Gesundheit

Was Cannabis anrichten kann

Die Gefahren des Kiffens für Jugendliche sind wenig bekannt. Die Folgen können Familien aus der Spur werfen und Betroffene zu seelischen und körperlichen Wracks machen.

20.06.2020

Von LSW

Ein Mann raucht eine selbst gedrehte Cannabis-Zigarette. Die Gefahren des Kiffens für Jugendliche sind wenig bekannt. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Stuttgart. Stefan war fleißig und strebsam, alle Wege schienen ihm offenzustehen – die Eltern Laura und Peter Müller (Namen von der Redaktion geändert) sahen für ihren Sohn nach dem Abitur eine Karriere als Maschinenbauer voraus. „Er war ein Sonnenkind“, erinnert sich Laura Müller. Doch vor zwei Jahren aus der Traum: Der Achtklässler kommt nicht mehr regelmäßig zum Schlafen nach Hause, ist in der Schule auffällig und überdreht, wirkt teils bedrohlich. Bis es dem Rektor von Stefans Gymnasium im nördlichen Württemberg zu viel wird: Er verweist ihn der Schule, und der damals 16-Jährige kommt erstmals in die Psychiatrie.

Die Diagnose ist ein Schock für die Eltern, eine Maschinenbauerin und ein IT-Ingenieur: schizophrene Psychose im Zusammenhang mit regelmäßigem Konsum von Cannabis. Ein Kraut, das gemeinhin als harmlos gilt, aber bei Jugendlichen irreversible Schäden anrichten und das Leben der Eltern auf den Kopf stellen kann.

„Ich war verzweifelt“, sagt Laura, die wie ihr Mann nie zuvor mit dem Thema in Berührung gekommen war. Beide Eltern plagen seitdem Schuldgefühle. „Ich frage mich bis heute, was wir falsch gemacht haben?“, sagt die 54-Jährige. Solche Gedanken, Ängste sowie die Suche nach Hilfe und Information über die Krankheit ihres Sohnes dominieren das Leben des Akademikerpaares. Der eineinhalb Jahre ältere Bruder Stefans will mit der Misere nichts zu tun haben und zieht bald in eine eigene Wohnung.

Cannabis ist die am weitesten verbreitete illegale Droge in Deutschland. Nach einer 2019 veröffentlichten europaweiten Fall-Kontroll-Studie ist die Wahrscheinlichkeit einer psychotischen Störung bei täglichem Cannabisgebrauch drei Mal, bei Konsum von besonders starkem Stoff fünf Mal höher als bei Nicht-Konsumenten.

Nach Ansicht des Kinder- und Jugendarztes Wolfgang Kölfen ist Cannabiskonsum gerade in der Pubertät gefährlich. „Das Gehirn ist da eine Großbaustelle und besonders irritierbar und leicht aus der Balance zu bringen“, sagt der Vizepräsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte.

Psychosen, wie sie Stefan nun hat, sind Störungen der Wahrnehmung: Betroffene glauben, sich in einem Film zu befinden, durch den Rauchmelder beobachtet zu werden oder hinterrücks ausgelacht zu werden. Den Wahrnehmungen ist eines gemeinsam: Sie haben mit der Realität nichts zu tun. Stefan, ein kräftiger Typ, meint etwa, magersüchtig zu sein und mehr essen zu müssen. Die Eltern können ihn nicht von dem Gegenteil überzeugen.

Stefans Weg nach dem Rauswurf aus der Schule war vom sogenannten Drehtür-Effekt bestimmt: mehrfache Aufenthalte in der Psychiatrie, Aufnahme in eine Spezialeinrichtung für junge Psychosekranke, Reha und wieder in die Psychiatrie. Nun wartet er auf einen Platz im Berufsvorbereitungsjahr für junge Menschen mit Handicap. Die Erkenntnisse der Müllers aus diesem Hin und Her: Die Patienten werden eher medikamentös ruhiggestellt als therapiert.

Mit einer neuen Social-Media-Kampagne „Kiffen ist nicht cool“ will die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Daniela Ludwig (CSU) jungen Menschen die Gesundheitsrisiken des Stoffs vor Augen führen.

Befürworter sehen in einer Legalisierung für Erwachsene ein Ende des Schwarzmarktes. Mit einem kontrollierten legalen Markt könnten das Verbot, Marihuana an Minderjährige zu verkaufen, sowie die Reinheit des Stoffes wirksam überwacht werden, argumentieren etwa die Grünen im Bundestag in einem Gesetzentwurf für ein Cannabiskontroll-Gesetz. Überdies habe die bisherige Prohibitionspolitik Jugendliche nicht vom Konsum abgehalten und bedeute für alle anderen einen unverhältnismäßigen Eingriff in die persönliche Freiheit – auch im Vergleich zu Alkohol. Der Bundestag lehnte den Entwurf 2017 ab.

Die Müllers bezweifeln auch, dass eine Freigabe des Rauschmittels ihrem Sohn geholfen hätte. Sie haben ihre Erwartungen an ihr Kind auf ein Minimum heruntergeschraubt: Wenn Stefan ein einigermaßen selbstständiges Leben führen könnte, wären die beiden schon zufrieden.

Julia Giertz

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Erstellt:
20. Juni 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
20. Juni 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 20. Juni 2020, 06:00 Uhr

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