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Mit Demagogie zum Erfolg

Warum sich die Massen für das NS-Regime begeisterten, analysierte Kurt Pätzold

Als die Nationalsozialisten 1933 die Macht übernahmen, hatten sie keine eigene Mehrheit im Reichstag. Doch nur wenige Monate später hatte das Regime den Großteil der Bevölkerung hinter sich. Das widersprüchliche Verhältnis der Nazis zu den Massen analysierte der Berliner Historiker Kurt Pätzold.

26.01.2015
  • Philipp Koebnik

Tübingen. Wohl jeder kennt die Aufnahmen von Massenaufmärschen und Parteitagen der Nazis, vom Triumphzug Hitlers nach dem Sieg über Frankreich. Spiegeln diese Bilder tatsächlich die damalige Stimmung in der Bevölkerung wider – oder täuschen sie? Laut Prof. Kurt Pätzold konnten sich die Nazis lange Zeit auf eine Massenbasis stützen. Der Historiker ging in seinem Vortrag „Der Faschismus und die Volksmassen 1933-1945: Das noch immer beunruhigende Thema deutscher Geschichte“ am Donnerstag im Club Voltaire der Frage nach, weshalb „Abermillionen Deutsche Hitler gefolgt sind“.

Pätzold war bis 1990 Professor für deutsche Geschichte an der Humboldt-Uni in Ostberlin und gilt als Kenner der Geschichte des deutschen Faschismus und der Judenverfolgung. Ungefähr 50 Besucher kamen zu der Veranstaltung, die der Club Voltaire mit der VVN-BdA Tübingen-Mössingen (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten), der Rosa Luxemburg-Stiftung Baden-Württemberg und dem Tübinger OTFR (Offenes Treffen gegen Faschismus und Rassismus) organisiert hatte.

Viele Gegner der Nationalsozialisten glaubten 1933, das neue Regime werde sich nicht lange halten, erklärte der Referent. Umso mehr waren die Zeitgenossen überrascht, wie schnell das Naziregime seine Macht sichern und ausbauen konnte. „Wofür Mussolini sieben bis neun Jahre gebraucht hat, das schafften die Nazis in sieben bis neun Monaten“, so der Historiker.

Nach 1945 wollten die meisten Deutschen nichts von persönlicher Verantwortung wissen, sahen sich stattdessen als Opfer, die auch nichts gegen das Regime hätten unternehmen können. Und in der Tat waren viele Deutsche auch Opfer. Sie hätten ihr Leben riskiert, wenn sie Widerstand geleistet hätten, stellte Pätzold klar. Die entscheidende Frage sei aber: „Konnte man zu allen Zeiten nichts machen? Hätte man das Werden dieses Zustands nicht verhindern müssen?“

Als Hitler zum Kanzler ernannt wurde, hatten die Nazis noch keine eigene parlamentarische Mehrheit. Jedoch habe in der Folge ein regelrechter Sog eingesetzt: Gesellschaftliche Institutionen wie die katholische Kirche gaben ihre Vorbehalte gegen Hitler auf, der soziale Druck stieg. Angst vor dem Terror der Nazis ließ den Widerstand erlahmen, manche Antifaschisten resignierten. Aber auch die Sorge um die eigene Karriere oder schlicht die Existenz brachte viele dazu, sich den neuen Gegebenheiten anzupassen.

Neben dem Terror sei die Propaganda die wichtigste Stütze des NS-Regimes gewesen, sagte der Faschismusforscher. „Außenpolitische Erfolge“ – etwa der Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich – heizten den Nationalismus an. Entscheidend sei jedoch die soziale Demagogie gewesen: „Die Arbeitslosigkeit war ein Lebenselixier der faschistischen Partei“, betonte Pätzold. Und das, obwohl gerade Hitler die Arbeiterbewegung brutal bekämpfte.

Manche Besucher meinten, der weit verbreitete Antisemitismus habe maßgeblich zum Erfolg der Nazis beigetragen. Der Referent sagte, dass die antisemitische Propaganda zwar bei vielen auf fruchtbaren Boden fiel. Dennoch seien nicht alle Deutschen Antisemiten gewesen. Seine Wirkmächtigkeit habe der Antisemitismus gerade im Zusammenspiel mit dem Antikommunismus gewonnen. Auch wenn das Regime in kurzer Zeit die Massen hinter sich brachte, dürfe man nicht vergessen, wer Hitler zur Macht verholfen hatte: Das waren die herrschenden Kreise des Bürgertums und nicht etwa die Mehrheit der einfachen Leute, betonte Pätzold.

Warum sich die Massen für das NS-Regime begeisterten, analysierte Kurt Pätzold
Kurt Pätzold, Historiker und Faschismusforscher aus BerlinBild: Koebnik

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26.01.2015, 12:00 Uhr
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