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Was wir von Wittgenstein über die Kehrwoche lernen können
Archivbild: Rainer Mozer
Peter Strigl über Schwäbisch für Neigschmeckte

Was wir von Wittgenstein über die Kehrwoche lernen können

Ko ebber no des Fichda-Moped vom Schlepper ra lada?“ Gerade im Berufsalltag ist Schwäbisch mehr als nur ein Dialekt, wie diese Bitte um das Ausladen einer Motorsäge illustriert.

09.11.2018
  • pks

Als Sprache der Tüftler und Schaffer ist es Zugang zur Lebensart des Ländles. Für Zugezogene kann das zum Problem werden. Denn, wie der österreichische Philosoph Ludwig Wittgenstein in seinem berühmten „Tractatus“ sagt: „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“

Während sich der Heilbronner Autobauer Wilhelm Maybach in der Reutlinger Bruderhaus-Fabrik mutmaßlich noch ganz gut mit seinem Chef Gottlieb Daimler verständigen konnte, kommen die Mitarbeiter großer und auch kleiner Unternehmen heute aus der ganzen Welt. Was also tun? Die Reutlinger Volkshochschule (VHS) reagiert in ihrem neuen Programm mit einem Angebot für „Neigschmeckte“, wie der Schwabe Zugezogene unnachahmlich liebevoll tituliert. „Was heißt eigentlich ‚ra‘?“, habe sie der syrische Hausmeister der VHS gefragt, berichtet Initiatorin Susanne Fuchs. Das brachte sie auf die Idee mit dem Kurs „Verstehen Sie Schwäbisch?“, der am heutigen Freitag beginnt.

Die Leiterin der Abteilung Sprachen hat vor ein paar Jahren schon einmal Hochdeutsch für Schwaben angeboten – mit mäßigem Erfolg. Warum sollte ein Schwabe auch Hochdeutsch lernen, wo es doch daheim am schönsten ist? Nun also andersrum. Der Kurs ist für Sprecher anderer Dialekte sowie für Migranten konzipiert, die allerdings schon einigermaßen gut Deutsch sprechen sollten. Innerhalb von vier Terminen lernen sie typische Fehler zu vermeiden, die ein Schwabe niemals machen würde. Etwa „Gehen“ zum „Laufen“ sagen, die „Fiaß“ als „Beine“ bezeichnen oder eine Relation mit „als“ statt „wie“ herstellen. Richtig muss es folglich heißen: „I be heit dr ganze dag uff de Fiaß ond meh gloffa wie en Gaul.“

Fuchs selbst kann zwischen diesen Welten vermitteln, da die gebürtige Schwäbin 20 Jahre in Bremen lebte. Und ihr fränkischer Vater hatte einstmals schon erhebliche Integrationsprobleme, als seine Schwiegermutter ihm einen „Teppich“ gegen die Kälte anbot.

Sprache ist immer auch eng mit der Kultur verknüpft. Daher lernen die Teilnehmer selbstverständlich auch bedeutende schwäbische Errungenschaften wie die Kehrwoche kennen. Einem typischen Schwaben gilt das Tun aber mehr als das Reden, und so will er die Kehrwoche am besten mit dem Besen in der Hand vermittelt sehen. Auch der späte Wittgenstein hat das offenbar erkannt. In seinem zweiten und letzten Buch schreibt er: „Eine Sprache verstehen, heißt, eine Technik beherrschen.“

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09.11.2018, 01:00 Uhr
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