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Kutter-Eimer mit Stiel

Warum weder Hölderlin noch Lotte Zimmer dieses Denkmal verdienen

Schon die Zeichnungen, die im Vorfeld der Denkmal-Enthüllung veröffentlicht wurden, ließen Schlimmes ahnen. Entwurf „wie Flasche leer“ hätte ein Trapattoni der Kunstkritik sagen können. Was dann aber am Sonntagmorgen auf dem Platz vor der Burse enthüllt wurde, übertraf die schlimmsten Befürchtungen!

23.03.2011
  • Karl Corino

Kein Zweifel, die Familie Zimmer, die sich von 1807 bis 1843 um den kranken Hölderlin gekümmert hat, verdient ein Denkmal. Der Dichter war kein einfacher Pflegling; mit seiner Unruhe, seinem Wanderdrang, seinen Zwangshandlungen, etwa stundenlang mit dem Taschentuch auf Zaunpfähle einzuschlagen, und wenn er unbedingt nach Frankfurt zu Diotima aufbrechen wollte, half mitunter nichts, als ihm die Stiefel wegzunehmen. Wenn es gar einmal zu einem Tobsuchtsanfall kam, wusste sich der gute Zimmer bekanntermaßen nicht anders zu retten, als Hölderlin mit Faustschlägen ruhigzustellen.

Psychiatrie in den Zeiten vor Erfindung der heute verordneten Psychopharmaka – ein trauriges Kapitel. Und fast so traurig die Abfuhr, die Hölderlin erlebte, als er Zimmer bat, ihm aus Holz das Modell eines griechischen Tempels zu bauen.

Die Antwort des Hausherrn sinngemäß: er habe nicht die philosophische Ruhe dazu, er müsse ums Brot schaffen. Worauf der Dichter ein Brettchen nahm und den Vierzeiler niederschrieb: „Die Linien des Lebens sind verschieden,/ Wie Wege sind und wie der Berge Grenzen./ Was hier wir sind, kann dort ein Gott ergänzen/ Mit Harmonien und ewigem Lohn und Frieden.“

Genialer Moment eines stigmatisierten Geistes – und nicht unbeachtlicher der Schluss eines Achtzeilers „An Zimmern“: „Dädalus Geist und des Walds ist deiner.“

An Lotte Zimmer, die Hölderlin während seiner letzten fünf Lebensjahre betreute, hat sich keine ähnliche Eloge aus der stockenden Feder des Dichters gefunden – ihrer würdig wäre sie gewesen. Sie scheint eine verständnis- und liebevolle und ehrliche Pflegerin gewesen zu sein, wie aus den Akten hervorgeht. Aber auf welche Weise Lotte Zimmer und den Vater bildnerisch-monumental ehren? Durch Abformung der Gegenstände, die durch ihre Hände gingen? Des Sacktuchs, mit dem er die Zäune strafte? Der abgegessenen Teller, die er nicht im Turmzimmer duldete und sofort zum Abwasch vor die Tür stellte? Der Stiefel, die man ihm versteckt hatte? Der überkreuzten Schürzenbänder Lottes? Überdimensionaler Holzspäne aus Vater Zimmers Hobel? Alles nicht sonderlich tauglich.

Von daher läge es in der Tat nahe, eine abstrakte Skulptur zu schaffen, etwa in Gestalt sich überschneidender und divergierender Lebens-Linien. Leider ist Johannes Kares in vier Jahren gar nichts eingefallen – außer dem dreieckigen Kutter-Eimer mit Stiel, wie er nun ehern auf dem Bursa-Platz herumsteht. Bleibt abzuwarten, wie der Volksmund dieses Denkmal taufen wird. Gehrs Backofen? (Immerhin hat der wackere Mann 13 500 Euro gespendet!) Stockzahn? Hölderlin-Pimmel (wie ich jemanden im Weggehn murmeln hörte)? Oder charmanter – Buona-Rotti?

„Für Lotte“ ist in das Denkmal zu ehren sollendem Gedenken eingeritzt. Aber solche drei Meter hohen Denkmale sind oft, wie Robert Musil sagt, von „ganz ausgesuchter Bosheit“. Da man den zu verewigenden Menschen „im Leben nicht mehr schaden kann, stürzt man sie gleichsam mit einem Gedenkstein um den Hals ins Meer des Vergessens“.

Warum weder Hölderlin noch Lotte Zimmer dieses Denkmal verdienen
Schrein des Anstoßes? Oder Ort des Nachdenkens? Das „Denkmal für Lotte Zimmer“, das der Tübinger Bildhauer Johannes Kares geschaffen hat und das am Wochenende auf dem Bursaplatz aufgestellt wurde. Bild: Metz

Warum weder Hölderlin noch Lotte Zimmer dieses Denkmal verdienen
Der Tübinger Autor, Literaturkritiker und Journalist Karl Corino, 68, hat über Musil promoviert (bei Hölderlin-Forscher Friedrich Beißner). Archivbild: Sommer

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23.03.2011, 12:00 Uhr
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