Archäologie für Straftäter

Warum ein jugendlicher Räuber ein Keltenhaus mit aufbaut

Jugendliche Kriminelle bauen in einem Resozialisierungsprojekt über dem Taubertal die Rekonstruktion eines keltischen Hauses. Sowohl die jungen Leute als auch Archäologen betreten damit Neuland.

15.09.2010

Von RALPH BAUER, DAPD

Creglingen Jugendliche Straftäter haben für gewöhnlich mit Archäologie nichts zu tun. Bei den acht Mehrfachstraftätern, die gegenwärtig an der Rekonstruktion einer historischen keltischen Siedlung im Creglinger Ortsteil Burgstall (Main-Tauber-Kreis) mitarbeiten, ist das anders. Die jungen Männer sollen beim Bau eines Hauses aus dem zweiten bis ersten Jahrhundert vor Christus helfen. Im "Projekt Chance" sollen sie resozialisiert werden und nach ihrer Haft bessere Bedingungen auf eine Wiedereingliederung in die Arbeitswelt haben.

Einer der Jugendlichen ist der 19-jährige Nico. Er wurde wegen Raubes zu zwei Jahren und acht Monaten Jugendstrafe verurteilt und müsste diese eigentlich in der Justizvollzugsanstalt Adelsheim in Nordbaden absitzen. Vor gut einem Monat hat er von den Arbeiten an der keltischen Anlage gehört. "Ich wollte da gleich mitmachen, schließlich baut man nicht jeden Tag ein Keltenhaus wieder auf."

Sein Betreuer ist Christian Soldner. Der Trägerverein und der zuständige Architekt für die keltische Siedlung wollen eine Art Freilichtmuseum aus der Anlage machen und können die Hilfe der Jugendlichen gut gebrauchen. Auch Soldner profitiert vom Projekt: Als Fachlehrer für Bautechnik könne er die Techniken der alten Kelten in den Unterricht einbringen. Befürchtungen, durch die Teilnahme der Straftäter verlören ansässige Firmen Aufträge, teilt er nicht. "Wir nehmen keinem Handwerker die Arbeit weg." Wenn seine Schützlinge die Arbeit nicht leisten würden, würde sie gar nicht gemacht.

Die Jugendlichen können die Aufgabe gut meistern, ist Soldner überzeugt. Zwar sei die Rekonstruktion des mit Schindeln gedeckten Hauses mit Wänden aus geflochtenen Zweigen und Lehm in alter Technik "eine echte Herausforderung". Aber: "Junge Männer in dem Alter brauchen die."

Für den Archäologen Markus Rehfeld von der Uni Würzburg ist die Zusammenarbeit mit Straftätern völliges Neuland: "So etwas gab es bisher meines Wissens nach nicht." Zumal sie nicht bei irgendeiner keltischen Anlage mithelfen. "Im süddeutschen Raum sind solche häufiger anzutreffen, aber nicht in der Größe von über 120 Hektar." Vermutlich sei das Areal auf einem Plateau über dem Taubertal als Fluchtburg für die Landbevölkerung gedacht gewesen.

Bei den Bauarbeiten stehen die Straftäter nicht unter Bewachung. "Wenn einer weg wollte, könnte er weg", sagt Soldner. Doch derartige Befürchtungen hege er nicht. Jeder seiner Schützlinge wisse, was für ihn auf dem Spiel steht.

Mitglieder des Vereins Keltisches Oppidum (Siedlung) Finsterlohr-Burgstall in originalgetreuen Gewändern bei Creglingen: Die Kelten haben im Taubertal den siebtgrößten bisher bekannten Ort samt Verteidigungswall hinterlassen. Jugendliche Straftäter helfen beim Wiederaufbau, um der Haft zu entgehen. Foto: dapd

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Erstellt:
15. September 2010, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
15. September 2010, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 15. September 2010, 12:00 Uhr

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