Nach Hitler-Vergleich des Friedensforschers

Warum musste Johan Galtung Hitler bemühen?

Im Juli war Tübingen eine Woche lang „Friedensstadt“. Zur Eröffnung trat der norwegische Friedensforscher Johan Galtung, 80, als prominentester Redner auf. Manche Zuhörer trauten ihren Ohren nicht.

10.08.2011

Von Axel Habermehl

Heiner Geißlers Satz fiel, und die Empörung war groß. Als sich der Stuttgart-21-Schlichter vorletzte Woche mit dem Goebbels-Zitat „Wollt ihr den totalen Krieg?“ an die streitenden Parteien wandte, stand das am nächsten Tag in allen Zeitungen. Der 81-Jährige geriet in gehörigen Rechtfertigungszwang.

Dass Personen des öffentlichen Lebens Nazi-Zitate oder Hitler-Vergleiche bemühen, kommt immer wieder vor. Die Tübingerin Herta Däubler-Gmelin (SPD) beispielsweise, damals Bundesjustizministerin, setzte 2002 die politischen Methoden von US-Präsident George W. Bush in eine Beziehung mit Adolf Hitler. Einige Monate danach fiel Hessens Ministerpräsident Roland Koch dadurch auf, dass er dem Gewerkschafts-Chef Frank Bsirske in der Vermögenssteuerdebatte vorwarf, das namentliche Nennen von reichen Deutschen sei „eine neue Form von Stern an der Brust“. Im Jahr darauf verkündete der CDU-Abgeordnete Martin Hohmann, „man könnte Juden mit einiger Berechtigung als Tätervolk bezeichnen“.

Und neulich war es auch in Tübingen wieder soweit: Rund zwei Wochen vor Geißlers Goebbels-Anleihe hielt ein anderer hochbetagter Herr auf dem Marktplatz eine Rede mit einigen merkwürdigen Sätzen – aber kaum jemand interessierte sich dafür.

Es war der berühmte norwegische Friedensforscher Johan Galtung, der übers Wochenende in der Unistadt weilte und bei der Eröffnung der „Friedenswoche“ unter anderem verkündete: „Die USA haben seit 1805 weltweit 17 bis 20 Millionen Menschen getötet, das sind viel mehr als Hitler, wenn auch in einem größeren Zeitraum.“ Außerdem erklärte der 80-Jährige seinem Publikum noch die Hintergründe der deutschen Außenpolitik: „Der Herr Deutschlands sitzt seit 1945 in Washington, und der heilige Geist ist die Nato.“

Das Medienecho blieb aus, nicht zuletzt weil viele TAGBLATT-Journalisten mit dem Erscheinen der Montagsausgabe, in der über Galtungs Rede einschließlich der Zitate nachrichtlich berichtet wurde, in den Streik traten. Stattdessen suchte sich das Thema andere Räume. Im Laufe der folgenden Woche entbrannte eine kleine, aber hitzige Internet-Debatte. Das Zitat tauchte auf einer Seite namens „Lafontaines-Linke“ ebenso auf wie auf dem rechtspopulistischen Portal „Der Nonkonformist“, bei dem die Kommentarfunktion bezeichnenderweise „Stammtisch“ heißt. Ein Blog namens „American Viewer. Blicke eines Amerikaners auf Europa“ beschäftigte sich mit Galtungs Zitat, außerdem die „Achse des Guten“, der Blog, auf dem der Publizist Henryk M. Broder schreibt.

Auch in den konventionellen Medien kam die Diskussion nun in Gang. Beim TAGBLATT gingen einige Leserbriefe ein. Einer der ersten Tübinger, die sich zu Wort meldeten, war Linken-Stadtrat Anton Brenner. Er griff Galtung scharf an und kritisierte auch die Organisatoren der „Friedenswoche“: „Mit Leuten, die so einen Typen einladen, möchte ich nichts zu tun haben“, schrieb Brenner.

Dem Stadtrat geht es darum, seine Partei auf Distanz zu Galtung zu bringen. „Mich hat es geärgert, dass schon wieder die Linke in so eine Antiamerikanismus-Diskussion gerät“, sagt er. Damit spielt Brenner darauf an, dass die Linken-Bundestagsabgeordnete Heike Hänsel bei der selben Veranstaltung auftrat, ohne sich von Galtung zu distanzieren. Antiamerikanismus sei zwar „kein alleiniges Problem der Linken“, aber „einige linke Antiimperialisten verbünden sich gerne mit jedem, der gegen die USA ist“, ärgert sich Brenner. Er nennt das „den Antiimperialismus der dummen Kerle“.

Auch Tübingens OB Boris Palmer (Grüne) hielt eine Rede bei der „Friedenswoche“-Eröffnung. Einige Tage später erklärte er dem TAGBLATT, er habe Galtung in einem persönlichen Gespräch als „klugen und differenzierten Menschen“ kennen gelernt. „Wie er sich zu der völlig unpassenden antiamerikanischen Äußerung hinreißen lassen konnte, ist mir schleierhaft. Ich schließe aber aus, dass es seine Absicht war, die Nazi-Barbarei zu verharmlosen.“

Schneller noch reagierte einer der Verantwortlichen der „Friedenswoche“. Henning Zierock, der Vorstand der Gesellschaft Kultur des Friedens, distanzierte sich noch an dem Tag, an dem das Zitat in der Zeitung stand, von dem Satz, den er selbst bei der Veranstaltung aber nicht gehört habe. „Hätte ich so eine Aussage von einem Redner vernommen, hätte ich sie umgehend als völlig inakzeptabel zurückgewiesen und entsprechend kommentiert“, schrieb Zierock.

Der Tübinger Politologie-Professor Thomas Dietz war nicht bei der Kundgebung. Den Satz kannte er trotzdem. Er hatte ihn bereits am Abend zuvor bei einer szenischen Lesung mit Diskussion im Landestheater (LTT) von Galtung gehört, zu der das Institut für Politikwissenschaft der Uni und das Institut für Friedenspädagogik Tübingen (IFT) eingeladen hatten.

War dem Friedensforscher der Satz also doch nicht nur so herausgerutscht, hatte er sich nicht nur „hinreißen lassen“, wie Palmer vermutet? Dietz weiß auch zu berichten, dass Galtung ebenfalls an jenem Freitag bereits bei einem Workshop mit Studenten ähnliche Äußerungen tat wie tags darauf auf dem Marktplatz. „Dass die Nato der heilige Geist ist, den Spruch kannten einige Studierende schon.“ Dietz glaubt, dass Galtung bewusst provozieren wollte: „Es gibt bestimmte Grenzen, die man normalerweise nicht überschreitet, ohne es zu wissen“, sagt der Politologe. Er glaube zwar nicht, „dass Galtung ein Antiamerikanist ist“, fügt er an. „Aber für ihn ist die politische Klasse der USA eben eines der ganz großen Probleme auf der Welt.“

Eine Teilnehmerin des besagten Workshops war Anne Romund. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am IFT, betont aber, sie könne nicht für das Institut sprechen. (Dessen beide Geschäftsführer sind für längere Zeit im Ausland.) Romunds persönliche Meinung ist aber, dass der Vergleich zwischen den USA und den Nazis „ein Äpfel- und Birnen-Vergleich“ sei, der „so nicht in Ordnung geht“. Antiamerikanische Töne oder gar Nazi-Vergleiche habe sie von Galtung weder bei dem Workshop noch bei der LTT-Lesung gehört.

Warum rufen manche Nazi-Vergleiche so ein enormes mediales Echo hervor und andere nicht? Warum gerät Heiner Geißler mit seinem Goebbels-Zitat derart in die Schlagzeilen, während sich um Johan Galtung außer einigen Lokalpolitikern und Bloggern niemand kümmert? Fest steht: Heiner Geißler sagte seinen Satz vor den Fernsehkameras, Galtungs Provokation ging im Journalistenstreik unter. Außerdem ist Geißler in Deutschland viel bekannter und in der Öffentlichkeit auch präsenter als der norwegische Friedensforscher. Galtung hat kein politisches Amt inne, er sprach in Tübingen als Privatmann und nur für sich selbst. Doch er ist zugleich der Begründer der Friedensforschung, ein weltweit anerkannter Vermittler, Träger des „Alternativen Nobelpreises“ und rühriger Publizist. Für viele Menschen ist Johan Galtung eine moralische Autorität. Wenn gerade so eine Persönlichkeit sich derart unsensibel und aus historischer Perspektive auch schlicht falsch äußert, gibt das zu denken.

Johan Galtung bei seiner Rede zur „Friedensstadt“-Eröffnung auf dem Tübinger Marktplatz. Archivbild: Faden

Kommentar: Wo Galtung nicht Recht hat 10.08.2011 Friedens-Impulse von unten: Friedensforscher Johan Galtung mit harscher Kritik an den USA 18.07.2011

Zum Artikel

Erstellt:
10. August 2011, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
10. August 2011, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 10. August 2011, 12:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Sie möchten diesen Inhalt nutzen? Bitte beachten Sie unsere Hinweise zur Lizenzierung.

Push aufs Handy

Die wichtigsten Nachrichten direkt aufs Smartphone: Installieren Sie die Tagblatt-App für iOS oder für Android und erhalten Sie Push-Meldungen über die wichtigsten Ereignisse und interessantesten Themen aus der Region Tübingen.

Newsletter

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder als Benutzer kostenlos neu registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter verwendet - nur falls Sie auch weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese.
Das Tagblatt in den Sozialen Netzen

Faceboook      Instagram      Twitter           Google+      Google+