Fachbelange als Bettvorleger

Warum sich die Denkmalbehörden nicht zu S 21 äußerten

Über das „Schweigen der Denkmalpflege bei S 21“ diskutierten am Samstag zwei Fachleute in der Kunsthalle.

12.04.2011

Von Matthias Reichert

Tübingen. Teils kamen die rund 200 Zuhörer mit dem Dampfzug aus Stuttgart. „So eine Reise könnten Sie nach S 21 nicht mehr machen“, begrüßte sie OB Boris Palmer in der Kunsthalle – weil nur noch Elektroloks in den unterirdischen Bahnhof einfahren könnten.

Dieter Bartetzko ist Architektur-Redakteur bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Er berichtete zunächst von seiner Zwischenstation im Stuttgarter Bahnhof: „Ich habe es vermieden, auf die Seite des abgerissenen Flügels zu gehen, weil mir das zu nahe geht. Man hat diesen Bahnhof bewusst verkommen lassen.“ Tübingen sei ein „schöner Bahnhof des Historismus. Aber es hat mir die Schuhe ausgezogen, als ich auf den Vorplatz gekommen bin.“

Bartetzko hat über NS-Architektur promoviert. Zwar sei der Stuttgarter Bahnhof nicht „proto-faschistisch“, habe den Nazis aber als Inspirationsquelle gedient. Der Bonatz-Bahnhof ist nach Ansicht des Architekturkritikers „zugleich ein modernes und mit historischen Motiven aufgeladenes Gebäude, das Ewigkeit und Zeitlichkeit verbunden hat“.

Norbert Bongartz, Oberkonservator im Ruhestand beim ehemaligen Landesdenkmalamt, sprach Tacheles: „Das Schweigen der Denkmalpflege liegt an den Amts-Strukturen.“ Seit Ministerpräsident Erwin Teufel die Denkmalbehörden den Regierungspräsidien und Landratsämtern zuschlug, hätten diese keine eigene Pressestelle mehr. Sie müssten bei politischen Projekten loyal zu vorgesetzten Behörden handeln und gingen darum nicht mehr an die Öffentlichkeit.

Ihre Bedenken gegen das Bahnprojekt hätten die Denkmalbehörden so deutlich wie möglich formuliert. Bongartz: „Man kann statt Integrierung in die Regierungspräsidien auch die Formel ?Gleichschaltung? benutzen.“ Weder die Denkmal-Referate noch das Geologische Landesamt in Freiburg dürften sich zu S 21 äußern. „Die Fachbelange sind als Bettvorleger gelandet, wenn es hart auf hart kommt.“

Der Denkmalschützer wandte sich dagegen, den abgerissenen Nordflügel am Stuttgarter Hauptbahnhof zu rekonstruieren. Er solle vielmehr analog wiederaufgebaut werden, die Symmetrien zur Haupthalle berücksichtigen – als „Neubau, der sich partnerschaftlich einfügt“. Eventuell könne man Reste des abgerissenen Flügels als „optischen Widerhaken“ einbauen, solle aber keinesfalls einen Stahl- und Glasbau hinstellen.

S 21-Planer Christoph Ingenhoven bekam auch sein Fett weg. Laut Bonatz hat er bei Bahnchef Grube geäußert: „Ich könnte die Flügel problemlos stehen lassen, aber ich will nicht.“ Für den Denkmalschützer ist es „schlimm, dass jemand mit einer so geringen Kultur in die Lage versetzt wird, einen Rasiermesserschnitt durchzuziehen, wie es ihm passt“.

Der Nordflügel ist bereits gefallen: Stuttgarts Hauptbahnhof, Zeichnung des Architekten Paul Bonatz von 1915.Bild: Aus dem Katalog zur Kunsthallen-Ausstellung

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Erstellt:
12. April 2011, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
12. April 2011, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 12. April 2011, 12:00 Uhr

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