Corona

Was bringt das viele Testen?

Bund und Länder wollen Infektionsherde künftig besser erkennen können. An der richtigen Strategie dafür wird aber noch gefeilt.

04.03.2021

Von HAJO ZENKER, DIETER KELLER, MICHAEL GABEL

Blick in ein temporäres Corona-Testzentrum in Berlin. Foto: Jörg Carstensen/dpa

Berlin. Mindestens einen kostenlosen Corona-Schnelltest sollen die Bundesbürger künftig pro Woche machen dürfen. Die vermehrten Tests sollen dazu beitragen, dass Corona-Infektionsherde schneller als bisher erkannt werden können. Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Wo soll es künftig Schnelltests geben? In Betrieben, Schulen und Kindergärten. Darüber hinaus sollen sich alle Bundesbürger mindestens einmal in der Woche kostenlos testen lassen können, und zwar entweder in von den Kommunen betriebenen Testzentren, bei niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten oder bei von Kommunen beauftragten Dritten, etwa Apotheken. Die Kosten will der Bund übernehmen.

Werden Schnelltests Öffnungen erleichtern? Andreas Gassen, Vorstandschef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, bezeichnet die geplanten Antigen-Schnelltests als „einen sinnvollen ergänzenden Baustein im Rahmen einer Impfstrategie“. Man müsse sich aber darüber im Klaren sein, dass die Aussagekraft geringer sei als beim PCR-Test.

Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer, warnt davor, dass vor allem Selbsttests Menschen in falscher Sicherheit wiegen könnten. Die Testergebnisse stellten immer nur eine Momentaufnahme dar. Er fordert deshalb übersichtliche und leicht verständliche Informationen zu den Tests. Bei einem positiven Befund müssten schnellstmöglich eine Kontrolluntersuchung mittels PCR-Test veranlasst und strikte Quarantäne eingehalten werden.

Wie reagieren die Betriebe? Zurückhaltend. Die Unternehmen seien sehr für Schnelltests, aber auf freiwilliger Basis, heißt es bei den Wirtschaftsverbänden. Andernfalls befürchte man jede Menge Bürokratie. Wenn erst Fragen wie das Mitspracherecht des Betriebsrats oder die Rolle der Berufsgenossenschaften geklärt werden müssten, würde das viel Zeit brauchen, von der Verwaltung ganz zu schweigen. Wichtig ist den Verbänden, dass der Staat die Kosten trägt.

Ungeklärt sei, ob es sich um Selbsttests handeln soll oder ob sie von geschultem Personal durchgeführt werden müssen. Und: Werden sie im Betrieb durchgeführt, in einem Testzentrum oder zu Hause? Haften Betriebsärzte, wenn das Ergebnis nicht stimmt? Wer soll das Ergebnis wie bescheinigen, und gilt das dann für 48 oder 72 Stunden? Bei einem Treffen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel am Freitag sollen die offenen Fragen besprochen werden.

Was hält der Handel von der Möglichkeit, dass nur Getestete in die Geschäfte gelassen werden könnten? Nichts. „Der Einzelhandel und sein Personal können die Kunden nicht wie bei einer Passkontrolle auf einen negativen Schnelltest überprüfen“, sagt der Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Deutschland, Stefan Genth, dieser Zeitung. Das überfordere die Beschäftigten und berge „großes Erklärungs- sowie Konfliktpotenzial“. Das Infektionsrisiko im Einzelhandel sei vergleichsweise niedrig. Deshalb seien Schnelltests höchstens als Ergänzung nötig.

Ziehen die Kommunen bei den Schnelltests mit? Grundsätzlich ja, aber sie müssten „gut mit geplanten Lockerungen verzahnt werden“, sagt der Präsident des Deutschen Städtetages, Burkhard Jung. Entscheidend werde sein, „wofür die Menschen einen bescheinigten negativen Schnelltest brauchen und wie alt er sein darf.“ Wenn für jeden Ladenbesuch ein bescheinigter, tagesaktueller Test verlangt werde, seien sehr viele Testkapazitäten etwa in Testzentren oder Arztpraxen notwendig. „Wenn die Menschen dagegen viel mit Selbsttests oder Vor-Ort-Tests agieren können, ist der Bedarf an weiteren Testkapazitäten nicht so groß.“

Gibt es überhaupt genug Schnelltests? Martin Walger, Geschäftsführer des Verbandes der Diagnostica-Industrie, sagt, dass der Markt an Schnell- und Eigentests gegenwärtig „weltweit explodiert“. Die Hersteller würden alles tun, um Produktionskapazitäten hochzufahren. Der Verband erwartet für Deutschland einen Bedarf von zehn Millionen Tests wöchentlich. Walger hält das für erfüllbar. So sieht das auch das Bundesgesundheitsministerium. Dort weist man darauf hin, dass sich der Staat im Januar und Februar bereits monatlich 50 Millionen Tests gesichert habe. Davon seien im Januar erst acht Millionen abgegeben worden. Weitere Kontingente von rund 500 Millionen Tests habe man sich über Abnahmeverpflichtungen reserviert. Dazu kämen noch 300 Millionen aus EU-Kontingenten.

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Erstellt:
4. März 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
4. März 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 4. März 2021, 06:00 Uhr

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