Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Wege in die Zukunft
Kunststaatssekretärin Petra Olschowski geht voran hier bei der Besichtigung von Persepolis. Foto: Aboul-Kheir
Iran

Wege in die Zukunft

Museumsdirektoren in der Fremde: Eine Kultur-Delegation aus dem Land war unter Führung von Staatssekretärin Petra Olschowski fünf Tage staunend netzwerkend unterwegs.

02.12.2017
  • MAGDI ABOUL-KHEIR

Teheran. Und dann ging plötzlich die Schatzkammer auf. Das Trio aus Baden-Württemberg hatte nicht mehr daran geglaubt, einen Blick ins Allerheiligste des Tehran Museum of Contemporary Art (TMoCA) werfen zu dürfen, doch dann öffnete sich das Depot. Die Blicke von Christiane Lange, Pia Müller-Tamm und Jan Holten, Direktorinnen und Direktor der staatlichen Museen aus Stuttgart, Karlsruhe und Baden-Baden, fielen auf einen Picasso. „Kennen Sie den?“ – ein Scherz von Direktor Ali-Mohammad Zare.

In 70er-Jahre-Architektur zeigt das TMoCA derzeit eine stupende Tony-Cragg-Ausstellung, im gewaltigen Treppenhaus schwebt ein Alexander-Calder-Mobile vor Bildnissen der Ajatollahs Khomeini und Khamenei. Und im Depot diese Schätze. Picasso, Monet, Kandinsky, Bacon. „Das war schon der Knaller!“, sagte Christiane Lange.

Der Besuch im TMoCA war ein Höhepunkt der Iran-Reise einer Landes-Delegation unter Führung von Kunststaatssekretärin Petra Olschowski – auch wegen der einst von Schah-Gattin Farah Diba zusammengetragenen Sammlung. Vor einem Jahr war eine Ausstellung der Bilder in Berlin kurzfristig abgesagt worden, offiziell wegen fehlender Ausfuhrgenehmigungen. Gibt es noch eine Chance? Man müsse „Wege in die Zukunft zeigen“, meinte der TMoCA-Direktor.

Was diese Wege betrifft, konnten die baden-württembergischen Vertreter in eigener Sache vorangehen. So trieb Christiane Riedel, Geschäftsführerin des ZKM Karlsruhe, die Planung voran, die deutsch-französische Ausstellung „Reset Modernity!“ aktualisiert in Teheran zu zeigen. Es gehe darum, „aus einer eurozentrischen Perspektive auszubrechen“.

Der Direktor des Badischen Landesmuseums, Eckart Köhne, unterzeichnete einen Kooperationsvertrag mit dem Iranischen Nationalmuseum. Dessen Direktor Jebrael Nokandeh zeigte sich „voll bestrebt, das Vorhaben mit Leben zu erfüllen“, sei es in Sachen Restaurierung, Digitalisierung, Marketing oder Didaktik.

Da war dann auch mal – zu den Rufen des Muezzin – von Revolution die Rede: von der medialen Revolution in den Museen. „Wir haben drei Millionen Objekte von der Steinzeit bis in die Gegenwart“, sagte Nokandeh, „jedes kann Gegenstand gemeinsamer Arbeit sein.“

„Es ist von großer Bedeutung für unsere Weltgemeinschaft, wenn wir in Kunst und Kultur, Wissenschaft und Forschung über Ländergrenzen zusammenarbeiten“, betonte Olschowski. Besiegelt wurde die Kooperation dann freilich durch einen Händedruck nur zwischen den Männern – entsprechend den Gesetzen des Gastgeberlandes. Auch das Kopftuch war für alle Frauen der Delegation Pflicht.

Und die Politik? „Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht“, sagte der deutsche Botschafter Michael Klor-Berchtold beim Empfang der Delegation in seiner Residenz und spielte damit auf das Wiener Atomabkommen von 2015 an, mit dem ein diplomatisches Tauwetter gegenüber dem Iran eingesetzt hat – auch wenn es derzeit „Störgeräusche aus verschiedenen Ecken der Welt“ gibt.

Olschowski betonte, es handle sich um die „erste reine Kunst-und-Kultur-Delegation, die vom Ministerium für Wissenschaft und Kultur in die Welt geschickt wird“. Allein das zeige schon den Stellenwert des Iran.

In der Delegation waren auch die Kunstakademie Stuttgart und das Landesmuseum Württemberg vertreten – neben Kunst war Archäologie der zweite Schwerpunkt der Reise. „Archäologie ist ein Türöffner“, weiß Ernst Pernicka, der an der Uni Heidelberg lehrt und an seine Ausgrabungen von 1999 bis 2006 anknüpfen will.

Türen wurden viele geöffnet – etwa auch zur historischen Fotosammlung des Golestan-Palasts. Was die Gäste dort sahen? Mehr als 100 Jahre alte Aufnahmen aus Baden-Baden. Immer wieder fanden Iraner und Deutsche Querverweise, Anknüpfungspunkte – ohne das Trennende in den Lebenswirklichkeiten zu ignorieren.

Der Besuch in der weitläufigen Teheran University of Arts brachte die Delegation nah an Studierende heran. Olschowski, bis 2016 Rektorin der Kunstakademie Stuttgart, fühlte sich dort gleich wohl, „in Räumen, die nach Farbe und Ton riechen“.

Die Begegnungen ließen erspüren, wie das Leben im Iran ein stetes Balancieren zwischen Erlaubtem, Toleriertem und Verbotenem ist. Davon erzählten auch Künstler, die die Delegation in vier Galerien kennenlernte – selbst im Büro der progressivsten Galerie hingen die Ajatollahs an der Wand, sicherheitshalber. Auch ein Besuch bei den Machern einer Kunstzeitschrift ließ erahnen, dass das zuweilen aufkommende Freiheitsgefühl im Alltag mit Vorsicht zu genießen ist.

Es ist eine Gesellschaft, in der jeder Fingerbreit, den das Kopftuch mehr vom Haar einer Frau preisgibt, auch ein Fingerzeig ist; in der jeder Pinselstrich eines Künstlers über eine unsichtbare Grenze hinausgehen könnte; in der jede Silbe eines Dichters gegen ein unausgesprochenes Gesetz verstoßen könnte.

Und all das ist kein Spiel, dafür ist es zu ernst. Oft genug todernst. Denn der Iran mag „keine 08/15-Diktatur“ sein, wie es ein Botschaftsangehöriger formulierte, aber eine Diktatur ist er. Laut Adenauer-Stiftung hält der Iran den traurigen Weltrekord an Hinrichtungen pro Kopf.

Es ist ein Land komplexer Widersprüche, wo es eigene U-Bahn-Wagen für Frauen gibt, aber in manchen volkstümlichen Gaststätten keine getrennte Toiletten. Wo der Tanz verboten ist, er aber als „harmonische Bewegungskunst“ zelebriert wird. Wo so vieles unter Strafe steht, was dann im Verborgenen doch blüht.

Der Iran ist aber nicht nur Teheran. So reiste die Delegation nach Shiraz, 80 Flugminuten südlich gelegen. Dort besuchte die Delegation 2500 Jahre alte Felsengräber und die grandiosen Ruinen der altpersischen Residenzstadt Persepolis. Forscher der Uni Tübingen unter Nicholas Conard haben dort schon gegraben.

Persepolis ist Unesco-Welterbestätte. Für Direktor Massoud Rezaie Monfared bedeutet das, „dass dieser Ort nicht nur den Iranern gehört, sondern der ganzen Welt“. Daher müssten auch alle diese Schätze bewahren helfen. Mit weiteren Funden rechnet er fest: „Es überrascht uns nicht, wenn es Überraschungen gibt.“

Seit dem Atomabkommen ist die Zahl ausländischer Besucher um 200 Prozent angestiegen, derzeit ist jeder vierte Besucher Ausländer. „Schön, dass die Welt wieder zu Besuch kommt“, stellte Olschowski fort.

Und so zog die Staatssekretärin nach fünf Tagen Iran, zehn Kebabs und vielen Gesprächen ein positives Fazit. „Es ist wichtig, Kultur als Sprache und Instrument zu verstehen, um andere Lebensweisen kennenzulernen und zu reflektieren.“ So vielfältig der Iran sei, so vielfältig seien nun auch ihre Emotionen. „Die Kraft und die Offenheit der Menschen haben mich überrascht und berührt. Ich fahre erfüllt zurück.“ Das Erste aber, was sie an Bord des Lufthansa-Jumbos tat, war, das Kopftuch abzulegen.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

02.12.2017, 06:00 Uhr
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden

Newsletter-bestellen

· Samstags verschicken wir die News der Woche, unser Klassiker: Die wichtigsten Themen und Geschichten direkt im E-Mail-Postfach. So bleiben Sie auch in der Ferne immer informiert, was in und rund um Tübingen passiert.
· Werktags versenden wir um 9 Uhr die News am Morgen mit den wichtigsten aktuellen Nachrichten.
· Sonntagabend kommt unser Sport-Newsletter mit den wichtigsten Lokalsport-Berichten und Ergebnissen vom Wochenende.

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder sich neu als Benutzer registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter (nur falls Sie weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese) verwendet. Ihre Daten werden nicht an andere Unternehmen weitergegeben.
 
Nachrichten aus ...
Reutlingen Wannweil Pliezhausen Walddorfh�slach Ammerbuch T?bingen Dettenhausen Kirchentellinsfurt Kusterdingen Gomaringen Dusslingen Ofterdingen Mössingen Nehren Bodelshausen Hirrlingen Neustetten Rottenburg Starzach Horb
Das Tagblatt bei
Facebook Google+ Twitter Instagram
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesen
Wirtschaft im Profil
Wirtschaft im Profil

Die aktuelle Ausgabe unseres Business-Magazins Wirtschaft im Profil
Neueste Artikel
Anzeige

Themen-Dossiers

Themen-Dossiers
Single des Tages
date-click
Das Tagblatt als E-Paper

Kontakt zum Kundenservice

Abonnement
07071/934-222
vertrieb@tagblatt.de

Anzeigen
07071/934-444
anzeigen@tagblatt.de

Kontakt zu den Redaktionen

Schwäbisches Tagblatt Tübingen
07071/934-0
redaktion@tagblatt.de

Neckar-Chronik Horb
07451/9009-30
nc@neckar-chronik.de

Tagblatt Online         
07071/934-314
online@tagblatt.de

Steinlach-Bote Mössingen
07473/9507-0
sb@tagblatt.de

Rottenburger Post
07472/1606-16
ro@tagblatt.de

Reutlinger Blatt
07121/3259-50
rt@tagblatt.de

Tagblatt Anzeiger
07071/934-344
tagblatt-anzeiger@tagblatt.de

Wirtschaft im Profil
07071/934-166
wip@tagblatt.de


Oder nutzen Sie unser Kontaktformular