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Warum Mühlacker um einen Mast kämpft
Ausrangiertes Wahrzeichen: Die Einwohner von Mühlacker identifizieren sich mit ihrem weiß-roten Sendemasten. Für die Gartenschau wurde eine kleine Version in einem Spielplatz verwirklicht. In den 1960er Jahren war der Sender so wichtig, dass er auf einer Mokkatasse verewigt wurde. Fotos: Hans Georg Frank Foto: Fotos: Hans Georg Frank
Aufruhr in der Senderstadt

Warum Mühlacker um einen Mast kämpft

18.08.2016
  • HANS GEORG FRANK

Al s Kriminalhauptkommissar hatte Frank-Ulrich Seemann mit organisierten Banden und zu tun. Im Ruhestand kommen dem Pensionär die damaligen Ermittlungsmethoden zupass. „Informationen suchen und auswerten, die Handlungsweise ist gleich geblieben“, sagt Seemann als Vorsitzender einer Bürgerinitiative mit 170 Mitgliedern. Gemeinsam kämpfen sie für den Erhalt des Wahrzeichens von Mühlacker bei Pforzheim. Ein 273 Meter hoher Sendemast, rot und weiß angestrichen, ist das ungewöhnliche Symbol der Stadt mit 26 000 Einwohnern. Weil der Südwestrundfunk (SWR) das weithin sichtbare Gebilde nicht mehr benötigt, soll es abgerissen werden. Der Mittelwellensender wurde am 8. Januar 2012 abgeschaltet.

Der Kampf ums Wahrzeichen schien schon verloren. Als Denkmalexperten die Anlage neben dem Wohngebiet „Senderhang“ 1990 und 2013 für nicht erhaltenswert erachtet haben, hätte eigentlich bereits der Demontagetrupp vorfahren können. Doch Oberbürgermeister Frank Schneider (FDP) erreichte einen Aufschub. Er wollte den Besuchern der Gartenschau 2015 unbedingt das seit Generationen bekannte Panorama mit dem schlanken Sender bieten.

Dann geschah ein Wunder. Bei einer erneuten Überprüfung im Januar 2016 stuften Fachleute das Gestänge im XXL-Format als „technisches Kulturdenkmal“ ein. Das Landesamt für Denkmalpflege pocht auf den Erhalt. Nur die Häuser und Hallen auf dem Sendergelände haben keinen historischen Wert, weil ihr Originalzustand verändert wurde.

Der SWR hält an seinem Abbruchplan fest. „Die Verwendung von Beitragsmitteln zum Erhalt dieses nicht mehr zur Ausstrahlung der Programme erforderlichen Sendermastes ist nicht zu rechtfertigen“, erklärte SWR-Sprecher Wolfgang Utz. Für die kurzfristige Instandhaltung, etwa der Spannseile, müssten 500 000 Euro ausgegeben werden. „Dieses Geld gehört ins Programm investiert, nicht in Sendermasten, die technisch ausgedient haben“, betonte Hans-Albert Stechl, Vorsitzender des SWR-Verwaltungsrates.

Frank-Ulrich Seemann bezweifelt den genannten Betrag. Seiner Meinung nach reichen 250 000 Euro. Doch er hält die Argumentation des SWR für „gefährlich schlüssig“, denn es gehe um die Verwendung der Gebühren. Aber, sagt Seemann, der SWR habe auch eine gesellschaftspolitische Aufgabe: „Der Sender ist ein Stück deutscher Geschichte.“ Sein Verein könnte für den Erhalt des himmelwärts strebenden Objekts jährlich 9000 Euro beisteuern. Der SWR schätzt diesen Aufwand allerdings auf 80 000 Euro.

Die Bürger von Mühlacker, mindestens die alteingesessenen, identifizieren sich mit „ihrem“ Sender. Ein Brot trägt seinen Namen, Würste sind nach ihm benannt und eine Apotheke, es gibt den „Sender-Cup“ der Wasserfreunde und eine Senderstube in einem Restaurant. Es kann auch davon ausgegangen werden, dass der Bau des ersten großdeutschen Senders 1930 der Gemeinde zum Stadtrecht verholfen hat. Mit diesem Rundfunkhilfsmittel sind Rekorde verbunden. Die erste Version mit 190 Metern war das größte Holzbauwerk der Welt, es wurde 1945 gesprengt. Das Nachfolgemodell aus Stahl war um 1950 das höchste Bauwerk der Bundesrepublik. Der bestehende Sender ist 57 Meter höher als der Fernsehturm in Stuttgart.

Was mit dem Relikt vergangener Radiozeiten geschehen wird, ist unklar. „Über den Abbruchantrag und insbesondere über die Frage der wirtschaftlichen Zumutbarkeit wurde bisher noch nicht abschließend entschieden“, teilte die Stadt Mühlacker mit. Das Regierungspräsidium Karlsruhe wartet auf das Signal aus Mühlacker. Ein Rechtsstreit gilt als wahrscheinlich.

„Senderstädter“ werden die Leute aus Mühlacker bisweilen bezeichnet. „Der Sender ist für uns ein Stück Heimat“, sagt Frank-Ulrich Seemann. Er hat schon viele Ideen entwickelt für eine neue Nutzung. Die Seile könnten, mit LED-Leuchten bestückt, den größten Weihnachtsbaum der Republik darstellen. Das Areal mit Weitblick ließe sich gastronomisch nutzen: „Das wäre der geilste Biergarten im ganzen Enzkreis.“ Vom Turm könnten Base-Jumper springen, wofür sich gewiss Sponsoren fänden, meint Seemann und denkt an Red Bull. Auch ein Radiomuseum sei in den Hallen denkbar, über 400 Exponate stehen schon in Aussicht, ebenso die erste Radiowerkstatt Mühlackers. Aber diese Gebäude will der SWR auf keinen Fall hergeben. Dort sollen Übertragungswagen und Kulissen untergebracht werden.

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18.08.2016, 06:00 Uhr
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