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Amflora ist nur der Anfang

Warum Michael Grolm keine Genkartoffeln will

Er möchte die Bevölkerung aufrütteln: Seit Jahren kämpft der Bio-Imker Michael Grolm gegen die Gentechnik. Dabei nimmt er auch persönliche Nachteile in Kauf.

23.03.2010

Von Miri Watson, 17

Kürzlich saß der 38-Jährige sogar vier Wochen im Gefängnis – er hatte bei einer Feldbefreiung mitgemacht und genetisch veränderten Mais umgetreten. Dieser war zu dem Zeitpunkt schon wieder verboten. Dass eine genmanipulierte Kartoffel zugelassen wurde, bereitet Grolm große Sorgen.

Michael Grolm ist in Tübingen kein Unbekannter: Zwar lebt und arbeitet er inzwischen nicht mehr in Wurmlingen, sondern im thüringischen Tonndorf. Doch zum Obstbäume-Schneiden kommt er immer noch jedes Jahr hierher. Und auf dem Weihnachtsmarkt baut er auch regelmäßig seinen Honig-Stand auf.

Mit Demos und Unterschriftenaktionen hat der Bio-Imker früher gegen genetisch veränderte Lebensmittel protestiert: Unerforschte Gefahren, Verlust der Artenvielfalt und Monopolbildung durch große Saatgutkonzerne – das sind die Gründe, weshalb er sich gegen die Agro-Gentechnik engagiert und das Netzwerk „Gendreck weg“ mitbegründete. Als herkömmliche Protestmethoden nichts nützten, begann dieses mit Freiwilligen Feldbefreiuungen – bei diesen öffentlichen Aktionen werden Felder mit genmanipulierten Pflanzen umgetreten, die Aktivisten nehmen bewusst Gerichtsverfahren wegen Sachbeschädigung und Hausfriedensbruch in Kauf. Sie berufen sich dabei auf den Notstandsparagraphen, der besagt, dass man handeln muss, wenn Gefahr im Verzug ist.

Als Berufs-Imker war es für Micha Grolm selbstverständlich, dass er tatkräftig für seine Sache eintreten wollte. Durch den Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen ist auch die Existenz vieler Imker/innen gefährdet. Dass die genmanipulierte Maissorte Mon 810 der Firma Monsanto inzwischen nicht mehr angebaut werden darf, „daran sind wir sicherlich beteiligt. Denn wir haben immer weiter Druck gemacht, bis der Mais dann verboten wurde“, sagt Michael Grolm. Zu tun gibt es für ihn und seine Mitstreiter/innen aber noch viel: Im Mai finden weitere Gerichtsverfahren wegen einer Feldbefreiung in Gatersleben 2008 statt, bei der Feldbefreier/innen gegen den gentechnisch veränderten Weizen dort aktiv wurden. Nur 400 Meter entfernt lagen die Anbauflächen der Genbank Gatersleben, von der aus Pflanzensamen in alle Welt verschickt werden.

Zur Frage, wofür die gentechnisch veränderte Kartoffelsorte „Amflora“ überhaupt angebaut wird, sagt Michael Grolm, dass es eigentlich gar keine Abnehmer für diese Kartoffeln gibt. Normale Kartoffelstärke besteht zu drei Vierteln aus Amylopektin und zu etwa einem Viertel aus Amylose. Für die Industrie ist hauptsächlich das Amylopektin interessant , das in der Papier- und Textilindustrie sowie für in der Kleb- und Baustoffherstellung genutzt wird. Die Amflora-Kartoffeln wurden so manipuliert, dass sie einen besonders hohen Amylopektin-Anteil aufweisen.

Allerdings, so betont Grolm, gibt es konventionell gezüchtete Sorten, die ebenfalls einen besonders hohen Amylopektin-Anteil aufweisen. Alle industriellen Betriebe, die potenziell Amflora-Käufer wären, könnten oder wollten die genmanipulierte Kartoffel zudem wegen ihres Ansehens unter den Kunden gar nicht verwenden. Im Grunde sehe die Situation also so aus, dass die Kartoffeln zwar auf 20 Hektar in Mecklenburg-Vorpommern angebaut werden dürfen, dass aber der Konzern BASF, der diese Kartoffelsorte entwickelt hat und anbaut, noch gar nicht weiß, was er letzten Endes mit den Kartoffeln machen wird. „Amflora wird angebaut, damit die Bevölkerung toleranter gegenüber Gentech wird“, erläutert Michael Grolm. Dass die Amflora-Zulassung sogar im Koalitionsvertrag von CDU und FDP verankert ist, sei ein „Riesenskandal“.

Wenn dies wirklich passieren würde und noch mehr gentechnisch veränderte Pflanzen eine Anbaugenehmigung bekommen, dann könnte es sein, dass es in einigen Jahren keine Bio-Imker wie Michael Grolm mehr gibt – doch das Thema betrifft alle Imker. Denn wenn nicht gewährleistet ist, dass die Bienen hauptsächlich unmanipulierte Pflanzen anfliegen, dann gibt es keinen Gentechnik-freien Honig mehr.

Für Michael Grolm hat die Maisfeld-Befreiung von 2007 immer noch Konsequenzen: Weil ein Kunde des Gentechnik-Konzerns Monsanto ihn verklagte, muss er zwei Tage in den Knast. Die Alternative, 1000 Euro zu zahlen, kam für ihn nicht in Frage. Ob die vier Wochen Beugehaft, die er bereits hinter sich hat, verhältnismäßig waren, wird das Bundesverfassungsgericht klären.

Info

Infos zu den Prozessen gibt es unter www.gendreck-weg.de

Michael Grolm (Mitte, mit Imkerhut) bei einer Gerichtsverhandlung in Rottenburg: Die Prozessbesucher waren auf seiner Seite – mit einem Transparent protestierten Gentechnik-Gegner gegen Mais der Sorte Mon 810. Dieser darf inzwischen nicht mehr angebaut werden (siehe Artikel oben). Archivbild: Faden

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Erstellt:
23. März 2010, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
23. März 2010, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 23. März 2010, 12:00 Uhr

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