Reutlingen/Mägerkingen

Was schafft eigentlich der frühere SSV-Trainer Wilfried Gröbner?

Wilfried Gröbner prägte als Trainer und Manager eine der erfolgreichsten Zeiten des SSV Reutlingen. Als Spieler wurde er mit der DDR-Auswahl 1976 Olympiasieger.

28.10.2021

Von Tobias Zug

Lange ist’s her beim SSV: Wilfried Gröbner. Archivbild: Ulmer

Verpflichtungen hat Wilfried Gröbner keine mehr. Mit 71 Jahren ist er jetzt tatsächlich Rentner, kann tun und lassen, was er will. „Das wird auch hoffentlich eine Weile so bleiben“, sagt der frühere Fußball-Nationalspieler der DDR, Manager und Trainer des SSV Reutlingen, „ich denke, das habe ich mir verdient.“ Im vergangenen Jahr hatte er noch in der Werdenbergschule in Trochtelfingen die Sport-AG geleitet. Dann kam die Corona-Pandemie. „Da habe ich dann gesagt, das war’s dann.“

Seit 1996 wohnt Gröbner mit Ehefrau und Tochter im Trochtelfinger Stadtteil Mägerkingen auf der Schwäbischen Alb, haben dort ein Haus gebaut. Zuvor hatten sie sechs Jahre in Reutlingen gewohnt. „Aber die Kaltmiete von 1360 D-Mark war schon happig“, sagt er.

Auch für einen Berufsfußballer und -Trainer, der als Spieler mit der DDR-Auswahl 1976 Olympiasieger in Montreal wurde, Co-Trainer der A-Nationalmannschaft war, der U18, mit der er 1986 Europameister wurde. Damit baute sich der diplomierte Sportlehrer eine gesicherte Existenz in der DDR auf, große finanzielle Rücklagen konnte er aber nicht bilden. „Wir haben damals ja nicht wegen des Geldes gespielt, sondern weil es uns Spaß gemacht hat“, sagt der in Eilenburg, unweit von Leipzig, aufgewachsene Gröbner.

Von Eilenburg wechselte der Stürmer, der später Abwehrspieler wurde, 1967 als 18-Jähriger zum Erstligisten 1. FC Lokomotive Leipzig. Die Deutsche Reichsbahn war Trägerbetrieb des Klubs, formal war Gröbner daher bei der Bahn angestellt – und für die Dauer der leistungssportlichen Tätigkeit freigestellt, wie das so schön hieß. Gröbner hatte noch keinen Abschluss und wollte an der Deutschen Hochschule für Körperkultur (DHfK) in Leipzig studieren. „Da mussten die eine Gruppierung für mich finden, um das abzurechnen beim Staatssekretär für Körperkultur und Sport in Berlin“, erzählt Gröbner. So war er offiziell Hilfsschlosser bei der Reichsbahn.

Gröbner war der einzige Direktstudent der Leipziger Mannschaft. „Das habe ich mir auch nicht richtig überlegt“, sagt Gröbner, „ich hätte es so machen sollen, wie die Spieler nach mir, die ein Fernstudium machten, bei der Reichsbahn angestellt waren und dort ihr Salär bekamen.“ Er habe 140 DDR-Mark vom Staat als Stipendium bekommen. Wobei die Preise für Grundnahrungsmittel im Land damals auch nicht sonderlich hoch waren: Brot kostete etwa 70 Pfennig, Brötchen 5 Pfennig, ein halber Liter Milch 30 Pfennig. „Du konntest schon leben“, sagt Gröbner, „du hast ja auch Eltern und Schwiegereltern gehabt, die dir unter die Arme gegriffen haben.“

Der Übergang vom Spieler zum Trainer ging fließend: Gröbner hatte den höchstmöglichen Abschluss auf der DHfK, als Diplom-Sportlehrer für Leistungssport. Er ging zum Wissenschaftlichen Zentrum Fußball nach Leipzig. „Weil es in Leipzig war und ich die Grundkenntnisse im Leistungssport Fußball kennenlernen konnte“, sagt Gröbner. Dort arbeitete er in den Kinder- und Jugendsportschulen und den Auswahlmannschaften. Bei der U21 betreute er als Co-Trainer spätere Nationalspieler wie Ulf Kirsten, Thomas Doll und Olaf Marschall. Bei der Kinder- und Jugendspartakiade in Dessau fiel ihm schon bei der Einschulung der Kinder ein Junge auf: „Da gab’s jemand, der hat mit elfeinhalb Jahren schon die Hände in die Hüften gestützt und beim Schiedsrichter abgewunken.“ Matthias Sammer hieß dieser spätere Weltklassespieler und Meistertrainer.

Gröbner verließ 1990 noch vor der Wiedervereinigung seinen damaligen Oberliga-Klub Rot-Weiß Erfurt und die DDR. „Weil ich wusste, dass die über kurz oder lang kommen würde, und ich nicht der letzte in der Schlange sein wollte, der sich dann einreiht für die Bundesliga.“ Über einen mittlerweile gestorbenen Spielervermittler hatte er Kontakte zum FC Ingolstadt und dem SSV Reutlingen. Weil er die Gespräche mit dem SSV besser fand, wurde er Trainer des Oberligisten, damals 3. Liga. Nach der Zeit als Trainer wurde er Manager in der 2. Bundesliga, 2005 holte ihn der damalige Sportdirektor Thomas Strunz als Scout für den Süden zum VfL Wolfsburg, Hans Meyer, auch Ex-Trainer von Rot-Weiß Erfurt, holte Gröbner für dieselbe Aufgabe zum 1. FC Nürnberg. Nach der Fußballkarriere arbeitete Gröbner noch kurz als Vermögensberater. „Aber das war nicht so ganz mein Metier“, sagt er, „ich arbeite gern mit Menschen, aber nicht mit Geld als vordergründige Sache.“

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Erstellt:
28. Oktober 2021, 15:49 Uhr
Aktualisiert:
28. Oktober 2021, 15:49 Uhr
zuletzt aktualisiert: 28. Oktober 2021, 15:49 Uhr

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