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Die packen das

Was aus Flüchtlingen und Helfern vom Passauer Bahnhof nach einem Jahr geworden ist

Der Passauer Bahnhof wurde 2015 zu einem Symbol der Flüchtlingskrise. Hunderttausende Schutzsuchende kamen dort an. Was wurde aus ihnen?

23.08.2016
  • PATRICK GUYTON

Dass sie jetzt, an diesem Sommer-Spätnachmittag zu viert vor dem Theatercafé in der Passauer Altstadt sitzen, war so nicht zu erwarten. Da sind Sonja Steiger-Höller und Marion Leebmann, beide ehrenamtliche Flüchtlingshelferinnen. Und da sind Leen Shaker und Omara Chaar, beide Asylbewerber aus Syrien. Vor einem Jahr sind die Flüchtlinge in Passau aus dem Zug gestiegen – Chaar im Juni; Shaker im Oktober. Sie waren Teil der unendlich wirkenden Masse Mensch, die an dem überschaubaren Bahnhof ankam.

Bis zu 10 000 Flüchtlinge kamen damals jeden Tag in der Drei-Flüsse-Stadt an. Nach der Sperrung des Münchner Hauptbahnhofs war Passau von der Balkan-Route aus das Tor nach Deutschland.

Jetzt im Café unterhalten sich Chaar, 22, und Shaker, 29, auf Deutsch. „Ich bin jetzt A2“, sagt er. „Ich B2“, antwortet sie. A2, B2, das ist wichtiger Bestandteil des neuen Lebens: die Einstufungen der Deutschkurse. „Die Sprache ist das wichtigste“, sagt Shaker. Seit sieben Monaten lernt sie Deutsch, sie spricht exzellent. Die beiden Helferinnen haben die zwei Flüchtlinge irgendwie „adoptiert“, so nennt es Sonja Steiger-Höller, haben sich um ihren Werdegang gekümmert, seit einem Jahr.

Leen Shaker hatte in Syriens Hauptstadt Damaskus Zahnmedizin studiert, promoviert und als Zahnärztin gearbeitet. Sie ist Fachärztin für Kieferorthopädie. In zehn Tagen kam sie von Damaskus über den Libanon in die Türkei, dann mit Schmugglern per Gummiboot nach Griechenland und weiter die bekannte Route. Shakers Eltern sind geschieden, ihre Mutter und die kleine Schwester harren in Damaskus aus, zwei Geschwister sind in Deutschland.

Omara Chaar hatte in Aleppo Jura studiert. Seine Flucht dauerte fast zwei Monate. Sieben Mal versuchte er, vom türkischen Izmir aus nach Griechenland zu kommen. Einmal wäre er fast ertrunken. Dann landete er im Gefängnis. Durch Griechenland, sagt er, lief er zu Fuß. Er bestach Polizisten, verharrte in Mazedonien acht Tage im Wald. In Serbien musste er Grenzbeamte schmieren. In Ungarn saß er elf Tage im Knast. Am Ende brachten ihn Schleuser in einem Van nach Deutschland. Chaar geht damit ganz unbefangen um: „Das hat mich 6500 Euro gekostet.“ Seine Eltern leben noch in Aleppo. Was heißt leben: Das Haus ist zerstört. „Sie wohnen und schlafen in verschiedenen Autos“, sagt Chaar. Sein Bruder landete als Asylbewerber in Krefeld, ein Onkel in Kanada. Wenn er von seiner Schwester via Internet Sprachnachrichten empfängt, sind im Hintergrund stets Schüsse zu hören. „In Syrien habe ich fast nur Freunde, die tot sind“, sagt Chaar.

Die Flüchtlings-Helferinnen Sonja Steiger-Höller und Marion Leebmann stammen aus jener gesellschaftlichen Mitte, über die Politiker oft sprechen. Die eine arbeitet als Kosmetikerin, die andere hat einen kleinen Souvenir-Laden. Verheiratet, Kinder im pubertierenden Alter, alles ganz normal. Es ist diese Mitte, über die etwa die CSU sagt, dass sie mit ihren Ängsten, speziell in der Flüchtlingsproblematik, nicht wahrgenommen, übergangen wird.

Die beiden Frauen sehen das anders, haben anders gehandelt. „Das war so ein Hilfs-Automatismus im vergangenen Herbst“, erinnert sich Steiger-Höller an die Tage und Nächte am Bahnhof. Die Menschen kamen und kamen. Als die Masse durchgezogen war, gingen beide in Flüchtlingsheime, um zu helfen.

Auch Omara Chaar war monatelang am Bahnhof. Mit einem Megafon rief er, selbst gerade erst angekommen, den aus Zügen quellenden Flüchtlingen auf Arabisch zu: „Willkommen, Ihr seid in Deutschland, Ihr seid in Sicherheit, Ihr braucht keine Angst mehr zu haben!“

Seit kurzem lebt er nicht mehr im Asylbewerberheim, sondern in einem Apartment, in dem sonst Studenten wohnen. Als Gaststudent absolviert er an der Uni ein Praktikum, er möchte mal im Medienbereich arbeiten. Täglich geht er auch zum Deutschkurs, anschließend lernt er bis in den späten Abend online weiter Deutsch. Er lebt von Grundsicherung, doch so soll es nicht bleiben. Stolz zeigt er seine Aufenthaltsberechtigung für drei Jahre.

Auch Leen Shaker wohnt in einem eigenen Apartment. Neben dem Deutschlernen bemüht sie sich um ihre Zahnarzt-Zulassung. Viele Zeugnisse hat sie auf eigene Kosten amtlich aus dem Arabischen übersetzen lassen. Bis sie praktizieren kann, will sie als Zahnarztassistentin arbeiten. Es tut sich viel in dem Leben der 29-Jährigen. Sie hat lange, schwarze Haare, trägt ein schwarzes Kleid, die Fingernägel sind rot lackiert. In ihrer Asylunterkunft, erinnert sich Shaker, war sie die einzige Frau, die kein Kopftuch getragen hat.

„Mia packen das“, lautet der Spruch von Passaus Oberbürgermeister Jürgen Dupper (SPD) in Anlehnung an Angela Merkel – „Wir schaffen das“, sagte die Kanzlerin erstmals am 30. August 2015. Dupper setzte sich konsequent für Aufnahme und Versorgung der Flüchtlinge ein. Jeden Abend ging er zum Bahnhof, um sich ein Bild zu machen, Präsenz zu zeigen, Helfer zu fragen, was benötigt wird. Vielleicht hat der Einsatz auch mit Passaus Lage zu tun. „Wir haben immer vom Austausch mit unseren Nachbarn profitiert“, sagt Dupper. „Wir waren immer Grenzland, wir sehen uns als grenzenübergreifende Stadt.“

Doch gibt es in Passau natürlich auch Flüchtlinge, die Probleme bereiten. „Junge Männer harren in den kleinen Zimmern der Unterkünfte aus und machen nichts“, sagt Marion Leebmann. Manche Familien kann sie kaum erreichen, etwa jene aus Afghanistan mit vier Kindern. Der Vater spricht nur seine Sprache, die Mutter ist Analphabetin. Leebmann will ihnen dennoch irgendwie erklären, wie Deutschland funktioniert – wo der Briefkasten ist, wie man Müll beseitigt und einen Arzttermin vereinbart.

Wie konnte es geschehen, dass sich manche Flüchtlinge radikalisieren, dass sie sich als Mitglied des sogenannten Islamischen Staates (IS) sehen und die beiden Anschläge in Bayern verübt haben? Leen Shaker und Omara Chaar werden bei der Frage sofort sehr ernst. „Das sind ganz wenige“, meint Shaker, „ich kenne solche Leute nicht.“ Beide sagen immer wieder: „Es sind Idioten, es sind Verbrecher.“

Draußen am Theatercafé erzählt Omara Chaar von seinem Alltag, und es wird etwas bizarr. Wenn er sich etwa zusammen mit Sonja Steiger-Höller im Biergarten rassistische Sprüche anhören muss, sagt er auf Bayerisch: „Servus, habe die Ehre.“ Die Passauer Altstadt, so meint er und blickt auf die historischen Gebäude des Platzes, erinnert ihn an seine Heimat Aleppo mit der wunderbaren Altstadt. Nur dass die dem Erdboden gleichgemacht ist.

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23.08.2016, 06:00 Uhr
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