Schwerpunkt: KI

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Was sehen Sie auf dem Bild dort oben? Ein Eichhörnchen beim Futtern? Bravo, dann stecken Sie mit Ihrer Intelligenz fast alle Computer dieser Welt in die Tasche – und das in einer Zeit, in der die KI-Forschung riesige Fortschritte macht. Dennoch investieren Unternehmen auch in der Region riesige Summen in Forschung und Entwicklung. Lernende, spezialisierte Maschinen versprechen in unzähligen Branchen großen Fortschritt, der vor wenigen Jahren so noch nicht absehbar war.

13.12.2019

Von TEXT: Eike Freese|FOTO: Eike Freese

Künstliche Intelligenz: ein großes Wort. Ein zu großes Wort sogar, wenn es nach der Meinung einiger Fachleute geht. Vielen Menschen symbolisiert es zudem eine für sie kaum absehbare Entwicklung von Industrie und Gesellschaft: Der Begriff „Künstliche Intelligenz“ suggeriert ihnen im Extremfall, Computer könnten in nicht allzu ferner Zukunft zum menschlichen Geist aufschließen, menschliche Schaffenskraft ersetzen – oder ihn sogar selbst ersetzen.

Technikfolgen-Abschätzung ist im Bereich der KI, wie bei jedem schnellen wissenschaftlichen Fortschritt, eine unverzichtbare Grundtugend. Sie muss sich möglichst eng an das halten, was tatsächlich bald schon möglich wird – und was wohl auch in 50 Jahren noch schwierig sein wird. „Der Mensch neigt gegenüber einer Maschine nicht nur im Bereich der KI zum Animismus“: Das diagnostizierte etwa der Hirnforscher und Neurophysiologe Wolf Singer jüngst beim Tübinger CIN-Dialog, dem regelmäßiger Austausch von Geistes- und Neurowissenschaftlern. Singer meint, dass Menschen Gefahr laufen, Maschinen Fähigkeiten, vielleicht sogar Bewusstsein und einen Willen zuzuschreiben, die sie nicht haben.

Seit Jahrzehnten können Computer kluge Menschen mühelos im Schach besiegen – aber unter zehn Kakteen ein Eichhörnchen erkennen, das können sie nur unter größten Schwierigkeiten. Schon ein kleines Kind begreift in kürzester Zeit, was so ein Eichhörnchen ist – und es erkennt das Tier auch von hinten, in der Ferne oder wenn es sich hinter einem Baum versteckt. Computer brauchen erst Millionen von Daten, um sich genau darauf zu spezialisieren – und erledigen den Job dann derzeit noch immer eher hemdsärmlig. „Nehmen Sie außerdem etwa den großen Bereich der Robotik“, sagt Michael Hirsch, Leiter des Amazon-KI-Standorts in Tübingen: „Auch dort wird klar, dass es zahlreiche Aufgaben gibt, die Robotern unglaublich schwer fallen, die für Menschen selbstverständlich sind.“

Auch, um die Überhöhung des eigenen Fachbereichs durch den Begriff „Künstliche Intelligenz“ zu vermeiden, nutzen viele Experten lieber weniger umfassende Konzepte wie Maschinelles Lernen oder Mustererkennung. Solche eher nüchternen Begriffe richten den Fokus auch darauf, dass die lernenden Automaten, auf denen so viele Erwartungen ruhen, oft nur für jeweils sehr spezielle Anwendungen geschaffen sind. Dort indes versprechen sie gewaltige Fortschritte – und rufen nach einem sehr differenzierten Bewusstsein für Gefahren und Chancen beim Menschen.

„Wir werden in der Region eine Menge Game-Changer zu spüren bekommen“: Das sagt Stefan Engelhard, KI-Experte und Netzwerk-Koordinator der IHK Reutlingen. Engelhardt schätzt, dass von den rund 40 000 Unternehmen im Kammerbezirk rund 2000 Technologie-orientiert sind – und davon 50 bis 100 an KI-Anwendungen arbeiten. Die Komplexität dieser Systeme kann von simpel bis genial gehen – und die Bandbreite vom Rollator bis zum Energieverbrauchs-Orakel (siehe Seiten 4 und 5).

KI erlaubt es etwa, dass ein Computerprogramm Fähigkeiten lernt, ohne dass ein Programmierer sie bis ins kleinste Detail ausformulieren muss. Beispiel Eichhörnchen: Alle in einer Bilddatei vorstellbaren Formen, Farben und Posen vorab von Hand in ein System einzuspeisen, ist aus vielerlei Gründen unmöglich. So funktionieren Programme auch nicht. Künstliche Neuronale Netzwerke stattdessen werden mit möglichst passenden Daten „trainiert“, anstatt dass man ihnen Zeile für Zeile genaueste Anweisungen vorgibt. So kann etwa die Computerkontrolle des Filderstädter Spezialisten Konsec die Qualität von Millionen handbemalter Spielfiguren – und nur von diesen – abgleichen, nachdem man ihr die Daten erlaubter Eigenschaften antrainiert hat. „Ein Mensch würde nach wenigen Hundert Beurteilungen ermüden“, so Konsec-Chief-Architect Simon Heugel, „und er würde den Job sicher nicht gerne machen.“

Ob sich solche Automaten in jeder Firma rentieren, ist die Frage. Der Reutlinger Maschinen-Spezialist Manz etwa prüft das für die Bedürfnisse seiner Kunden. So groß der Nutzen beim einen Unternehmen auch sei, beim anderen, etwa bei spezialisierten Maschinen mit wenigen Daten oder bei der Prüfung einfacherer Formen, könnte KI auch deplatziert sein, sagt Stephan Lausterer, bei Manz der Abteilungsleiter Systementwicklung: „KI kann in der Kontrolle unter anderem dort eine gute Wahl sein, wo es beim Produkt deutliche Variationen gibt. Etwa bei der Inspektion von Leder, Lebensmitteln oder Nüssen.“

KI-Systeme bringen die Dimension „Erfahrung“ in die Welt der Computer ein – und entlasten in der Wirtschaft künftig etwa dort, wo menschliche „Erfahrung“ in vielen eintönigen und anstrengenden Arbeitsschritten gefordert wäre. Oder dort, wo menschliche Sinne nicht ganz genau arbeiten. Wo das im Einzelfall sein könnte, können viele Firmen nur selbst beurteilen. Der Beratungsbedarf ist derzeit zwar hoch, doch Firmen rätseln oft, ob und wo sie sich Expertise holen sollen. „Ich muss die Leute oft selber anrufen, renne dann im Normalfall aber offene Türen ein“, sagt IHK-Berater Engelhard. Oft gehe es auch darum, überhöhte Befürchtungen vor der Komplexität eines KI-Projekts auf den Boden der Realität zurückzuholen. „KI bringt theoretisch auch dem Tankstellenbetreiber auf der Alb etwas, der wissen will, welchen Benzinpreis er bei welchem Wetter an welchem Wochentag aufrufen soll“, so Engelhard.

Nicht nur auf der Alb, sondern überall ruhen große Erwartungen auf technischen Durchbrüchen, die universeller, also in vielen Lebensbereichen anwendbar sind: Spracherkennung etwa, die es Menschen erlaubt, ohne Dolmetscher zu kommunizieren. Hoffnung ruht auch auf Mustererkennung, die Radiologen hilft, Krebs früher festzustellen. Denkbare Anwendungen gibt es viele – und sie schließen den Gebrauch von KI in hochproblematischen Branchen ein. Ganz offensichtlich ist das in der Rüstungsindustrie. Doch auch im Alltag, beim autonomen Fahren, bei der Prüfung von Kreditwürdigkeit, bei bald vielleicht omnipräsenten Überwachungssystemen: Automatisiert werden kann künftig so einiges. Und oft ist nicht nur das Ziel, sondern auch der Weg einer Technik rechtlich oder ethisch bedenklich. Die entsprechende Diskussion in einer Demokratie, da sind sich Spezialisten ziemlich einig, muss Schritt halten mit der Entwicklung. Und sie muss von einem auch technisch kompetenten Niveau aus geführt werden.

In Tübingen und Stuttgart etwa hat das „Cyber Valley“, das große KI-Konsortium aus Konzernen und Wissenschafts-Institutionen, einen entsprechenden Beirat bekommen. Dessen Einfluss und Kompetenz muss sich in den kommenden Jahren erweisen, ohne dass er die Gesamtgesellschaft von ihrer Verantwortung entbinden kann. „Wie in einem Brennglas“, so dessen Vorsitzende, Prof. Regina Ammicht Quinn vom Internationalen Zentrum für Ethik in den Wissenschaften im Oktober in der Reihe „KI und Ethik“ in Stuttgart, würden Ängste im Umgang mit der Technologie deutlich. Doch der daraus folgende Ruf nach irgendeinem Ethik-Bonus könne durchaus auch einem Interesse nach „Whitewashing“ in der Wirtschaft entsprechen: „Eine ethische Selbstverpflichtung“, sagt Ammicht Quinn, „ist kein Ersatz für klare rechtliche Regelungen.“

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Erstellt:
13. Dezember 2019, 08:08 Uhr
Aktualisiert:
13. Dezember 2019, 08:08 Uhr
zuletzt aktualisiert: 13. Dezember 2019, 08:08 Uhr

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