüler, die Freundin, dichtete den bewegendsten Nachruf: "Der blaue Reiter ist gefallen, ein Großbiblischer, am dem der Duft Edens hing. Über die Landschaft warf er einen blauen Schatten. Er war der, welcher die Tiere noch reden hörte; und er verklärte ihre unverstandenen Seelen."

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03.03.2016, 08:30 Uhr
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