Zeitgeschichte

Was in eine Kiste passt

An diesem Mittwoch wird das lange umstrittene Dokumentationszentrum „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ geöffnet. Ein Rundgang.

23.06.2021

Von MARIA NEUENDORFF

Eine Kindergasmaske und eine Frostschutzmaske in der Ausstellung im Berliner Dokumentationszentrum. Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa

Berlin. Die Wände aus Holzlamellen im Raum der Stille erzeugen eine langgezogene Landschaft ohne Ankerpunkte am Horizont. Das Motiv des Ungewissen soll die Gefühle von Flüchtlingen widerspiegeln. „Was kommt auf mich zu? Wo kann ich vielleicht wieder Wurzeln schlagen? Sehe ich die Heimat jemals wieder?“.

Weil die Fahrten und Gewaltmärsche in Kriegs- und Nachkriegswirren manchmal Wochen und Monate dauern, ist im Erdgeschoss des neuen Dokumentationszentrums „Flucht, Vertreibung. Versöhnung“ in Berlin-Mitte ein Kartenspiel zu sehen, das eine 16-Jährige im Winter 1945 auf der zweiwöchigen Odyssee von Breslau nach Nürnberg gebastelt hat.

Dass es nicht viel war, was die Menschen mit in ihr neues Leben nehmen konnten, zeigt eine Holzkiste, die damals für eine Familie mit drei Kindern reichen musste. Gleich neben einem geretteten Notizblock mit Anschriften und dem Milchtopf einer Familie aus Pommern ist aber auch ein zerschelltes Handy eines heutigen Bootsflüchtlings ausgestellt.

Das neue Museum zum Thema „Gewaltmigration“ schlägt einen großen Bogen durch Europa und beleuchtet dabei ein ganzes Jahrhundert. Zwischen den kühlen Betonwänden im entkernten „Deutschlandhaus“ am Anhalter Bahnhof können die Besucher genauso etwas über Zwangsmigration von Griechen und Türken in den 1920-iger Jahren erfahren, wie über die Deportation von Wolgadeutschen zu Stalins Zeiten.

Nicht alles wird im Detail erklärt. „Wir haben versucht, Phänomene zu identifizieren, die wir für vergleichbar halten“, erklärt der Ausstellungskurator Jochen Krüger. Wenn es um Gräuel und Kriegsverbrechen geht, hat der Besucher die Wahl, Regale eines nachgestellten Aktenschranks zu öffnen. In ihnen ist unter anderem das Polizei-Protokoll einer zigfach vergewaltigten Frau aus Ex-Jugoslawien zu lesen. Auch ein Messer, das ein Mädchen monatelang unter seinem Rock versteckte, ist ausgestellt.

Das Schicksal der 14 Millionen Deutschen, die zwischen 1940 und 1949 aus den Ostgebieten vertrieben, zwangsumgesiedelt wurden oder flohen, wird erst im ersten Obergeschoss etwas tiefer beleuchtet. Eine Schwarzweißaufnahme zeigt, wie Frauen mit Gepäck auf dem Rücken über eine zerstörte Elbe-Brücke bei Tangermünde kraxeln. Die Kinder, die auf der Flucht verloren gehen, suchen später in der Bundesrepublik über Rote-Kreuz-Anzeige nach ihren Eltern.

Die dramatischen Bilder und Zeugnisse von Entbehrung und Entrechtung werden in den Kontext mit dem vorangegangenen Nazi-Eroberungs-Krieg als Ursache des Leids gesetzt. Auch Hinweise auf die Zwangsumsiedlungen der ukrainischen und polnischen Bevölkerung sind zu finden.

„Es geht hier nicht um eine nationalistische Nabelschau, nicht um die Erhöhung deutscher Opfer“, betont die Zentrums-Chefin Gundula Bavendamm. Sie hat vorher das Alliierten Museum in Berlin geleitet.

Der Zusatz „Versöhnung“ im Stiftungsnamen sei vor allem ein Zeichen der Haltung, auch wenn man Versöhnung nicht verordnen könne, sagt die Historikerin. Mit dieser Haltung will und muss sich das neue für 63 Millionen Euro sanierte, bundesfinanzierte und für Besucher kostenlose Haus von der Ur-Initiatorin Erika Steinbach abgrenzen.

Steinbach, die ehemalige Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen (BdV), hat mit ihren umstrittenen politischen Äußerungen polarisiert. So habe die Stiftung jahrelang damit zu tun gehabt, sich zu rechtfertigen und Angriffe abzuwehren, und viel Zeit in der eigentlichen Arbeit verloren, sagt Bavendamm.

„Es gibt aber auch viele Vertriebene“, berichtet sie, „die kommen hierher und sagen: Ich komme aus Schlesien. Aber mit dem Bund der Vertriebenen möchte ich nichts zu tun haben.“

Die Monatszeitschriften des BdV fehlen dennoch nicht in den Regalen der frei zugänglichen Bibliothek mit Zeitzeugenarchiv. In einem lounge-artigen Lesesaal mit Blick auf die Ruine des Anhalter Bahnhofs, wo bald das Exilmuseum auch die Vertreibung der Juden aus Deutschland beleuchten soll, können Besucher in Kinderliteratur, Romanen und Sachbüchern das Thema „Flucht“ vertiefen.

Sie können auch über Bildschirme in die Geschichten von Zeitzeugen eintauchen. Einmalig ist auch die Nutzung eines speziellen Computerprogrammes, mit dem Besucher kostenlos Stammbäume erstellen können.

„Ein Drittel der in der Bunderepublik lebenden Menschen mit deutschen Wurzeln hat familiär etwas mit dem Thema ,Flucht und Vertreibung östlich der Oder-Neiße-Grenze' zu tun“, sagt Bavendamm. Wie sehr die traumatischen Erfahrungen auch über Generationen nachwirken, zeigen die Miniaturmodelle aus Holz und Pappmaché, mit denen Anton Keuchel Gebäude seiner Geburtsstadt Allenstein, heute Olsztyn, in Masuren nachgebildet hat.

Keuchel war 34 Jahre alt, als er 1948 aus russischer Kriegsgefangenschaft nicht mehr nach Ostpreußen zurückkehren durfte. Auch als Kunstlehrer in Westfalen konnte er den Verlust der Heimat nicht überwinden. Seine Kinder berichten, wie sie unter der Trauer des Vaters litten, der mit seinen Gedanken immer wieder in die alte Heimat abdriftete und sich von der Familie in sein Bastelzimmer zurückzog.

Info Geöffnet täglich außer montags 10 bis 19 Uhr, Stresemannstr. 90, Berlin-Mitte, Eintritt frei.

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Erstellt:
23. Juni 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
23. Juni 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 23. Juni 2021, 06:00 Uhr

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