Kleines Lexikon der Pandemie

Warum die Quarantäne einst 40 Tage dauerte

Triage, Inkubationszeit, Reproduktionszahl: Die aktuelle Krise wird von Zahlen, Fakten und Fachbegriffen dominiert. Ein kleines Lexikon der Pandemie.

30.03.2020

Von Hajo Zenker

Straßensperre der Polizei wegen Quarantäne in Jessen (Sachsen-Anhalt): Der Begriff stammt aus dem Italienischen und leitet sich von den 40 Tagen ab, die die Quarantäne einst dauerte. Foto: Jan Woitas/dpa

Berlin. Mit der Corona-Epidemie prasselt auch viel Fachchinesisch auf uns ein. Das trägt nicht immer zum besseren Verständnis der Lage bei. Ein Beitrag zur Erklärung in fünf Punkten.

1. Unterschiede bei der Erfassung von Infizierten haben zuletzt für Irritationen gesorgt: 5085 zählte am Freitag die Johns Hopkins University in Baltimore mehr als das Robert-Koch-Institut (RKI). Wie ist das möglich? In Deutschland sind die örtlichen Gesundheitsämter dafür zuständig, Fälle zu erfassen und an die Landesgesundheitsämter zu übermitteln – spätestens am nächsten Arbeitstag. Danach leitet das Land die Daten ans RKI weiter. Ein Freitag erfasster Fall muss also erst am Montag gemeldet werden. Manche Ämter melden noch am Freitag oder auch am Wochenende, andere nicht. RKI-Chef Lothar Wieler räumt „eine gewisse Verzögerung“ ein, dafür liefere das Institut „die offiziellen Endergebnisse“. Dagegen stammen die Daten von Johns Hopkins aus verschiedenen Quellen – von der WHO, nationalen Behörden, lokalen Medien. Mitarbeiter analysieren öffentlich zugängliche Quellen – etwa Internetseiten und Twitter-Accounts. Das auch, weil mehrere Medien eigenständig gesamtdeutsche Daten publizieren. Das geht, weil Landesbehörden schnell Ergebnisse im Internet publizieren – je nach Land zu unterschiedlichen Zeitpunkten. Weil das so ist, wird mehrmals täglich ein Stand errechnet und veröffentlicht.

2. Die Triage und der Tod. Wem wird sofort geholfen, wem später – und wer wird gar nicht behandelt? Über diese Fragen entscheiden tagtäglich Ärzte in Norditalien und im Elsass, weil dort die Kliniken total überlastet sind. Das Verfahren nennt sich Triage. Das Wort stammt aus dem Französischen und bedeutet „sortieren“. Entwickelt wurde die Triage für das Militär – wenn im Krieg schwerste Verwundungen zu behandeln sind, muss man angesichts beschränkter Ressourcen brutal entscheiden: Bei wem macht die Behandlung noch Sinn? Und so wird angesichts der Überlastung in Italien im Zweifelsfall ein 60-jähriger Corona-Erkrankter in einer Intensivstation behandelt, ein 80-Jähriger aber nicht. Denn es gilt als ein Kriterium, dass derjenige Hilfe erhält, der „mehr Jahre geretteten Lebens“ erreichen könne. Für Betagte ein Todesurteil.

3. Vom Wert der Basisreproduktionszahl. Wie viele nicht immune Gesunde ein Erkrankter ansteckt, spielt für die Ausbreitung eines Erregers eine große Rolle. Studien verorten diese Zahl, auch Grundvermehrungsrate genannt, im Fall des Coronavirus zwischen 2,4 und 3,3. Dieser Wert kann laut RKI so interpretiert werden, dass bei einer Basisreproduktionszahl von etwa 3 ungefähr zwei Drittel aller Übertragungen verhindert werden müssen, um die Epidemie unter Kontrolle zu bringen. Man kann es auch andersherum sagen: Wenn zwei von drei Deutschen immun gegen eine Ansteckung sind, kann sich die Krankheit nicht weiter ausbreiten. Damit sind wir dann bei den rund 67 Prozent der Bevölkerung, die sich mit Corona letztlich anstecken dürften. Es sei denn, die Immunisierung erfolgt bereits zuvor durch eine Impfung.

4. Die Inkubationszeit, also der Zeitraum zwischen Ansteckung und dem Beginn von Symptomen, wird mit der Spanne 2 bis 14 Tage angegeben. Das sind allerdings die Extreme – als Normalfall gelten mittlerweile 5 Tage. Das Problem daran: Wer schon infiziert ist, aber noch keine Symptome verspürt, kann andere trotzdem anstecken.

5. Die Quarantäne stammt aus Zeiten einer anderen großen Bedrohung: der Pest. Die stieß im 14. Jahrhundert aus dem Mongolenreich erst bis ans Schwarze Meer und dann bis zum Mittelmeer vor. Um die Pest einzudämmen, beschloss Venedig, ankommende Schiffe 40 Tage lang zu isolieren – die Schiffe lagen im Hafen, die Besatzung durfte zunächst nicht an Land. Von der 40 – italienisch „quaranta“ – leitet sich Quarantäne ab. Für die Dauer gab es keine wissenschaftliche Begründung. Sie bezog sich eher darauf, dass in der Bibel die 40 eine wichtige Rolle spielt. Heute richtet sich die Dauer einer Quarantäne nach der Inkubationszeit der jeweiligen Krankheit.

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Erstellt:
30. März 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
30. März 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 30. März 2020, 06:00 Uhr

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