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Welche Rolle spielte "Gruppe 47"-Gründer in Nazizeit?
Der Schriftsteller Günter Eich im Jahr 1953. Foto: dpa
Bisher unveröffentlichtes Dramenfragment von Günter Eich mit kritischem Vorwort

Welche Rolle spielte "Gruppe 47"-Gründer in Nazizeit?

"Gruppe 47"-Mitbegründer Günter Eich prägte die Kunstform des Hörspiels in der Nachkriegszeit. Umstritten blieb seine Rolle im Dritten Reich.

11.12.2015
  • WILFRIED MOMMERT, DPA

Berlin. "Seid unbequem, seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt!" Die Gedichtzeile von Günter Eich (1907-1972), dem Mitbegründer der legendären "Gruppe 47", der das moderne Hörspiel im Nachkriegsdeutschland entscheidend geprägt hat, war ein Lieblingsruf der rebellischen Jugend von 1968. Dabei war Eichs Rolle als "Sand im Getriebe" in Hitler-Deutschland umstritten. Die habe er 1940 mit dem von der NS-Presse gelobten anti-englischen Propaganda-Hörspiel "Rebellion in der Goldstadt" beendet, betont der Germanist und frühere Eich-Mitherausgeber Axel Vieregg in seinem Vorwort zu einem jetzt erstmals publizierten Dramenfragment des späteren Büchner-Preisträgers.

Vieregg ist nicht der Erste, der Eichs Rolle im NS-Rundfunk aufgreift. Ulrich Greiner warf ihm 1993 in der "Zeit" den "ideologiekritischen Eifer" und "moralischen Empörungston" desjenigen vor, "der 60 Jahre später das Richtige vom Falschen zu scheiden weiß". Eich sei niemals ein Sprachrohr der Nazis gewesen. Vieregg hält jetzt dagegen, offen habe Eich nie darüber gesprochen, "sich stattdessen in ,Erzählungen versteckt" und "seine Rolle im NS-Rundfunk stets heruntergespielt". "Erst aus der Einsicht heraus, daß er mit seinen mehr als 160 Rundfunkarbeiten das ,Dritte Reich gestützt hatte, gewann Eichs berühmte Forderung ,Seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt ihre beschwörende Kraft."

Der Schritt "vom frühen zum reifen Eich" vollziehe sich symbolisch im Wolburg-Fragment. Darin gehe es um einen Mann, dessen Vergangenheit ihn ins Gefängnis bringen könnte und der daher seine Identität aufgeben und, als vermeintlich "verlorener Sohn", in die Haut eines anderen schlüpfen müsse. "Sie müssen nur mit Überzeugung lügen können", heißt es darin. Als dem Mann geraten wird "Wer A sagt, muß auch B sagen", antwortet dieser: "Ich glaube, ich bin schon viel weiter im Alphabet und fürchte nur, eines Tages gehen mir die Buchstaben aus."

In der Vorbemerkung zu einem anderen Hörspiel mit ähnlicher Thematik ("Die gekaufte Prüfung") erklärte Eich: "In Zeiten, in denen es uns gut geht, sind gewisse Grundsituationen, in denen der Mensch über sich selbst zu Gericht sitzt, rar geworden." In dem einen Hörspiel sei es nur vordergründig um die Inflationszeit, in dem anderen nur vordergründig um die Schwarzmarktzeit, also in beiden Fällen um die Nachkriegszeit gegangen. Ende der 40er und Anfang der 50er Jahre, gab es noch einige tausend (!) Hörerbriefe auf ein Hörspiel im Rundfunk. Vor allem ging es laut Vieregg in beiden Hörspielen indirekt auch um "Eichs Mitwirken im Rundfunk der NS-Zeit". Er habe an der beliebten, mit 75 Sendungen umfangreichsten Funkserie des Dritten Reiches, dem "Deutschen Kalender" (1933-1940) mitgewirkt, aber mit seiner Stellung im NS-Rundfunk gehadert. So meinte er bereits 1936, er "werde nie und nimmer glücklich sein in dieser Rolle, das Verbogene in diesem Lebenszustand hält mich ewig in schlechtem Gewissen".

Die autobiografischen Züge im Wolburg-Fragment sind Vieregg nach nicht zu übersehen. "In einer Art Wunschbiografie verschmelzen zwei Orte, zwei Familien." Zum einen der Ort von Eichs früher Kindheit, Arenzhain bei Finsterwalde, zum anderen der Ort der Niederschrift, Geisenhausen in Niederbayern, wo Eich Ende 1944 nach den Jahren in der verhassten Armee bei einer Familie Zuflucht fand.

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11.12.2015, 08:30 Uhr
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