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Frauen bei der Feuerwehr: Einsatz in Männerhosen

Sandra Verardi und Kollegin Katharina Kaden sind bei der Arbeit nur von Männern umgeben

„Es gibt Situationen, da sind die Kollegen froh, Frauen dabei zu haben“, sagt Sandra Verardi. Bei Einsätzen mit Kindern etwa, oder mit muslimischen Frauen, die sich nur von Frauen anfassen lassen.„Trotzdem habe ich manchmal das Gefühl, weniger wahrgenommen zu werden als meine männlichen Kollegen.“

05.07.2018

Von Lisa Maria Sporrer

Katharina Kaden (im Auto) und Sandra Verardi arbeiten als Hauptamtliche bei der Tübinger Feuerwehr. Frauen sind in dem Beruf noch längst nicht selbstverständlich.Bilder: Franke

Dann nämlich, wenn Einsatzkräfte an der Einsatzleiterin vorbeilaufen, weil niemand davon ausgeht, dass eine Frau ihr Ansprechpartner ist.

Seit ein paar Monaten arbeitet Verardi, 26, bei der Feuerwehr Tübingen als Hauptamtliche. Sie ist dort die erste Frau im gehobenen Dienst und es ist kein Zufall, dass sie Feuerwehrfrau geworden ist. „Wenn man damals meine Klassenkameraden gefragt hätte, was ich mal werde, hätten alle gesagt: Die geht zur Feuerwehr“, sagt Verardi. Aufgewachsen ist sie bei Bruchsal. Ein Dorfkind sei sie. Als sie zehn Jahre alt war, überredete ihre Freundin sie, mit zur Jugendfeuerwehr zu kommen. Ihre Freundin, eine Kommandanten-Tochter, hatte Überzeugungskraft: „Vier Mädels waren wir damals, das war viel.“ Als sie volljährig wurde, machte sie bei der Freiwilligen Feuerwehr in Bruchsal die Grundausbildung. Schläuche ausrollen, technische Hilfe leisten. Endlich durfte sie mit zu Einsätzen. Lediglich eine berufliche Alternative sah Verardi seinerzeit für sich. Weil die Musikhochschulen in Karlsruhe und Stuttgart sie aber ablehnten, entschied sie sich für ein Studium an der Technischen Hochschule in Köln.

Feuerwehren sind Aufgabe der Kommunen. Im Hauptamt ist es ein Beamtenberuf, der mit bestimmten Voraussetzungen verknüpft ist. Der mittlere Dienst setzt für Bewerber oft eine handwerkliche Ausbildung voraus. Für den gehobenen Dienst braucht man einen Bachelor, möglichst in einem technischen Studiengang. Weil Verardi wusste, was sie werden will, entschied sie sich, Rettungsingenieurwesen zu studieren. Die daran anschließende Ausbildung als Brandoberinspektoranwärterin machte sie bei der Landesfeuerwehrschule Baden-Württemberg in Bruchsal.

Sandra Verardi

In Tübingen ist Verardi nun sowohl Einsatzleiterin als auch für das Sachgebiet vorbeugender Brandschutz zuständig. Lediglich eine Kollegin hat sie auf der Wache: Katharina Kaden (38). In der hauptamtlichen Abteilung der Tübinger Feuerwehr arbeiten 27 Männer und zwei Frauen – eine überdurchschnittliche Frauenquote. Zum Vergleich: Die deutlich größere Reutlinger Feuerwehr hat keine hauptamtliche Frau dabei.

Dass es für Frauen schwierig sei, Berufsfeuerwehrfrau zu werden, will Kaden nicht so deutlich sagen. „Eine Herausforderung ist es aber auf jeden Fall.“ Die Ansprüche sind hoch, überdurchschnittlich sportlich muss man sein. Geboren ist Kaden in Dresden, 1984 zog sie mit ihrer Familie nach Ulm. Da war sie fünf Jahre alt. Als „totalen Quereinsteiger“ bezeichnet sich die zierliche Frau, die bei Ratiopharm eine umwelttechnische Ausbildung machte und bis zu ihrem 27. Lebensjahr im Labor arbeitete. Am Schreibtisch zu hocken war aber nicht ihr Ding. Und weil ihr die Art zu helfen bei der Freiwilligen Feuerwehr in Ulm Spaß machte, entschloss sie sich zu einer Ausbildung bei der Bundeswehr zur Brandmeisteranwärterin. Von der „alten Schule“ spricht sie in Bezug auf diese Ausbildung damals bei der Bundeswehr: Druck und auch mal blöde Kommentare. Vor allem: „Wenn man als kleine Frau kommt. Da muss man doppelt so viel Leistung bringen.“

Katharina Kaden

Sowohl Kaden, die seit zwei Jahren bei der Berufsfeuerwehr in Tübingen im mittleren Dienst arbeitet, als auch Verardi sind kleine und zierliche Frauen. Als Maschinistin hat Kaden bei ihrem Beruf manchmal Probleme, könnte man meinen. Aber sie fährt jede Größe von Löschfahrzeugen. Das Schlüsselwort sei arrangieren, sagt sie. „Die Autos sind mittlerweile so modern, da geht der Sitz nicht nur vor und zurück.“ Das sieht auch Verardi so: „Es gibt immer Mittel, Wege und Möglichkeiten.“

In ihrer Einsatzstelle in Tübingen jedenfalls sehen sich die beiden Frauen keinen Anfeindungen ausgesetzt. Ihr Chef, Kommandant Michael Oser, sieht dafür auch keinen Grund. „Das Thema hat bei uns nie eine Rolle gespielt“, sagt er und meint damit auch die Einstellungsvoraussetzungen, die sich von Bundesland zu Bundesland und innerhalb dieser von Kommune zu Kommune unterscheiden können. So dürfen in Bayern etwa flächendeckend keine Männer und Frauen als Hauptamtliche in die Feuerwehr, die kleiner als 1,65 Meter groß sind. „Wir haben hier Frauen, die ausgebildete Feuerwehrleute sind, da kümmern wir uns ja nicht um ihre Größe“, sagt Oser.

Lediglich in der Ausgehkleidung dürfen sich die beiden ganz offiziell als Frauen präsentieren. Während nämlich die Einsatzkleidung nicht auf Frauen zugeschnitten ist, gibt es für feierliche Anlässe einen Feuerwehr-Rock. Anstatt einer Krawatte dürften sie dann auch ein Tuch tragen. „Aber das gibt es in Tübingen noch nicht“, sagt Verardi.

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Erstellt:
5. Juli 2018, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
5. Juli 2018, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 5. Juli 2018, 01:00 Uhr

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