Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Coronakrise

Zuhause bleiben: Was tun bei Lagerkoller?

Wenn sie tage- und wochenlang mit ihren Kindern zu Hause bleiben sollen, geraten viele Eltern an ihre nervliche Belastungsgrenze.

24.03.2020

Von Dorothee Torebko und Michael Gabel

Familien müssen zur Zeit eng aufeinander sitzen. Das verursacht Stress. Foto: © Monkey Business Images/Shutterstock.com

Dass sie während der Coronakrise zu Hause bleiben sollen, stellt Familien vor große Probleme. Lagerkoller ist eins davon. Experten befürchten allerdings auch, dass es zu mehr Fällen häuslicher Gewalt kommt. Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Was ist Lagerkoller? Derzeit verbringen Familien und Partner viel Zeit zusammen – so viel wie sonst nur selten. „Das ist eine Riesen-Herausforderung und kann Stress für die gesamte Familie bedeuten“, sagt die Kinder- und Jugendpsychologin Silvia Schneider von der Ruhr-Universität Bochum. Vor allem für Familien, in denen bereits Konflikte vorhanden sind, sei das schwierig. Daher sei es wichtig, bereits präventiv Maßnahmen zur Deeskalation zu ergreifen, betont die Kinder- und Jugendpsychologin.

Was hilft gegen Lagerkoller? Silvia Schneider rät Eltern: „Nutzen Sie die Zeit positiv.“ Je nach Altersgruppe könne man mit den Kindern etwa Gesellschaftsspiele spielen, auf dem Balkon Seifenblasen steigen lassen oder im Hof Springseil springen. Auch gemeinsames Lesen und Malen sind Möglichkeiten. Wichtig dabei sei es, eine Routine zu schaffen. Das heißt: feste Arbeitszeiten einerseits sowie andererseits feste Spiel- oder Lernzeiten festzulegen. „Kinder brauchen Strukturen. Daher ist es wichtig, eine Tagesroutine einzuhalten“, empfiehlt Schneider. Doch auch die Eltern sollten sich Zeit für sich nehmen und – wenn sie zu zweit sind – sich zurückziehen dürfen, um ihre Akkus aufzuladen.

Wie können soziale Medien dabei helfen? Es gibt im Netz allerlei kostenfreie Freizeit- und Lernmöglichkeiten. Anbieter von Yoga-Apps stellen derzeit Übungsstunden kostenlos ins Netz. Der Basketball-Bundesligist Alba Berlin zeigt täglich auf seinem Youtube-Kanal Sportübungen zum Mitmachen an. Auch Musikfans müssen nicht auf ihr Hobby verzichten: Der Pianist Igor Levit streamt seine Konzerte jeden Abend live aus seinem Wohnzimmer auf Twitter. Und die Berliner Philharmoniker übertragen ihre Konzerte 30 Tage lang kostenfrei in einer digitalen Konzerthalle. Psychologin Silvia Schneider rät außerdem: „Eltern sollten sich nicht den ganzen Tag über mit Corona-Nachrichten beschäftigen. Das kann zu Angst führen – und die könnte sich dann auf die Kinder übertragen.“ Lieber einmal morgens und abends informieren.

In China und Spanien hat die ausweglose Enge in den Wohnungen zu mehr Gewalt gegen Kinder geführt. Wird das in Deutschland auch so kommen? Der Geschäftsführer des Deutschen Kinderhilfswerks (DKHW) Holger Hofmann, befürchtet das. „Besonders dort, wo Familien in kleinen Wohnungen leben, könnte das zum Problem werden“, sagt er. „Es ist ein Unterschied, ob ich mit zwei Kindern auf 120 Quadratmetern mit Garten lebe oder auf 60 Quadratmetern an einer vielbefahrenen Straße, an der ich nicht mal die Fenster öffnen kann.“

Sind nur diejenigen ein Problem, die sowieso schon zur Gewalt neigen? „Wenn wir davon ausgehen, dass die Zahlen zunehmen, dann sind das nicht nur die Menschen, bei denen wir jetzt schon häusliche Gewalt erleben“, betont Hofmann. Dass Eltern an ihre Grenzen kommen, könne in dieser besonderen Lage praktisch in jeder Familie vorkommen.

Was können Eltern tun, die merken, dass sie es nicht mehr schaffen? Hilfe in Anspruch nehmen, rät Hofmann – von anderen Familienmitgliedern, im Extremfall vom Jugendamt. „Eltern sollten unbedingt kommunizieren, wenn ihnen die Belastung zu groß wird, und nicht zu warten, bis das Fass überläuft.“ Nachbarn und Angehörige sollten gerade in der jetzigen Situation sensibel für Auffälligkeiten sein und frühzeitig das Gespräch mit den Eltern suchen. „Kinder dürfen nicht körperlich angegangen werden. Sie dürfen nicht geschlagen werden. Das muss ein Tabu sein.“

Ist es in Ordnung, wenn Kinder auch mal fünf Stunden lang Serien schauen? Hofmann rät davon ab. „Den Fernsehkonsum, aber auch den Verzehr von Süßigkeiten sollte man auch in dieser Phase wohldosieren“, sagt er. Eine Zeitlang gehe das möglicherweise gut, aber danach werde die Unruhe umso größer. „Vor allem haben die Kinder normalerweise einen starken Bewegungsdrang. Besser als auf dem Sofa zu sitzen, ist es, gemeinsam Gymnastik zu machen, vielleicht auch zusammen zu tanzen. Der Kreativität sind da keine Grenzen gesetzt.“

Wie lange können die Familien gemeinsam in der Enge leben? Eine pauschale Antwort gibt es darauf nicht. DKHW-Geschäftsführer Hofmann hält in den meisten Familien „zwei, drei Wochen“ für machbar. „Spätestens dann werden aber viele an ihre Grenzen kommen.“

Belastungen in der Quarantäne

Einsamkeit, Lagerkoller, Streit: Die Corona-Pandemie stellt die Menschen vor ungeahnte Herausforderungen. Die einen plagen sich mit Konflikten in der Familie herum, andere sehnen sich nach Aufmerksamkeit und Nähe. Die Auswirkungen können dramatisch sein – für die Psyche und das Zusammenleben. Mit dieser Serie beleuchten wir, welche Probleme auftreten können und geben Tipps, sie zu lösen.

Zum Artikel

Erstellt:
24. März 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
24. März 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 24. März 2020, 06:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Bitte beachten Sie unsere Hinweise zur Lizenzierung.
Aus diesem Ressort

Push aufs Handy

Die wichtigsten Nachrichten direkt aufs Smartphone: Installieren Sie die Tagblatt-App für iOS oder für Android und erhalten Sie Push-Meldungen über die wichtigsten Ereignisse und interessantesten Themen aus der Region Tübingen.

Newsletter

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder als Benutzer kostenlos neu registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter verwendet - nur falls Sie auch weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese.
Das Tagblatt in den Sozialen Netzen

Faceboook      Instagram      Twitter           Google+      Google+