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Kleben an der Windschutzscheibe

Weiter Klagen über Busverkehr zwischen Dettenhausen und Tübingen

Im Busverkehr zwischen Dettenhausen und Tübingen geht es gefährlich zu. Morgens, mittags und nachmittags beklagen Schüler und Eltern fehlende Kapazitäten.

05.02.2018

Von Uschi Hahn

Am Bussteig L auf dem Tübinger Europaplatz gibt es jeden Mittag nach Schulschluss Gedränge: Hier fahren die Busse nach Dettenhausen und weiter durch den Schönbuch ab, zum Beispiel der nach Breitenstein, ein Ortsteil von Weil im Schönbuch. Bild: Hahn

Die Frau mit dem roten Koffer ist sichtlich genervt. Vor ihr sind an die 50 Schülerinnen und Schüler in den Bus gestiegen, der sie mittags nach der sechsten Stunde zurück nach Bebenhausen, Dettenhausen oder noch weiter in den Schönbuch bringen soll. Jetzt ist die ältere Reisende an der Reihe. Als sie beim Fahrer ihren Fahrschein in Richtung Weil im Schönbuch löst, beschwert sie sich über den fehlenden Sitzplatz. Der Busfahrer zuckt nur die Achseln: Gestern um die Zeit, sagt er, sei es „noch viel voller“ gewesen. „Da standen sie bis zur Tür.“

Es ist Freitag, kurz nach 13 Uhr. Kaum ist der Bus abgefahren, füllt sich der Bussteig L am Tübinger Omnibusbahnhof wieder. Auch im nächsten Bus, dieses Mal einer in Richtung Messe und Flughafen, drängen sich bei der Abfahrt rund 50 Fahrgäste. Die meisten mit Schulranzen. Einige mit Koffern. Die Schüler bleiben gelassen. Was für Gelegenheitsbusnutzer nur schwer zu akzeptieren ist, ist für etliche Kinder und Jugendliche, die mit den Bussen der Schönbuchlinien zur Schule pendeln, Alltag. „Es war schon schlimmer“, sagt eine 17-Jährige über das Geschiebe.

Müde Gesichter

Szenenwechsel: Derselbe Tag, morgens kurz vor 7.30 Uhr an der Dettenhäuser Bushaltestelle Alte Post. Es ist beißend kalt. Der Dreiviertelmond steht noch hoch am Himmel. Raureif glitzert auf den Bäumen. Vier Busse in Richtung Tübingen sind in der vergangenen halben Stunde schon hier abgefahren. Einer kommt noch. Nach und nach füllt sich der Wartebereich. Die Schüler stehen in Grüppchen beieinander oder daddeln auf ihrem Handy. Müde Gesichter unter dicken Mützen. Eigentlich hätte der Bus aus Waldenbuch hier um 7.20 Uhr halten sollen. Doch auch fünf Minuten später kommen noch Schüler. Ein paar schauen auf die Uhr. Langsam wird es eng mit dem Schulanfang.

„Der kommt eigentlich immer zu spät“, murmelt eine 17-Jährige in ihren dicken Wollschal hinein. Sie hätte einen Bus früher nehmen können, der ebenfalls direkt zur Geschwister-Scholl-Schule nach Waldhäuser Ost fährt. „Ich schlaf lieber zehn Minuten länger“, sagt die Gymnasiastin noch, bevor sie sich durch die hintere Eingangstür drängt. Mit gut zehn Minuten Verspätung macht sich der Bus auf den Weg nach Tübingen. Die Sitzplätze waren schon belegt, als er in Dettenhausen ankam. Auch etliche Schüler und Berufstätige aus Leinfelden, Steinenbronn und Waldenbuch nutzen die Linie, um allmorgendlich nach Tübingen zu kommen. Jene Schüler, die an der zweiten Dettenhäuser Haltestelle oder in Bebenhausen zusteigen, werden beim Stehen sogar auf einen sicheren Haltegriff verzichten müssen.

Dennoch: Fragt man die Schüler an den Haltestellen, bleiben die meisten cool. „Voll, aber nicht zu voll.“ „Könnte besser sein.“ „Ein Sitzplatz ist eh nicht drin.“ So lauten die Antworten morgens wie mittags. Zumindest die der älteren Schüler.

Anders hört sich das bei jüngeren wie Annelie Adam an. Sie ist 12 Jahre alt und hat die vollen Busse ziemlich satt. Zwar sei es morgens um 6.52 Uhr, wenn die Wildermuth-Gymnasiastin in Dettenhausen in den Bus steigt, „etwas besser geworden“. Nachmittags aber haben die Siebtklässlerin und ihre Freundinnen oft ein mulmiges Gefühl. In den Bussen, die um 15.38 und 15.52 Uhr am Europaplatz abfahren, „kleben wir an der Windschutzscheibe“, berichtet Annelie.

Plötzlich hat es funktioniert

Annelies Eltern, aber auch etliche andere Mütter und Väter aus Dettenhausen wollen sich diese Zustände nicht länger bieten lassen. Zumal sie immerhin 39,50 Euro für die Monatsfahrkarte ihrer Kinder zahlen, wie Annekathrin Adam vorrechnet. Bereits im vergangenen Herbst hatten Dettenhäuser Eltern die Misere im Gemeinderat beklagt. Nach einem TAGBLATT-Artikel und einer Intervention von Bürgermeister Thomas Engesser beim Tübinger Landrat hatte sich die Situation kurzfristig gebessert. Der damalige Betreiber der Schönbuchlinien hatte morgens einen weiteren Bus beziehungsweise einen größeren Ziehharmonika-Bus eingesetzt. „Plötzlich hat es funktioniert, dass Gelenkbusse gefahren sind“, erinnert sich Eva Mössner, die zwei Töchter in der fünften und siebten Klasse am Wildermuth-Gymnasium hat.

Doch dann kam am 10. Dezember der neue Fahrplan, seither wird die Strecke von einem neuen Unternehmen bedient (siehe Infobox). „Und jetzt ist die Sicherheit der Kinder wieder gefährdet“, so Mössner.

Damit will sich auch der Bürgermeister nicht länger abfinden. „Zufrieden kann man erst sein, wenn alle Schüler gefahrlos mitfahren können“, sagt Engesser. Für den Dienstag hat er deshalb ein Krisengespräch angesetzt – mit Vertretern des Landkreises und den Verantwortlichen des Busunternehmens.

Von Bahntochter zu Bahntochter

Seit dem Fahrplanwechsel am 10. Dezember vorigen Jahres wird die Schönbuchroute von Böblingen, Leinfelden und dem Flughafen über Waldenbuch oder Weil im Schönbuch und Dettenhausen von dem Unternehmen Friedrich-Müller-Omnibus betrieben. Die Firma mit Sitz in Schwäbisch Hall wurde 2001 von der Regional Bus Stuttgart (RBS) übernommen, einer 100-prozentigen Bahntochter. Bis zum Fahrplanwechsel hatte die RBS die Schönbuchlinien 826 und 828 betrieben. Nach EU-Recht mussten die Linien vom Landkreis Böblingen neu ausgeschrieben werden. Dabei machte Omnibus Müller das Rennen, weil das Unternehmen seine Fahrer nach Tarif bezahlt. Die andere Bahntochter RBS indes zahlt Übertarif und konnte daher offenbar bei der Wirtschaftlichkeit nicht mithalten.

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Erstellt:
5. Februar 2018, 19:00 Uhr
Aktualisiert:
5. Februar 2018, 19:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 5. Februar 2018, 19:00 Uhr

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