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„Der komplette Sinnenrausch“

Was sind gute Songs? Kabarettist und Musiker Georg Ringsgwandl hat ein paar gute Antworten

„Woanders“ heißt sein neues Album. Auch Georg Ringsgwandl ist „woanders“ als vor 30 Jahren. Ein Gespräch über Erfahrung, Lebendigkeit – und Musik.

25.08.2016
  • SIBYLLE U. BURKHARD SCHÄFER

Murnau. Im elterlichen Wohnzimmer kam Georg Ringsgwandl 1948 zur Welt. Mit seinem neuen Album „Woanders“ kehrt der bayerische Kabarettist und Liedermacher in die gute Stube zurück. Die Platte, die am 2. September erscheint, wurde mit unverstärkten Instrumenten im Wohnzimmer aufgenommen. „Zusammen in einem Raum, Hausmusik, kammermusikalisch miteinander schrammelnd“, sagt Ringsgwandl. Zum Titel findet sich im Booklet ein typischer Ringsgwandl-Satz: „Keiner kann dir sagen, wo das Paradies ist, nur ER weiß es, aber ER wohnt definitiv WOANDERS“. Die Hinwendung zur Kammer-Musik hatte Dr. med. Georg Ringsgwandl bereits vor vier Jahren vollzogen, als er seine (von ihm selbst so bezeichnete) Stubenoper „Der varreckte Hof“ auf die Bühne brachte. Zum Sommergespräch lädt der Kardiologe a.D., der den Arztkittel 1993 endgültig gegen seine zunächst schrillen Bühnen-Outfits tauschte, auf die Terrasse seines Hauses in Murnau am Staffelsee. Im Hintergrund des weitläufigen, reich bewachsenen Grundstücks leuchtet blau der Staffelsee, es gibt Kaffee und Kuchen. Es geht sofort in medias res. Ringsgwandl spricht ungeschützt, mit offenem Visier. Genau so lässt er sich fotografieren, fast möchte man sagen: ohne Pose. Aber Nicht-Inszenierung gibt es ja nicht, schon gar nicht bei Georg Ringsgwandl.

Darf man Sie jetzt einen alten erfahrenen Bühnen-Hasen nennen?

GEORG RINGSGWANDL: Die Erfahrung oder das, was man als gedankliches Konstrukt dafür ansieht, ist natürlich ein zweischneidiges Schwert. Alle Leute, die älter werden und denen nichts mehr einfällt, die pochen auf ihre Erfahrung. Aber wenn man Musik macht und vor Publikum spielt, ist das eine Sache des Moments. Da nützt es den Zuhörern nichts, dass der Typ auf der Bühne derjenige ist, der vor Jahren einen Hit hatte oder damals mal einen Preis gewann.

Ausgetretene Pfade zu gehen, ist nicht Ihr Ding?

RINGSGWANDL: Ich habe keine Lust und keinen Spaß daran, zweimal das Gleiche zu machen. Dann hätte ich gleich in der Klinik bleiben können. Und ich schäme mich dann auch vor mir, wenn ich immer wieder ähnliche Sachen mach‘. Da weiß ich, dass ich mich billig aus der Affäre gezogen habe. Gegenüber dem, was ich vorher gemacht habe, soll ich schon gewisse Lehren gezogen, gewisse Dinge gelernt haben.

Wann ist ein Song ein guter Song?

RINGSGWANDL: Wenn ein Lied die Leute nicht berührt, hat es keine Existenzberechtigung. Das ist die ganz schlichte Wahrheit. Da kann er noch so gelobt werden, so teuer sein oder sonst was. Das ist immer wieder schwierig. Man fängt an mit nichts. Manchmal höre ich Sachen, die wir vor dreißig Jahren gemacht haben und denke: Du lieber Gott! Wie elegant, schlau und spritzig! Das ist immer noch gut. Da frag ich mich: schaffst du das nochmal? Das ist eine bange Frage.

Kommen Sie mit „Woanders“ von der Stubenoper zum Stubenalbum?

RINGSGWANDL: Ja, das ist so. Wir haben begonnen, im Wohnzimmer mit so einfachen Mitteln wie möglich zu musizieren, damit der Sound die schwarzen, rhythmischen Elemente, das Soul- und Blues-Feeling bekommt. Wir spielen seit sieben Jahren zusammen, aber bis eine Band wirklich gemeinsam so ruhig atmet wie ein einziger Organismus, dauert es einfach Jahre. Das Album ist der Versuch, das Ganze auf das Mindestmaß an Effekten und Instrumenten zu reduzieren. Es geht um die musikalische Substanz. Am Schluss, wenn es gut läuft, ist es einfach ein guter Song: wenige Instrumente, eine Melodie und der Text. Mehr nicht.

Wie schreiben Sie Ihre Songs?

RINGSGWANDL: Mir fällt zuerst eine sogenannte Hook-Line ein: ein Satz, eine Sprachwendung und ein Melodiebogen. Zum Beispiel „Koda“, der zweite Song auf der Platte. Da habe ich mit jemandem telefoniert, der hat geklagt und gesagt, dass da ein Kater währenddessen auf dem Bett herumliegt. Da meint er, im nächsten Leben würde er auch ein Kater. Wie er da so redet, denke ich: das ist ein Wahnsinnssong. Ich habe das Telefonat zügig beendet, mich hingesetzt, und da war der Grundstock des Songs – die ersten zwei Strophen – in zehn Minuten hingeschrieben. Bis es fertig war, bin ich noch ungefähr drei Wochen gesessen.

Früher haben Sie auf der Bühne schrille Outfits bevorzugt. Suchen Sie heute Authentizität?

RINGSGWANDL: Authentizität ist ein schwieriges Konstrukt – so lautet ein Satz von Rainald Goetz. Und der ist wirklich wahr. Wenn ich die alten Videos mit den grellen Performance-Elementen anschaue, denke ich auch: das hat schon seine Kraft! Aber, man muss sehen, aus welcher Zeit raus das entstanden ist, Anfang, Mitte der 80er Jahre. Das war eine ganz andere Ära. Die politische Situation und die Entwicklung der Gesellschaft waren an einem komplett anderen Punkt als jetzt. Und ich bin nicht mehr 38, sondern 30 Jahre älter.

Ihre wilden Jahre sind vorbei?

RINGSGWANDL: Ich möchte von anderen Leuten ebenfalls nicht mehr die alten Faxen sehen. Das ist eine Frage von: Wie ernst nimmt man das Publikum und wie ernst nimmt man sich selbst? Und wie streng man mit sich selbst ist. Wenn du das wirklich gut machen möchtest, muss es lebendig sein und eine Frische haben. Eine Möglichkeit ist die Impulsivität der Jugend, die einfach irgendwas probiert. Aber du kannst nicht darauf hoffen, dass du wie früher dreißig Jahre lang da oben auf der Bühne herumtobst und noch die Punk-Attitüde drauf hast. Mit zunehmendem Alter muss man das mit einer gewissen Souveränität machen.

Auf „Woanders“ mixen Sie souverän die Ebenen und Stimmungen.

RINGSGWANDL: Verschiedene Erzählweisen und Genres sind auf dem Album zu hören. Die „Schokoladenfee“ steht mit einem Fuß im Kitsch, und ich hatte die bösesten Bedenken, den Musikern das vorzuspielen. Das sind junge Typen aus einer ganz anderen Sphäre, aber ihnen hat’s gefallen. Und dann der „Krattler“, der roh und grob ist, ein laienhafter, archaischer Wutschrei. Oder so etwas wie das „Dorf“, das rotzig bayerisch daher kommt. Meine Überzeugung ist, ein wirklich gelungenes Album sollte von der grauschwarzen Melancholie bis zum Disko-Exzess alles umfassen. Es sollen eine Beerdigung und kleine Kinder vorkommen. Es muss der komplette, der wahnsinnige Sinnenrausch herinnen sein.

Hat der Song „Krattler von Minga“ etwas mit Ihnen selbst zu tun?

RINGSGWANDL: Das Viertel von München, das da beschrieben wird, existiert nicht mehr. Virtuell übertragen ist die Szene, die da beschrieben wird: die Welt, in der ich aufgewachsen bin. So habe ich die ersten fünfzehn Jahre meines Lebens verbracht. Und darüber kamen dann die Studienausbildung und das Erlernen von Manieren. Ich lernte Literatur kennen und dass es was bringt, gute Zeitungen zu lesen. Das ist alles der Überbau. Aber dieser Krattler, der ist sozusagen meine Urperson. Die Wahrheit meiner jetzigen Existenz ist eine andere, wie man sieht, Gott sei Dank (lacht), aber der Kern liegt dort.

Wie wichtig ist es für Sie, sich in anderen zu spiegeln?

RINGSGWANDL: Mich interessiert die Kommunikation mit anderen Leuten. Das ist ganz wichtig, um nicht verrückt zu werden. Der eigentliche Tod ist, wenn das Gespräch abbricht, wenn keine anderen mehr da sind, es keine Reflektion, keinen Widerhall mehr gibt. Das ist genau der Punkt, wenn alte Menschen völlig isoliert im Altersheim hocken. Es gibt aber genügend Leute, wo das nicht erst mit 60 Jahren anfängt, sondern schon mit 25. Die Vereinzelung, der Rückzug in die Doppelhaushälfte und das Ausschließen von unbequemen Argumenten, das ist der Anfang des Todes.

Ist Kunst also der Versuch, den Tod hinauszuzögern?

RINGSGWANDL: Die Vorstellung, ganz alleine auf der Welt zu sein, ist eine absolute Katastrophe. Ich habe kein Problem damit, wochenlang alleine in meinem Zimmer zu hocken, aber da bin ich dann umgeben von dem ganzen Personal eines Romans. Ich bin heilfroh, dass ich die Musiker habe, die einen kritischen Gegenpol bilden. Das eigentlich Interessante am Künstlerberuf ist seine Lebendigkeit, auch wenn oder vielleicht gerade weil der Beruf immer von der totalen Unsicherheit und dem Risiko des Komplettabsturzes bedroht ist. Aber wahrscheinlich kann man nur so die wirklich spannenden Sachen machen.

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25.08.2016, 06:00 Uhr
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