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Aufmerksamkeit für alle

Warum sich Politiker und andere Menschen in 140 Zeichen ausdrücken

Beginnen wir in der analogen Welt. Oder wie Jochen Schmidberger sagen würde: im „Real Life“. Schmidberger ist 48 Jahre alt, trägt Glatze, einen schwarzen Mantel und einen grauen Bart. Für das Gespräch von Angesicht zu Angesicht hat sich der exzessive Twitter-Nutzer ein Bier bestellt, das Smartphone für anderthalb Stunden beiseite gelegt und die ganz großen Emotionen im Gepäck: „Twitter ist ein Schrei nach Liebe, ein digitaler Ruf nach Aufmerksamkeit“, sagt er und lehnt sich zufrieden zurück. Twitter als große Opernbühne der modernen Internet-Gesellschaft. Der Grundton ist gesetzt.

18.03.2016
  • THOMAS BLOCK, TOBIAS KNAACK

In der digitalen Welt schreibt Schmidberger gerne, „was mir gerade durch den Kopf geht“. Das reicht von Banalitäten („Finally habe ich meinen neuen Kühlschrank“) über politische Aussagen („Vielleicht sollten Parteien mal sagen, für was sie sind – statt gegen welche Partei sie sind?“) bis hin zu Diskussionen mit anderen Nutzern. 81 817 mal hat er die Welt bereits an seinen Gedanken teilhaben lassen, 920 Menschen hat das so sehr überzeugt, dass sie seine Beiträge abonniert haben. Was sie dafür bekommen, ist sein Leben: „Ich benutze das wie ein öffentliches Tagebuch.“

Twitter, das ist ein nie endender Nachrichtenfluss aus 140-Zeichen-Botschaften, der am 21. März 2006 mit den Worten „just setting up my twttr“ („richte gerade mein twttr ein“) des Twitter-Gründers Jack Dorsey begann. Dieser programmierte den Dienst als interne Kommunikationsplattform für sich und seine Kollegen. Die Regeln: Alles ist öffentlich, keine Nachricht darf länger als eine SMS sein. Eher zufällig stieß der Blog „TechCrunch“ drei Monate später auf Twitter, 2007 gelang Dorsey auf der Konferenz „SXSW Interactive“ in Texas der Durchbruch.

Seither sind rund 500 Milliarden Tweets in die Welt hinausgezwitschert worden. Sie sind ein Protokoll unserer Zeit. Als im Januar 2009 eine Maschine der US-Airways in den Hudson River stürzte, verbreiteten sich die Bilder des Flugzeugs über Twitter. Als zwei Jahre später der Arabische Frühling Ägypten erreichte, organisierten sich auf Twitter die Aktivisten vom Tahrir-Platz. Und als Terroristen im Januar 2015 die Redaktion der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ stürmten und elf Menschen töteten, trauerte die Welt unter dem Hashtag #JeSuisCharlie.

„Der Anspruch von Twitter ist es, für das, was in diesem Moment passiert, die erste Anlaufstelle zu sein“, sagt Thomas de Buhr, Twitter-Chef Deutschland. Um diesem Anspruch gerecht zu werden, hat sich Twitter stetig gewandelt. Zu den 140 Zeichen gesellten sich bald Bilder, bald Videos, bald animierte Grafiken.

Geld verdient Twitter damit eher wenig: Zehn Jahre nach dem ersten Tweet schreibt das Unternehmen noch immer rote Zahlen, der Preis einer Twitter-Aktie ist in den vergangenen zwei Jahren um 76 Prozent eingebrochen – was laut de Buhr freilich nicht gegen den Erfolg des Unternehmens spricht: „Unser Fokus ist eher langfristig ausgerichtet, nicht so sehr auf den Aktienpreis.“

Seit einigen Monaten verbreitet sich das Gerücht, Gründer Jack Dorsey wolle die 140-Zeichen-Begrenzung abschaffen – eine Behauptung, die de Buhr weder bestätigt noch dementiert. Dabei ist das Limit vielleicht das elementarste Merkmal der Twitter-Kommunikation. „Die 140 Zeichen eignen sich gut dafür, etwas falsch zu verstehen“, sagt Schmidberger. „Auf Twitter eskaliert die Lage sehr schnell.“

Für den Bundestagsabgeordneten Jens Spahn (CDU) eskalierte die Lage am 28. August 2015, nachdem er folgenden Tweet in die Welt sendete: „Liebes linkes Pack (frei nach Gabriel), Ihr skandiert auf einem ,Willkommensfest‘ gleiche Parolen wie NPD. Und merkt es nicht mal. #Heidenau“. Die Empörungswelle ließ nicht lange auf sich warten und überschwemmte den Politiker solange, bis er den Tweet löschte. Typisch Twitter, meint Spahn: „Wenn ich so etwas auf einer CDU-Parteiversammlung sage, gibt es Beifall, in Berlin-Mitte gibt es eine differenzierte Diskussion und auf Twitter gibt es einen Shitstorm.“

Spahn gehört zu jenen Politikern, die sich davon nicht abschrecken lassen. Über Twitter erhalte er schnelles und direktes Feedback. „Es eignet sich gut, um Argumente abseits des offiziellen Kanals zu überprüfen.“ Doch er vertritt auch die Ansicht, dass der politische Diskurs unter der Verkürzung leidet. „Man regt sich über Dinge auf, die schnell wieder vergessen sind.“

Für Politiker spielt Twitter eine zunehmend wichtigere Rolle. Zwar ist die deutsche Gemeinde mit, je nach Schätzung, drei bis vier Millionen aktiven Mitgliedern recht klein. Doch oft schaffen es Tweets in analoge Nachrichten. Ein Umstand, den Parteien für sich nutzen – etwa im gerade beendeten Wahlkampf.

Robin Mesarosch, Beauftragter für den digitalen Wahlkampf der Südwest-SPD, sagt, die Partei nutze Twitter sehr stark, „allerdings mit dem Fokus auf der Kommunikation mit Journalisten“. Sein FDP-Pendant, Marius Livschütz, betont die Bedeutung vor allem für die einzelnen Personen: „Auf Twitter findet hauptsächlich unser Spitzenkandidat statt“, sagt er über den regelmäßig zwitschernden Hans-Ulrich Rülke. Bei Grünen und SPD waren es zwar nicht die Spitzenkandidaten, die am eifrigsten twitterten, immerhin kamen die engagiertesten „Vögelchen“ aber aus der Ministerriege: Agrarminister Alexander Bonde (Grüne) und Integrationsministerin Bilkay Öney (SPD).

In die gleiche Kerbe wie Livschütz schlägt auch Matthias von Herrmann, Pressesprecher der Linken. „Im Durchschnitt ist ein aktueller Beitrag und ein Themenbeitrag am Tag sinnvoll, bei besonderen Anlässen auch häufiger“, sagt er. Die Partei habe versucht, „das, was im Wahlkampf passiert, durch Kommunikation im Netz“ zu unterstützen. Und Carsten Preiss von den Grünen sagt: „Facebook schenken wir am meisten Aufmerksamkeit, bei Twitter posten wir aber mehr.“ Er sagt aber auch: „In der öffentlichen Wahrnehmung und bei manchen Politikerinnen und Politikern spielt die Onlinekommunikation noch eine sehr untergeordnete Rolle.“

Zurück ins Real-Life mit Jochen Schmidberger. „Ich lebe im Internet“, sagt er. Klar, oft laufe die Debatte aus dem Ruder, Insider nennen Twitter nicht umsonst „Empöria“. Doch unterhaltsam sei es ja schließlich auch. Oder, wie Jens Spahn es ausdrückt: „Man zieht doch nur dann Gewinn aus einer Debatte, wenn es kontrovers zugeht.“

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18.03.2016, 09:57 Uhr
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