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Weiße Sintflut über Moskau
Von wegen Roter Platz auch im Herzen Moskaus regiert der Schnee. Foto: Vasily Maximov/afp
Wetter

Weiße Sintflut über Moskau

Seit Samstag schneit es heftig in der russischen Hauptstadt. Es gibt zahlreiche Verletzte und so viele Auffahrunfälle, dass Autofahrer ihre Blechschäden einfach ignorieren.

06.02.2018
  • STEFAN SCHOLL

Moskau. Es gibt auch Unfälle in Zeitlupe. Vor einer Fußgängerampel auf der zugeschneiten Krasnaja Presnaja-Straße hält ein Renault, auch der Kia-Jeep hinter ihm bremst, rutscht trotzdem weiter über den Schnee, dem Renault ins Heck. Leute steigen aus, gestikulieren, betrachten die Stoßstangen. Aber als die Ampel wieder auf Grün springt, steigen alle wieder ein und fahren weiter. Offenbar haben die Beteiligten keine Lust, wegen leichter Blechschäden einen halben Tag auf die überlastete Verkehrspolizei zu warten.

Über Moskau tobt ein Rekordschneesturm. Seit Samstagmorgen fällt ununterbrochen Schnee, nach Angaben des Hydrometrischen Zentrums Russlands betrugen die Niederschläge in Moskau am Wochenende 53 Millimeter, 150 Prozent des Monatsdurchschnitts. Für einen Februaranfang ist das Rekord. Die Schneehöhe stieg auf 55 Zentimeter. Und gestern schneite es weiter.

Am Samstag hatte es bei nassem Schnee und starkem Wind erste Opfer gegeben. Ein Mann kam abends durch einen Stromschlag ums Leben, als er beim Aussteigen aus dem Auto in eine Eispfütze trat, in der ein gerissenes Starkstromkabel lag. Wegen zerstörter Leitungen brach zwischenzeitlich die Stromversorgung von etwa 40 000 Menschen in Zentralrussland zusammen. In Moskau wurden fünf Menschen durch umstürzende Bäume verletzt, etwa 2000 Bäume knickten unter der Schneelast ein, beschädigten ein Dutzend Fahrzeuge. Auf vielen Straße gefror der Schneematsch und geriet zum eisglatten Untergrund für sich darauf häufenden Schnee.

Seit Samstag wurden in Moskau über 2000 Verkehrsunfälle registriert, zum Großteil gab es nur Blechschäden, weil die Fahrer meist sehr langsam unterwegs waren. Nur 32 Menschen wurden verletzt. Mehr als 100 Flüge auf den vier Moskauer Passagierflughäfen mussten allein gestern verlegt werden. Der Blogger Ilja Warlamow schreibt sogar von 180 verschobenen oder abgesagten Flügen – unter dem Titel „Schneehölle in Moskau“.

„Das war ein Jahrhundertschneefall“, erklärte Bürgermeister Sergei Sobjanin gestern. „Aber ein Kollaps oder eine Katastrophe sind ausgeblieben, die Stadt arbeitet normal.“ Tatsächlich meldete das Verkehrsportal Yandex Probki gestern eine Staudichte von 60 Prozent, nur 10 Prozentpunke mehr als üblich. Allerdings gebe es viele ungewöhnliche Staus im Moskauer Umland.

Nach Angaben der Zeitung „Komsomolskaja“ Prawda räumten in der Nacht auf Montag 70 000 Gemeindearbeiter und 5000 U-Bahn-Bedienstete Schnee. Sobjanin, der den Schulkindern gestern freigab, dementierte Meldungen, man habe auch Einheiten der Armee einsetzen müssen.

Unter seinem Vorgänger Juri Luschkow war Moskaus Stadtverwaltung für ihre nächtlichen Schneeräumschlachten berühmt.Gestern aber fragen sich viele Bürger, warum tagelang nur wenige der offiziell einsatzklaren 11 000 Schneeräumfahrzeuge zu sehen waren. „Achtung. In Moskau gab es den Diebstahl des Jahrhunderts“, spottet der Blogger Stopliksutow auf Facebook. „Dem Moskauer Rathaus wurden 11 000 Schneepflüge entwendet.“

Der heftig fallende Schnee verwandelte Fußgängerbrücken in Rodelbahnen, Parkplätze in Schneewehen, Schwenkbusse fuhren sich auf auch ebener Strecke fest. Auf engen Nebenstraßen kam es zu ständig neuen Staus, weil Kleinwagen auf dem verhärteten Schnee zwischen den Fahrspuren aufsetzten und hängen blieben. Sehr viele Leute stiegen auf S- und U-Bahn um. Gestern wurden in den Bahnhöfen alle Durchgänge geöffnet.

Die Moskauer halfen sich selbst aus dem Schnee. Passagiere schoben gestern mit vereinten Kräften mehrfach Autobusse mit durchdrehenden Reifen an, überall in der Stadt stemmten sich Passanten gegen Pkws, die in zugeschneiten Parklücken festsaßen.

Auf der Krasnaja Presnenskaja aber gibt es nach sechs Minuten den nächsten Unfall. Ein schwarzer Nissan kollidiert beim Ausparken mit einem weiße Opel und hinterlässt schwarze Streifen auf dessen Blechflanke. Beide Fahrer stehen im Schnee und palavern. „Wir müssen auf die Polizei warten“, sagt der Fahrer des geschädigten Opels. „Müssen wir wohl“, antwortet der andere. „Aber ich habe keine Lust, mich so lange mit diesem Schwachsinn aufzuhalten, und du hast Kinder im Auto!“ räsoniert der Opelfahrer. „Und was schlägst Du vor?“ „Nichts“, antwortet der Opelfahrer. „Wir steigen einfach wieder ein und fahren weiter.“ Russen sind nicht kleinlich, erst recht nicht, wenn sie in einen Jahrhundertschneesturm geraten sind.

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06.02.2018, 06:00 Uhr
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