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Warum Walter Betz mit 83 Jahren noch fast täglich auf dem Platz steht und Tennisstunden gibt
So entspannt sitzt Walter Betz nur auf der Anlage des TC Tübingen, wenn er sich ein Spiel ansieht. Noch immer trainiert der 83-Jährige fast täglich mit seinen Tennisschülern.Bild: Ulmer
Vom Ballsammler zum Trainer: Ein Leben mit dem Filzball

Warum Walter Betz mit 83 Jahren noch fast täglich auf dem Platz steht und Tennisstunden gibt

Die Anweisungen kommen scharf: „Untern Ball! Du warst wieder nicht unten!“ Walter Betz steht neben einem Einkaufswagen mit Tennisbällen und schlägt eine Filzkugel nach der anderen übers Netz.

07.07.2018
  • Vincent Meissner

Betz gibt – wie fast täglich – eine Tennisstunde auf der Anlage des TC Tübingen – trotz seiner 83 Jahre. Und er fordert seinem Schützling auf der anderen Netzseite an diesem Vormittag einiges ab. „Ich bin immer recht hart mit meinen Schülern umgegangen“, sagt Betz. „Weil ich immer Leistung sehen wollte.“

Sein eigener Bewegungsradius ist zwar altersbedingt nicht mehr so groß wie einst. „Ich kann nicht mehr so mitspielen wie früher“, sagt Betz. Doch den Tennis-Verstand und das Gefühl für den Ball hat er noch. „Die Leute müssen einen ja anerkennen und zufrieden sein“, sagt Betz. Damit das körperlich klappt, macht er jeden Morgen Gymnastik. Und spielt so oft wie möglich Tennis. Meistens Doppel.

Betz ist fast jeden Tag auf der Anlage in der Gartenstraße. „Ich guck’ auch ein bisschen nach dem Rechten. Ich bin sozusagen das lebende Inventar hier.“ Nach dem Tod seiner Frau Gerlinde, mit der fast 60 Jahre verheiratet war, hat die Gemeinschaft beim TCT ihm vor knapp zwei Jahren viel Halt gegeben: „Das hat mir damals weitergeholfen“, sagt Betz. „Es ist wie meine zweite Heimat hier.“ Seit 67 Jahren ist Betz Mitglied beim TCT.

Schläge vom Vater fürs Tennis

Zum Tennis kam Betz kurz nach dem Krieg eher zufällig. Beim TC Augsburg fing er als Zwölfjähriger als Ball-Einsammler an. „Das war irgendwie ein Spaß.“ Und weil er eine gute Auffassungsgabe hatte, baten einige Spieler den Teenager, sie zu coachen. „Die haben gesagt, Walter, du sollst nicht nur Bälle auflesen, sondern, du zeigst uns, wo’s langgeht“, erzählt Betz. Damals war das Coaching noch nicht so verbreitet. „Und ich war recht versiert und konnte schon sehr viel sagen.“

Als Trainer bekam Betz zwei D-Mark für eine halbe Stunde. „Damals hast du 6 Pfennige für eine Brezel gezahlt. Da war das enorm!“ Bei internationalen Turnieren in Augsburg schnappte sich der junge Walter in Spielpausen immer wieder mal die Schläger der Spieler und schlug Bälle gegen die Wand. Das führte auch mal dazu, dass ein Spieler dachte, sein Schläger sei geklaut. Wie die Episode ausging, wie er einst Schläger geflickt hat und von einem erfolgreichen Vater-Sohn-Turnier erzählt Walter Betz im Audio.

Audio

Als gebürtiger Berliner kam Betz im 2. Weltkrieg zu seinem Onkel nach Gestratz im Allgäu. Nach dem Krieg kam der Vater als Finanzbeamter beruflich nach Augsburg und auch die Familie zog dorthin. Vom Hobby des Sohnes hielt der Vater gar nichts: „Ich habe sogar Schläge bekommen, wenn ich auf dem Tennisplatz war“, erzählt Betz. Der Vater wollte, dass sein Sohn lernt.

Nach der Volksschule besuchte Betz die Höhere Handelsschule und absolvierte eine Ausbildung zum Repro-Fotografen. Danach arbeitete er erst bei der „Augsburger Allgemeinen“ und kam wenig später nach Tübingen, wo er unter anderem ein paar Jahre beim TAGBLATT angestellt war.

Walter Betz: Tennistrainer mit 83 Jahren

Warum der Tübinger Walter Betz mit 83 Jahren noch fast täglich auf dem Platz steht und Tennisstunden gibt. Die Geschichte eines Lebens mit dem Filzball. Video: Vincent Meissner

03:10 min

1960 machte er sich in der Metzgergasse mit einer Repro-Anstalt mit Offset-Druckerei selbstständig. Schon damals gab er parallel Tennisstunden: „Ich habe teilweise tagsüber Tennistrainer gemacht und abends und nachts gearbeitet“, sagt Betz. Als er im Jahr 1981 aus dem Haus rausmusste, beschloss er nur noch Tennislehrer zu sein. Doch kurz zuvor hatte er noch teure Maschinen für die Firma angeschafft, die er jetzt zu keinem vernünftigen Preis losbekam: „Da habe ich Riesenschulden gemacht“, sagt Betz, der damals 46 Jahre alt war.

In der Anfangszeit in Tübingen fuhr Betz immer noch nach Augsburg zurück, um dort Tennis zu spielen. Doch irgendwann wechselte er zum TCT und trat in der Oberliga an, damals die höchste Klasse. Zwei Jahre spielte er auch beim TV Reutlingen. Auch auf Turnieren war Betz viel unterwegs. Einen ganzen Haufen Pokale hat er zu Hause. „Die schmeiße ich jetzt aber irgendwann mal weg“, sagt er und lacht. Betz spielte gegen Davis-Cup-Finalist Wilhelm Bungert aus Mannheim oder den Ungarn István Gulyás, Finalist der French Open 1966.

Die kleine Rente aufbessern

Als Trainer ist Betz viel rumgekommen: „Ich war überall“, sagt er und zählt auf: „Balingen, Rottweil, Schwenningen, Baierbronn, Nürtingen, Wendlingen.“ 20 Jahre lang hat Betz auch Übungsleiter beim Württembergischen Tennis-Bund ausgebildet. Mehr als zehn Jahre war er als Bezirkstrainer für das Gebiet von Villingen-Schwenningen bis Baiersbronn zuständig. „Ich war in Tenniskreisen im ganzen Land bekannt“, sagt Betz. Wie viele Schüler er unterrichtet hat, ist kaum rauszukriegen: „Ich habe nie gezählt“, sagt Betz. Einige hundert dürften es aber mit Sicherheit gewesen sein. Auch heute noch erkundigen sich viele Leute zuerst mal nach Betz, wenn sie in Tübingen spielen.

Mit etwas Glück sehen sie ihn auch auf der Anlage. Etwa ein Dutzend Leute zwischen 12 und 86 unterrichtet er zurzeit. „Ich habe einige Schüler, die regelmäßig kommen und einige, die anrufen, wenn sie Probleme haben.“ Und Betz hat Freude daran. „Es macht mir immer noch Spaß.“ Auch wenn es mal ein bisschen im Nacken zwickt.

Doch es gibt noch einen weiteren Grund, warum Betz mit 83 Jahren noch auf dem Platz steht: „Weil ich bloß eine kleine Rente bekomme.“ Er brauche zwar nicht viel zum Leben, doch brauchen kann er das Geld vom Tennisplatz schon.

„Schwätz’ keinen Scheiß“

Viele Tennistrainer in seinem Alter kennt Walter Betz (83) nicht. Nick Bollettieri fällt ihm spontan ein. Der US-Amerikaner wird demnächst 87. „Soweit ich weiß, gibt der noch Training“, sagt Betz. Für Betz selbst ist der Sport auch eine Art Therapie: „Wenn ich nicht mehr Tennis spiele, geht’s ganz schnell abwärts“, prognostiziert er. „Vielleicht lässt dann auch der Kopf nach.“ Das ist bislang noch nicht der Fall – oder wie er es selbst ausdrückt: „Ich schwätz’ noch keinen Scheiß raus.“

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07.07.2018, 01:00 Uhr
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